Sopranstar

Mojca Erdmann wird zur Konkurrenz für Opern-Diven

Sopranistin Mojca Erdmann hat zwar ihre Karriere in Berlin begonnen, entdeckt wurde jedoch vor fünf Jahren bei den Salzburger Festspielen. Seitdem kann sie große Säle füllen. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt stellt sie nun ihr Arien-Programm vor.

Foto: Felix Broede

Ein lange verborgener Schatz war sie. Einige Jahre sang Mojca Erdmann im Ensemble der Komischen Oper eine Partie nach der anderen, aber dem großen Publikum blieb sie unbemerkt. Dann verließ sie das Opernhaus und wurde zur Reisesopranistin. Vor fünf Jahren begann ihre Entdeckung bei den Salzburger Festspielen. Seither schwärmen das Publikum und die Kritiker von ihr in höchsten Tönen. Sie gastiert regelmäßig an der New Yorker Met, bei den kommenden Festspielen der Staatsoper singt sie unter Daniel Barenboims Leitung die Lulu. Sie kann jetzt große Säle füllen. Am Dienstag stellt sie sich im Konzerthaus am Gendarmenmarkt mit ihrem Mozart-Arien-Programm vor. Was für eine Karriere! Eine neue Diva?

Die Komische Oper war gestern

Lange blonde Haare, grüne Augen. Wunderbar lachen kann man mit Mojca Erdmann, die wir am Potsdamer Platz zum Gespräch treffen. Etwa darüber, wie sie ihr absolutes Gehör entdeckte. „Ich war zehn oder elf, als wir im Gymnasium Schubert-Lieder mit einem Klavierauszug hörten. Irgendwann sagte ich meinem Musiklehrer, dass das, was ich in den Noten lese und in der Aufnahme höre, nicht übereinstimmt.“ Alle großen Komponisten und viele Musiker besitzen die Fähigkeit, ohne äußere Hilfe wie einer Stimmgabel jeden Ton zu bestimmen. Es heißt, jeder zehnte Profimusiker hierzulande hätte ein absolutes Gehör. Es ist eine Gabe und zugleich ein Fluch, denn natürlich hören sie auch jede Abweichung.

Das absolute Gehör bleibt eine rätselhafte Angelegenheit, niemand kann genau sagen, welche Gene dafür zuständig sind. Dabei lässt sich das bei Mojca Erdmann familiär gut nachvollziehen. Ihr Großvater, ein Klavierstimmer, kam von Slowenien nach Deutschland. Ihre Mutter studierte Klavier in Braunschweig, wo sie den Vater kennenlernte. Helmut Erdmann ist heute Professor für Komposition in Hamburg und betreibt das Studio für Neue Musik in Lüneburg. In Hamburg wurde sie 1976 geboren, ein typisches Musikerkind. Geigenunterricht ab sechs, dann im Kinderchor der Hamburger Staatsoper, mit 14 Gesangsunterricht. An der Kölner Musikhochschule studiert sie beim Sängermacher Hans Sotin. Noch während des Studiums, mit 20, wird sie an die Komische Oper verpflichtet. Gesang studiert sie nebenbei zu Ende. Mit der Geige hört sie aber nach dem Vordiplom auf. Der Überfliegerin fehlt die Zeit zum Üben.

Es ist gar nicht einfach, mit ihr über die Zeit an der Komischen Oper zu sprechen. Mojca Erdmann ist ein Mensch, der im Jetzt lebt und wohl von Berufs wegen einige Jahre und Partien voraus denkt. Die Komische Oper war gestern. „Auf der Bühne habe ich laufen gelernt“, sagt sie, „wirklich mit den kleinsten Rollen.“ Gern wird ihr bescheinigt, dass sie klug ihr Sängerhandwerk von der Pieke auf gelernt hat, eine Tugend, die die hungrige Musikindustrie gern ignoriert, die immer wieder junge Künstler zu früh auf den großen Markt treibt. Auch Mojca Erdmann gibt zu, dass sie „ihre Ungeduld zügeln musste, natürlich wollte ich auch größere Sachen singen. Es macht einen verdammt nervös, wenn man nur einen Satz am Abend singt. Wird der verpatzt, hat man keine Chance mehr, ihn auszubügeln.“

Mojca Erdmann hat zweifellos die wildeste Zeit an der Komischen Oper miterlebt, als das Regietheater provokativ die Grenzen auslotete und manchmal überschritt. In Calixto Bietios skandalöser „Entführung aus dem Serail“, die im Bordell spielte, sang sie das Blondchen. Sie brauchte einige Zeit, um Zugang zu ihrer Rolle zu finden. Und dann war da ja auch noch die Verärgerung des Publikums. „Jedes Mal wartete ich darauf, was jetzt passiert: Knallen wieder die Türen, weil Leute rausrennen, oder rufen sie ,Aufhören‘ oder ,Schweinerei‘.“ Sie werde sich immer an diese Rolle zurückerinnern, sagt sie. Nein, Mojca Erdmann würde kein böses Wort über Entgleisungen des Regietheaters äußern. Harmonie liegt in ihrem Wesen. An der Komischen Oper habe sie viel gelernt. „Vom Schauspielerischen her war es das Beste, was mir passieren konnte. Da wurde keine Inszenierung schnell zusammengeschustert. Es gab kein leeres Herumgestehe auf der Bühne.“

In der Badewanne ist bei ihr Ruh’

Aber irgendwann war genug, die Angebote lockten, wurden aber vom streng reglementierten Opernhausbetrieb behindert. „Die Zeit war reif zu gehen, ich wollte freier sein, auch mehr Liederabende machen.“ 60 bis 70 Auftritte macht sie jetzt pro Saison. Sie lebt bei Zürich, ist viel auf Reisen und muss sich selbst organisieren. An der Met gab sie gerade ihr Debüt als Zerlina in „Don Giovanni“, kurz darauf war sie der Waldvogel in „Siegfried“. 2012 folgt die Susanna in „Figaros Hochzeit“. Längst hat auch Barenboims Staatsoper ein Auge auf sie geworfen: Ab Februar probt sie die Lulu. „Mit der Regisseurin Andrea Breth hat sie sich bereits in Brüssel getroffen. „Die Probenzeit wird hart“, weiß sie: „Wir werden an die Abgründe des Charakters gehen. Lulu ist ein Spiegel der Männer, die sie umgeben. Das wird die spannendste Figur sein, die ich bisher gesungen habe.“ Ansonsten spiele sie ja eher die Zofen, Unschuldigen und Naiven.

Auf die Frage, welche Musik sie denn in der Badewanne singe, antwortet sie mit einem entwaffnenden Lächeln. Sie würde nie sagen, dass sie solche Fragen doof findet. Aber die Antwort ist wieder außergewöhnlich wie die ganze Sängerin: „Ich höre gar nicht viel Musik. Ich habe gern Ruhe um mich.“ Sie mache gerne Sport, im letzten Jahr ist sie ihren ersten Halbmarathon gelaufen. „Laufen klärt den Geist.“ Jetzt hat sie in New York den Marathon gesehen. „Da einmal mitmachen, das wär‘s.“

Konzert Konzerthaus am Gendarmenmarkt, 6. Dezember 2011, 20 Uhr. Tel. (030) 203092101.