Konzert

Der große Revival-Schwindel in der O2 World

Wie das Festival "Back To The 80’s" in der Berliner O2 World ein angeblich allgegenwärtiges Jahrzehnt sucht.

Foto: Michael Zargarinejad/Universal Music

Nik Kershaw sieht nicht wie Nik Kershaw aus. Er ähnelt eher dem späten Reinhard Mey. Sein Haar ist kurz und ohne Schwung gefönt, der Bart wächst grau aus seinem Kinn. Auf den Plakaten für das Festival „Back To The 80’s“ trägt er eine Lehrerbrille, auf der Bühne eine Rockgitarre. „Wouldn’t It Be Good“ singt er, ein unvergessenes Lied von 1984, von Nik Kershaw. Das Problem des Abends ist nicht, dass auch Helden altern. Sondern dass die Schau auf der Behauptung gründet, die gefeierte Epoche sei allgegenwärtig. Sobald Fußballer Frisuren pflegen wie Atompilze, die Leute ihre Hosen in die Strümpfe stecken und zwei Synthesizer gleichzeitig zu hören sind, werden die Achtziger wieder erfreut begrüßt. Seit das Jahrzehnt vorüber ist, wird unablässig sein Revival ausgerufen. Davon wird einem ganz schwindlig.

ABC treten in der Berliner O2 World auf die Bühne. Martin Fry, der Sänger, war ein Vorbild früher für die Gymnasiasten mit den Krokodilen auf den Hemden und den breiten Sakkoschultern. Heute tritt er auf im dunkelblauen Bankeranzug. Fry erinnert an den frühen Roland Kaiser. Selbstverständlich stehen zwei der Musiker an Keyboards, einer bläst das Saxofon, die Bühne leuchtet in Magenta und Türkis, und ABC spielen „The Look Of Love“. Das Künstliche war in den Achtzigern Programm. Im Popperstadl von 2011 sorgen die Schlüsselreize nur für die nostalgische Kulisse. Wer ein Rockkonzert der Siebziger besucht, sieht Gäste in gewagten Glockenhosen. Bei Gitarrengruppen aus den Neunzigern sehen die Gäste aus wie Holzfäller. In der O2 World tanzt man sich im Saal die 80-er Jahre von der Seele, aber nicht mit frischer Dauerwelle und in auffälligen Farben. Man trägt, was man heute so nach Feierabend trägt. Und statt Gin Tonic trinkt man Bier aus Rucksäcken.

Fünf Bands sind aus den 80’s angereist. Die Umbaupausen überbrückt Jessica Witte-Winter vom Berliner Spreeradio. Sie hat sich kostümiert mit steingewaschenen Jeans und goldenen Westernstiefeln und erklärt: „Im Nachhinein betrachtet war es cool und lustig. Wir fanden das sexy damals.“ Alle schütteln amüsiert die Köpfe über ihre Modesünden in der Jugend.

Dann legt DJ Nick auf, Wunschmusik, die von Duran Duran bis Guns N’Roses reicht und zeigt, dass es „the 80’s“ gar nicht gab. Es war das Zeitalter, als die Kultur zerfiel in Parallelkulturen. Manche saßen in gestrickten Pullis und in Endzeitstimmung vor Atomkraftwerken. Andere tanzten für die Konjunktur zu ABC und Alphaville. Und wenn die Achtziger im Alltag jetzt tatsächlich wieder da sein sollten, dann im Unbehagen an der Welt und weniger im neobürgerlichen Schick.

Selbst Alphaville sind mittlerweile eine Rockband, und „Big In Japan“ hört sich wie ein Protestsong an. Ihr Sänger Marian Gold hat tätowierte Schultern und geschorenes Haar. „Forever Young“ hat sich als Prophezeiung selbst erfüllt, es wird von Rappern aus Amerika gesungen, von Bushido und von Karel Gott. Kein 50-Jähriger empfindet sich als alt. Aber er weiß, dass seine Jugend in einem Jahrzehnt stattfand, dessen Ästhetik niemandem mehr zuzumuten ist. Wer möchte noch in Sakkos wohnen? Wer im Neonlicht? Wer will Musik, die klingt wie aus der Dose? Die Band Level 42 tritt nicht mehr als Disco-Live-Band auf, sie bollern durch die Halle wie das Funkorchester, das sie immer sein wollten.

Auch Tony Hadley hat sich endgültig von seiner alten Band befreit, von Spandau Ballet. Hadley tänzelt rotwangig herbei im grauen Anzug und mit einem Weißweinglas. Er singt so inbrünstig wie es die kühlen Achtziger ihm nie gestattet hätten „True“ und „Gold“. Bevor er „Through the Barricades“ anstimmt, sagt Tony Hadley: „Nun eine Ballade aus der Zeit, als Menschen noch geraucht haben und Feuerzeuge bei sich hatten.“ Glimmstäbe und Handys flammen auf im Saal. Dann kommen sie zu ihm, Nik Kershaw, Martin Fry und alle anderen, für „Santa Claus Is Coming To Town“. Das Weihnachtslied erlebt alljährlich sein Revival, im Advent.

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