Verarmte Lyrikerin

Wie Else Lasker-Schüler um Kleist-Preis bettelte

Vor 100 Jahren wollte die Dichterin Else Lasker-Schüler unbedingt den angesehen Kleist-Preis bekommen. Ihre Argumente: Sie sei arm und allein.

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Der aufgebrachten Briefschreiberin steht der Sinn nicht nach einer schmeichelnden Eröffnung. „Dass Sie mir nicht den Preis der Kleist-Stiftung gegeben haben, ist direkt das größte Unrecht der Erde“, beklagt sich Else Lasker-Schüler (1869 bis 1945) gleich im ersten Satz, um im zweiten einen Grund zu nennen: „Wo ich so nötig Geld hab – bin allein.“ Der Adressat, der Lyriker Richard Dehmel (1863 bis 1920), kennt die lebhafte, mitunter exzentrische Dichterin gut und dürfte an diesem Novembertag 1912 nicht überrascht von ihrem Ausbruch gewesen sein.

Wenige Tage zuvor war zum ersten Mal ein Preis der Kleist-Stiftung verliehen worden, er soll literarischen Talente durch einen Geldbetrag materiell etwas Luft verschaffen und zugleich auf ihr künstlerisches Werk aufmerksam machen.

Der Anstoß dazu kam von jungen Autoren, Verlegern und Journalisten 1911 zum 100. Todestag Heinrich von Kleists – am 21. November jährt er sich zum 200. Mal – als Zeichen ihrer Verehrung für den Dichter, dessen Leben durch ärmliche Verhältnisse erschwert (wie das ihre) und dessen Lebenswerk durch seinen Selbstmord in sich unfertig abgebrochen war (was künftig verhindert werden sollte).

"Ich arbeit, ich raube Tag und Nacht"

Dehmel war der Vertrauensmann der Stiftung und somit Alleinentscheider über den Preis, den er dem völkischen Autor Hermann Burte und dem Expressionisten Reinhard Sorge zugesprochen hatte. Eine glatte Fehlentscheidung, wie Lasker-Schüler befand.

Eindringlich schildert die 43-Jährige im Brief ihre Lebensumstände. Sie sei frisch geschieden, ihr Mann (der Schriftsteller Herwarth Walden), habe sich „in eine blödsinnige Lockenundame verliebt mit langen, bangen Perlengehängen in den Ohren“. Sie sitze allein in einer Spelunke, ihr Sohn sei an der Odenwaldschule (Kosten: 200 Mark monatlich). „Ich arbeit, ich raube Tag und Nacht – also ich kann bald nicht mehr.“

Verzweifelt bietet Lasker-Schüler an, sie würde auch mit der Hälfte von Kleists hinterlassenem Vermögen zufrieden sein (Kleist hat nur Schulden hinterlassen), 500 Mark, säuselt sie, „da hätt ich mich doch ein bisschen erholen können.“ Dann geht sie über zur Anklage: „Was haben Sie getan, Richard Dehmel, was haben Sie getan? Und dabei hab ich Sie doch so großartig gemalt im Buch Roman Mein Herz. … Das hätt ich nie von Ihnen gedacht, wo Sie doch meine Gedichte lieben.“ Natürlich endet der Brief mit dem Verzweiflungssatz: „Da soll man sich ja aufhängen.“

Mitleid ist kein Kriterium für den Preis

Tatsächlich empfand Dehmel viel Sympathie für Lasker-Schüler, die sich unkonventionell kleidete und benahm, er mochte auch ihre Lyrik, die so schön „labyrinthisch gebaut“ sei, wie er am 13. November 1911 an Walden schrieb.

Und er hatte schon versucht, ihr aus der desolaten Finanzlage herauszuhelfen, etwa als Gutachter in einem Urheberrechtsstreit gegen eine Zeitung, die ohne Honorarzahlung ihr Gedicht „Leise sagen –“ abgedruckt und es mit der hämischen Bemerkung versehen hatte: „Vollständige Gehirnerweichung, hören wir den Leser – leise sagen.“ Für Dehmel ein Skandal. Doch Sympathie und Mitleid waren nicht die Kriterien für den Preis.

Im Spätsommer 1916 versucht es Else Lasker-Schüler erneut. Inzwischen ist sie mit Gottfried Benn liiert. Dieses Mal schreibt sie an Fritz Engel, Redakteur des liberalen „Berliner Tageblatts“ und Mitbegründer der Kleist-Stiftung. Wie bei Dehmel kommt sie ohne Umschweife zur Sache. „Ich bin Else Lasker-Schüler – wollte nur fragen, ob ich nicht mal einen Preis irgendwoher bekomme zum Beispiel von Ihrer Kleist-Stiftung. Kleist hätte ihn mir sicher gegeben.“

Lasker-Schüler ist die älteste Preisträgerin

Sie habe elf Bücher geschrieben, einige selbst illustriert – „und nie geht’s mir gut.“ Doch auch Engel lässt sich nicht erweichen. Wieder erhält ein anderer den Preis. Erst im November 1932 ist es so weit. Wenige Jahre zuvor hatte eine Zeitung dazu aufgerufen, an Kleists 150. Geburtstag sollte ein Ruf an die Nation erfolgen, „die allerärmste, die allerreichste Dichterin deutscher Sprache in ihrer Not nicht versinken zu lassen“ – das wäre 1961 gewesen und Lasker-Schüler 92 Jahre alt. Was als Lob gedacht war, dürfte Lasker-Schüler als Hohn empfunden haben.

Doch auch so kommt die Ehrung ziemlich spät. Mit ihren 63 Jahren ist Else Lasker-Schüler die älteste Preisträgerin in der Geschichte des Kleist-Preises. Zudem muss sie ihn auch noch mit Richard Billinger teilen, einem der meistgespielten Bühnenautoren seiner Zeit, der sich mit seinen mythisch-religiösen Darstellungen wenig später den Nationalsozialisten andiente. Immerhin: Lasker-Schüler hat sich gegen Kandidaten wie Hans Fallada, Rudolf Leonhard und Ernst Wiechert durchgesetzt.

"Ich schäme mich, dass ich den halben Kleist-Preis bekam"

Benn, längst wieder von Lasker-Schüler getrennt, telegrafiert ihr am 11. November 1932: „Ein Glückwunsch der deutschen Dichtung.“ Lediglich der „Völkische Beobachter“ giftet gegen die „knabenhaft-dürre Jüdin“: „Für uns ist, was immer eine Jüdin auch schreibt, vor allem keine deutsche Kunst.“

Das abschätzige Urteil hat sie nicht überrascht. Doch wer dachte, nach dem jahrelangen Warten sei die Dichterin endlich zufrieden, sah sich getäuscht. Vielleicht war sie zermürbt. Oder sie fühlte sich unwohl neben ihrem Mit-Preisträger. Am 20. November schreibt Lasker-Schüler an einen Freund aus der Prager Bohème: „Und ich schäme mich, dass ich den halben Kleist-Preis bekam. – 750 Mark – 476 Miete Schuld sofort bezahlt etc. Dann tranken wir Burgunder.“

Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende: Literaturforscher entdeckten vor einigen Jahren auf der Rückseite von Richard Dehmels Exemplar der Vereinssatzung eine Namenaufstellung für die erste Preisverleihung der Kleist-Stiftung 1912. Keine fertige Kandidatenliste, eher eine Art Vorauswahl mit mehreren Namensgruppen. Else Lasker-Schüler ist dort gleich zweimal zu finden. War also im Gespräch. Ob sie das jemals erfahren hatte, ist unbekannt. Ihren Ausbruch würde das erklären.