Mediterrane Welt

Die Wiege Europas kann man nicht in Euros aufwiegen

Europa wäre ohne die Jahrtausende alte Kultur der Mittelmeer-Länder undenkbar. Dieses antike Erbe sollte uns mehr wert sein als nur Krisen-Kredite.

Foto: picture-alliance / Lonely Planet / picture-alliance / Lonely Planet/Lonely Planet Images

Es war in den Herbstferien, wenige Tage vor dem Rücktritt des letzten griechischen Regierungschefs. Vor dem Parlament in Athen skandierten regelmäßig Demonstranten, jeden Tag streikte eine andere Berufsgruppe, und in den Bars abseits der Touristenströme war Melancholie angesagt. Wir hatten vor Jahresfrist die Reise geplant, um unserer zehnjährigen Tochter das Mittelmeer zu zeigen. Doch während sich die Eltern bemühten, ihre Unruhe angesichts der eskalierenden Situation nicht zu zeigen, erklärte die hellenische Novizin schnell, dass sie hier leben wollte. Ausgerechnet! Warum? Weil es warm sei, beschwingt und klar und weil das Leben so viel weniger hektisch und verplant sei als im strengen Norden.

Brauchen wir noch das Mittelmeer? Diese in zahllosen Leitartikeln hin und her gewendete Frage hätte der große Analytiker des bürgerlichen Kapitalismus ohne zu zögern bejaht: Denn wir leben ja im "stählernen Gehäuse" des modernen Kapitalismus, dessen goldenen und silbernen Antipoden Max Weber in der mediterranen Antike verortete.

Doch der große Soziologe sah darin keineswegs nur ein fernes, verzerrt-überhöhtes Traumbild, sondern er erkannte durchaus den spezifisch hellenischen Pessimismus, die "Atmosphäre konstanter Bedrohung der menschlichen Existenz, die die klassische Antike geprägt hat".

Mittelmeer-Länder ernähren sich von Öl und kleineren Herdentieren

Das Mittelmeer ist keineswegs Griechenland. Und doch darf das eine für die rund 20 anderen Anrainerstaaten dieses Binnenmeeres stehen. Denn all diese Länder leuchten im gleichen Licht, folgen den gleichen uralten Traditionen, ernähren sich von Öl, Hülsenfrüchten, kleineren Herdentieren und Wein, erlebten den Aufstieg dreier verwandter Weltreligionen. Als 2010 die Küche Italiens in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen wurde, wurde damit auch eine Kulturklammer geehrt, die seit Tausenden Jahren Menschen zwischen Barcelona und Alexandria verbindet.

Heute steht diese kulturelle Ökumene für den Inbegriff von Misswirtschaft, Inkompetenz und Korruption. Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und womöglich bald auch Frankreich werden verantwortlich gemacht für den Verrat an den Werten Europas und des Okzidents.

Denn sie wollten Anteil haben am Reichtum der kapitalistischen Welt, ohne sich ihrer Askese, ihrer kalten Ratio und ihrer disziplinierten Bürokratie zu unterwerfen. Allen voran Griechenland, das sich doch offensichtlich den Zugang zu Europa nur durch die Vorspiegelung falscher Zahlen erschlichen hat, soll doch gefälligst dahin gehen, woher es gekommen ist. Und damit den heruntergewirtschafteten Nachbarnationen eine Perspektive eröffnen, meint mittlerweile nicht mehr nur der Stammtisch.

Vielleicht kommt es dazu, muss es dazu kommen, weil die Zahlen einfach erdrückend sind. Das nennt man Sachzwänge, und wer würde sich besser damit auskennen als die Sachwalter des kapitalistischen Geistes. Doch wir sollten über alles nicht vergessen, was uns damit verloren geht .

Wie konnten die Eliten ihre Völker und Staaten derart ruinieren?

Schon die zehnjährige Schülerin aus Berlin hat binnen weniger Tage erkannt, was schon Generationen von Reisenden faszinierte. Dazu kommen eine Schönheit der Landschaft und eine Geschichte, die schaudern macht. Wer einmal in den Ruinen des Orakels von Delphi stand und in die weiten Olivenhaine geschaut hat, die sich die Flanken des Parnass hinaufziehen, der wird überwältigt – oder er ist gefühlskalt. Doch es ist eben nicht nur das Land, das die mediterrane Zivilisation prägt, sondern es sind auch die Menschen.

Und sie lassen sich nicht auf ein Volk von Ruinenwärtern reduzieren. Weder den englischen Adeligen des 19.Jahrhunderts auf ihrer Grand Tour noch den Philhellenen, die den Griechen in ihrem Aufstand gegen die Türken zu Hilfe eilten, ist die Ernüchterung erspart geblieben.

Sie suchten das Land von Schiller oder Byron mit der Seele und fanden – Levantiner in der Wirklichkeit. "Was für ein herrliches Volk sind die Griechen, welcher herrliche Charakter unter den niederen Klassen und welche Schlechtigkeit unter den meisten ihrer Häuptlinge", schrieb ein Philhellene und fasste damit auch die Wut der Gegenwart in Worte:

Wie konnten die Eliten Griechenlands, Italiens oder Spaniens (oder Tunesiens, Ägyptens, Libyens oder Syriens) ihre Völker und Staaten derart ruinieren? Warum kaufen griechische Milliardäre Londoner Straßenzüge auf, während ein Staatsangestellter in Athen nicht mehr weiß, wie er seine Familie durchbringen soll?

Bittere Armut ohne jegliche Perspektive

Auch für diesen Blick in den Spiegel dürfen wir, so bitter das ist, dankbar sein: An den Küsten des Lichts wurden eben nicht nur die Gebote von Demokratie, römischem Recht und Bergpredigt formuliert, sondern auch Völkermorde inszeniert und Staaten als Beute von Clans begriffen. Soziales Engagement war (und ist) den östlichen Kirchen ebenso fremd wie das Sozialstaatsgebot ihren Ländern. Fernand Braudel, der große Historiker des Mittelmeers, hat die "scharfen Zähne" des "nordischen, atlantischen, internationalen Kapitalismus" gegeißelt.

Aber er hat dabei übersehen, dass dieser seinen Arbeitern funktionierende Kranken- und Rentenversicherungssysteme schuf, während die bukolische Faszination eines balkanischen Hirten nichts anderes ist als bittere Armut ohne jegliche Perspektive. Der Ruin des Mittelmeers sollte uns erinnern, dass der Kapitalismus nicht das schlechteste Mittel ist, das menschliche Streben nach Glück zu unterstützen. Andererseits zeigt die arabische Revolution doch auch, dass Geld offenbar nicht alles ist und Armut kein Grund ist, seinen Stolz zu vergessen.

Ohne das antike Erbe Griechenlands, Roms und Israels ist Europa nicht denkbar. Ohne die Renaissance hätte sich dieser kleine Kontinent nicht auf seinen Sonderweg begeben können, der ihn zur Weltherrschaft führte und in furchtbare Katastrophen. Noch könnte uns die Entwicklung in Griechenland, Spanien oder Italien mahnen, es mit dem Kapitalismus und seinen sozialen Begleiterscheinungen nicht zu weit zu treiben. Schulden sind Schulden und der Fortschritt kein ewiges Allheilmittel gegen sie.

Das Mittelmeer und seine Zivilisation hat in 4000 Jahren zahllose Krisen erlebt – und bewältigt. Die atlantische Welt ist diesen Beweis noch schuldig geblieben. Doch jene "schmale Spindel, die sich von Gibraltar bis zum Isthmus von Suez" (Braudel) erstreckt, sollte uns mehr wert sein, als nur als Antithese herzuhalten.

Max Weber hat sich Gedanken darüber gemacht, wer einmal das "stählerne" Zeitalter bevölkern würde. "Dann allerdings könnte für die ,letzten Menschen' dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: ,Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben." Das Mittelmeer könnte uns davor bewahren.