"Lioness: Hidden Treasures"

Amy Winehouse' neues Album blieb unvollendet

Ein halbes Jahr nach dem Tod von Amy Winehouse erscheint ihr drittes Album "Lioness: Hidden Treasures". Es ist wie ein Phantomschmerz – und wurde nie vollendet.

Als Amy Winehouse nicht mehr lebte, pilgerten die Trauernden zum Elternhaus der Sängerin in London. Es war Sommer, sie umlagerten das Anwesen und hörten unentwegt die beiden Platten, die ihnen die Tote hinterlassen hatte. Dann trat Mitchell Winehouse aus der Tür, der Vater mit dem weißen Haar. Er dankte für die Anteilnahme und verteilte die Garderobe seiner Tochter: Sie habe die Kleider sicher nicht für ihn getragen, sondern für ihr Publikum. Das möge immer an sie denken, bat der ehemalige Taxifahrer. Die Gemeinde blieb ergriffen vor dem Tor zurück und klammerte sich an die Erbstücke. Am nächsten Tag eröffnete bei Ebay das Geschäft mit Amys Wäsche.

Trauerarbeit in der Popkultur

So geht Trauerarbeit in der Popkultur. Das dritte Album, mit dem Amy Winehouse in ihren fünf letzten Lebensjahren beschäftigt war, blieb unvollendet. Nicht zuletzt wegen der Alkoholsucht, an der sie zugrunde ging. Dafür erscheint nun zum Advent das Album „Lioness: Hidden Treasures“, das in einem Dutzend Songs erzählt, wie sie zur schönsten Stimme fand, die in der Popmusik zuletzt zu hören war, und wie sie sich und diese Stimme ruinierte. Die Platte enthält Cover-Songs und überarbeitete Versionen von alten Winehouse-Titeln. Es sind überwiegend sogenannte Outtakes, die jetzt als versunkene Schätze in den Handel kommen. Überproduktionsabfälle von den Plattenaufnahmen. Sie wirken heute wie Gesänge aus dem Jenseits. Amy Winehouse starb mit 27 wie so viele Frühvollendete. Doch in dieser verhängnisvollen Rock'n'Roll-Romantik wird auch ihr Talent hinter dem Tratsch und den Tragödien wieder sichtbar. Aus dem Boulevard-Gespenst wird wieder eine Sängerin.

Die Lioness, die Löwin, war sie nie mit ihren großen Augen unter ihrer Haarhaube, den Storchenbeinen und den windschiefen Tattoos. Aber sie konnte immerhin so tun: 2002, als 18-Jährige, singt sie vom „Girl From Ipanema“, als verspeise sie die Sechziger, den Bossa Nova und den Jazz zum Frühstück. Ihre Haltung zur Musik hat sie bereits gefunden. Amy Winehouse lässt sich gehen als wäre sie die betrunkene Diva, die sie später wurde. Sie zerkaut die altbackene Poesie des Klassikers, sie lallt und lacht und steckt den Gitarristen und den Trommler an, bis es nicht sonnig wie an der Copacabana klingt, sondern wie Camden nach der Sperrstunde. Sie holt den Jazz, die komische Musik der Immobilienwerbung und der Studienräte, auf die Straßen Londons und ins 21. Jahrhundert.

Vier Jahre danach versucht sie sich an einem ihrer schönsten Lieder. Amy Winehouse singt „Wake Up Alone“, das in der strengeren Endfassung auf „Back To Black“ erschienen ist: „At least I'm not drinking/ Run around just so I don't have to think about thinking.“ Sie beginnt, mit ihren Trinkgewohnheiten und der Gedankenlosigkeit zu kokettieren. Damals wurde „Rehab“ ihre Hymne gegen den Entzug. Man kann nicht anders, als die nachgelassenen Aufnahmen nach Hinweisen auf ihren Geistes- und Gesundheitszustands abzuhören. Und sich selber dabei zu erwischen, dass man saufende Sänger für authentischer als singende Asketen hält. Als würden Lieder erst in Bier und Wodka wahr und ewig. „Nicht alle Süchtigen haben Amys ungeheures Talent. Oder das von Kurt Cobain oder Jimi Hendrix oder Janis Joplin“, schrieb der Komiker Russell Brand in seinem Nachruf. „Manche Menschen haben nur die Krankheit“.

Es geht nicht darum, die Songs heute moralisch auszuleuchten. Es geht um den Irrtum, dass der Pegelstand im Blut des Künstlers auch die Größe seines Werks anzeigt. Dass Amy Winehouse erst aus geistigen Getränken ihre besten Songs gewinnen konnte. Und dass sie noch Großes vorhatte. 2009 kämpft sie sich durch den „Song For You“ von Leon Russell und die traurige Zeile „when my life is over“. Es berührt einen, wenn ihr die Stimme kaum gehorcht und sie beim Singen Halt sucht.

Sie singen aneinander vorbei

Anschließend bewertet sie den Vortrag von sich selbst enttäuscht mit „halbwegs“. Ihr Vermächtnis sind ihre autorisierten Alben – und der Jammer ihrer Nachwelt über den Verlust der einzigen Sängerin, der es gelungen ist, im Retropop ein Original zu sein.

2011 nimmt sie noch einmal Carole Kings „Will You Still Love Me Tomorrow“ auf und kommt nicht mehr heran an ihre Fassung von 2004. Im Jahr 2006 hatte sie Nas, den Rapper aus New York, in einem Lied erwähnt, und der steht Amy Winehouse schließlich in „Like Smoke“ bei. Nas ereifert sich über die Bourgeoisie, die Wall Street und die Welt von heute – sie wirkt abwesend, während sich London draußen durch die Krisen quält. Die allerletzte Aufnahme ist ein Duett mit Tony Bennett, dem gebräunten Bühnenveteranen von der Sonnenseite des Musikgeschäfts. Sie singen „Body and Soul“, sie singen aneinander vorbei, sie stammen aus zwei Welten. Bennett funktioniert. Und Amy Winehouse hört sich an, als mache sie sich lustig über Billie Holiday, den Jazz und ihre eigene, verlorene Stimme. Es wird sich noch einiges anfinden in ihrem Nachlass. Wie das Kleid, das sie auf „Back To Black“ trug, das gepunktete vom letzten Album. Das wurde gerade erst in London versteigert, für die Jugendsuchthilfe.