Brücke-Museum

Karl Schmidt-Rottluff blickt in Tierseelen

Die Katzen-Holzschnitte von Karl Schmidt-Rottluff gehören zu den bekanntesten Motiven des Künstlers. Wie der gebürtige Dresdner den grafischen Holzschnitt für sich entdeckte, zeigt eine Winterschau im Berliner Brücke-Museum.

Foto: Reto Klar

Ein Katzenleben spielt sich gewöhnlich in geregelten Bahnen ab – zwischen Fensterbank, Zimmerfarn und Flickenteppich. Die beiden schwarzen Stubentiger auf dem Bild von Karl Schmidt-Rottluff haben es sich also bequem eingerichtet in ihrem Dasein. Der Katzenpatriarch hat den Logenplatz auf dem Teppich beansprucht, nun stemmt er die Vorderpfoten ins Polster und überblickt mit langem Hals das Geschehen. Seinem treuen Adjutanten ist derweil nur das freie kleine Fleckchen vor den Blumenkübeln geblieben, er sitzt schon fast in den Ranken des Wohnzimmerdschungels. Von dort aus belauert er mit blitzenden Augen den Betrachter, als halte er ihn für eine besonders leckere Maus.

Es lässt sich wohl kaum abstreiten, dass hier ein Künstler tief in die Tierseele geblickt hat. „Katzen II“ (1914) heißt das Bild des Künstlers, der 1884 als gewöhnlicher Karl Schmidt geboren und der später – unter dem Doppelnachnamen, den er seinem Geburtsort bei Dresden abluchste – doch noch einer der berühmteren Maler des frühen 20. Jahrhunderts wurde. Zu sehen ist sein Katzen-Bild neben anderen Holzschnitten in der gestern eröffneten Winterausstellung im Brücke-Museum.

Karl Schmidt-Rottluff hat in den Jahren 1914 und 1915 drei emphatische Holzschnitte mit Katzen geschaffen. Sie gehören zu den bekanntesten Bildmotiven des Künstlers. Was man jedoch noch nie sehen konnte, waren die beiden schwarzen Gestalten zusammen mit jenen Holzblöcken, aus denen sie sich ursprünglich erhoben hatten. Eine Lücke, die das Museum nun für sich zu nutzen weiß.

In diesem Jahr hat es einen Originalabzug von „Katzen II“ aus einer rheinischen Privatsammlung heraus erwerben können. Den dazugehörigen Holzstock hatte noch der Künstler selbst 1975 dem Museum geschenkt. Nun hängen beide sorgsam gerahmt zum Vergleich nebeneinander – und es ist längst nicht die einzige Zusammenkunft, die Magdalena M. Moeller festlich inszeniert. So gesellen sich auch zu den rollenden rotbraunen Hügeln und der blauen spiegelglatten See von Schmidt-Rottluffs Küstenansicht „Die Bucht“ (1913) die entsprechenden hölzernen Negativformen. Man erkennt noch die Farbe auf ihnen. „Wir haben unseren Bestand an Holzstöcken von Karl Schmidt-Rottluff im vergangenen halben Jahr aufgearbeitet, fotografiert und katalogisiert“, sagt die Direktorin des Brücke-Museums, „da dachte ich mir, dass man sie doch auch einmal ausstellen kann.“ 207 Druckstöcke des Expressionisten besitzt das Berliner Museum. 20 sorgsam gerahmte Paare hängen nun an den Wänden, jeweils der Originalabzug neben der hölzernen Vorlage.

Auf Berliner Balkon gelagert

Der Künstler hat die Holzstücke einst – konservatorisch fragwürdig – auf seinem Berliner Balkon gelagert. Trotzdem sind die feinen Linien und tiefen Kerben in dem Fichtenholz kaum gealtert, an ihrer Funktionalität hat sich nichts geändert.

Schmidt-Rottluff wurde mit der Zeit in seiner Technik immer expressiver. In einem seiner frühesten Holzschnitte, „Bäume im Winter“ von 1905, sind die Formen eigentlich noch sehr kontrolliert und naturalistisch: Die schmalen schwarzen Linien der zerzausten Äste erscheinen vor monochrom weißem Hintergrund, und der Künstler hat im Druck selbst einen feinen Rahmen um das Bild gezogen. In den Jahren 1907 bis 1912, die er stets zur Hälfte im niedersächsischen Dangast am Meer verbrachte, wird sein Stil dann immer deutlicher. In Dangast vereinfacht Schmidt-Rottluff noch einmal seine Motive, trennt die schwarzen und weißen Flächen mit dem Messer sauber voneinander ab, sodass die Holzschnitte immer abstrakter wirken. In Werken wie „Haus hinter Bäumen“ (1911) und „Villa mit Turm“ (1911) scheinen die Gebäude nur mehr aus geometrischen Formen zusammengesetzt. Auch in den Figurdarstellungen der Jahre 1912 bis 1914 zeigen sich neben den gut sichtbaren Arbeitsspuren die scharfen Kontraste, kantigen Linien und spitzwinkligen Gliedmaßen, die heute als stilbestimmend für die Brücke-Künstler gelten. „Der Holzschnitt, der wie keine andere Ausdrucksform zum Stil drängt, kommt Schmidt-Rottluffs aufs Wesentliche gerichteten Art am meisten entgegen“, urteilte die Hamburger Sammlerin Rosa Schapiro, die der Künstler auch porträtiert hat.

Im Holzstock von „Katzen II“ kann man es gut erkennen: Wie fein das Künstlermesser die Gesichter der Tiere gezeichnet hat, als würde er ihnen mit der Hand den Kopf streicheln. Und mit welch groben Hieben er dagegen die Pflanzen im Hintergrund ausgehoben hat – sodass die Späne flogen. Es sieht aus, als würden Staubkörner im Sonnenlicht tanzen. Davor hocken die zwei warmen, schwarzen Katzenkörper, und man muss daran denken, wie sehr die Sammlerin Rosa Schapiro recht hatte: Schmidt-Rottluff hat in seinem Bild das Wesentliche des Katzenwesens erfasst. Mehr Katze geht einfach nicht.

Das Brücke-Museum hat in Kooperation mit der Tageszeitung "Die Welt" 100 Nachdrucke per Hand vom originalen Druckstock abziehen lassen. Die streng limitierte, nummerierte und rückseitig mit dem Stempel der Karl und Emy Schmidt-Rottluff-Stiftung versehene Edition mit den Maßen 50 x 68 cm kostet 750 Euro zzgl. 15 Euro für versicherten Versand. Kundenservice von montags bis sonnabends von 8 Uhr bis 22 Uhr. Tel:0800/1827263 (kostenlos aus dem dt. Festnetz)

Brücke-Museum, Bussardsteig 9, Dahlem. Bis 22. April 2011, Tel.: (030) 8312029