Totengeschichte

"Brand" will Erotik-Thriller und Künstlerdrama sein

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Cosima Lutz

Erst wird die Ehefrau auf dem Sterbebett fotografiert, dann geht es darum, die Pflegerin flachzulegen. Thomas Roths "Brand" mit Josef Bierbichler verzettelt sich.

Selbstverständlich müssen wir an dieser Stelle als Erstes von Josef Bierbichler sprechen. Er spielt die Titelrolle in „Brand – Eine Totengeschichte“, und wie immer, wenn der bayerische Charakterkörperschauspieler die Hauptrolle übernimmt, ist er der energetische Dreh- und Angelpunkt, als wäre das ein physikalisches Gesetz.

Ist es aber nicht, vielmehr ist es Kunst, und das fällt vor allem in Thomas Roths (vorher drehte er „Falco – Verdamm t, wir leben noch!“ sowie diverse Fernseh-„Tatorte“) Film auf, in dem Bierbichler neben einem zaundürren Denis Moschitto einen Schriftsteller mit Schreibblockade gibt. Aus Künstlerfiguren pflegt der Bierbichler (etwa als Maler in Caroline Links „Im Winter ein Jahr“) normalerweise archaische Krisenkraftstrotze zu machen im Format eines brechtschen Baal, der sich mal eben zum Frühstück aus dem Himmel einen Geier pflückt.

Psychologische Erklärungsbrocken

Bei Roth trägt er zumindest Insignien großer Kunst: Wie van Gogh wird er später im Leben mit einem Ohrverband herumlaufen (das Messer führt er aber nicht selbst). Roth begnügt sich also nicht mit der Schreibkrise, schließlich hat er den Bierbichler, und eine bloße Schreibkrise – wie soll man die auch spannend filmen – wäre ja pure Schauspielerverschwendung.

Wir erfahren deshalb gar nicht erst, was, wie und warum Brand schreibt, sondern bekommen stattdessen einen psychologischen Erklärungsbrocken hingeworfen: Seine Frau (Erika Deutinger) liegt sterbend im Krankenhaus, so etwas belastet ja. Aber Bierbichler braucht was zu tun, ein am Schreibtisch Herumsitzender ist dieser Schauspieler nicht, und gab es da nicht mal diesen Fotografenfilm „Blow up“? Roth also lässt Brand Fotos der Todgeweihten machen und hat dann genau eine einzige Idee: Erst beim Sortieren der Bilder auf dem Computer fällt Brands begehrender Blick auf Angela (Angela Gregovic), die junge Pflegerin seiner Frau.

Angelas Geilheit auf Brand

Und dann nimmt das Unheil, unterstrichen von einem toten Reh und schweren Celloklängen, genau den Lauf, der einem halt so einfällt, wenn man nun also Celik, den krankhaft eifersüchtigen Mann Angelas (Moschitto), hinzurechnet sowie die Tatsache bedenkt, dass der ein zur Selbstjustiz neigender Polizist ist und – trotz Wiener Mokka – nur unzureichend an österreichische Sitten angepasster Türke.

Ob er wirklich geglaubt habe, die Frau eines anderen flachlegen zu können, „noch dazu die von einem Türken?“, fragt Celiks Kumpel Brand. Die in jeder Einstellung behaupteten tragischen Fallhöhen funktionieren nicht, schon weil die Charaktere und ihr Gerede auf das Simpelste heruntergebrochen werden: Da ist Angelas Geilheit auf den berühmten Brand, Brands Geilheit auf die scharfe Krankenschwester, und dann kreuzt auch noch ein roboterhafter Priester auf, dessen altbackene Umkehrfloskeln, man ahnt es, am Bierbichler-Brand abperlen.

Vor lauter Ambition, Erotik-Thriller, Künstler-, Sterbe- und Eifersuchtsdrama auf einmal sein zu wollen, bei gleichzeitigem Verzicht auf einen einzigen Gedanken, was das eine mit all dem anderen oder gar mit Fotografie und Schreiben zu tun haben könnte, stottert der Film mühselig vor sich hin. Sogar mit Bierbichler passiert etwas sehr Seltsames, was ihm selten geschieht: In diesem luftleeren Raum fällt er nicht ins Gewicht.