Neues Programm

Warum Kurt Krömer auf die Bühne gehört

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Frederic Schwilden

Foto: Dieter Eikelpoth / Dieter Eikelpoth/Go On promotion

Nach einer Auszeit ist "Der nackte Wahnsinn" Kurt Krömers erstes neues Projekt. Damit tourt er durchs Land, machte Station im Berliner Admiralspalast. Man sucht dabei vergeblich nach einem Konzept. Bühne, Tisch, Stuhl, der Komiker selbst, mehr passiert da eigentlich nicht.

Der Berliner Admiralspalast ist ausgebucht. Vier Tage in Folge präsentiert Kurt Krömer sein neues Programm „Der nackte Wahnsinn“, und es scheint so, als ginge ganz Berlin dort hin. Bis auf die Friedrichstraße stehen Menschen und immer mehr Menschen. Für die Schwarzmarkthändler und die mobilen Bratwurstgriller ist Weihnachten. Hundert Euro verlangt einer für die Karte, die Wurst gibt es wie immer für 1,20.

Auf den ersten Blick hat Krömer nicht viel zu bieten. Im altmodischen, grauen Sakko und der berühmten zwei Nummern zu großen Bügelfaltenhose, sieht er einfach nur belanglos aus. Die Brille, die er trägt, wäre bei einem Werber aus Mitte cool, bei Krömer sieht sie billig aus. In seiner ersten Filmkomödie spielte er so einen belanglosen Typen, der heißt Udo und wird einfach von allen übersehen. Ein bisschen Udo steckt auch in Krömer.

Jahrelang wurde er übersehen. Der Schulabbrecher Alexander Bojcan debütierte 1993 unter dem Namen Kurt Krömer auf zwölf Quadratmetern in der Schöneberger Scheinbar. Am nächsten Tag ging er wieder Treppenhäuser putzen, auf den Bau oder zu anderen Aushilfsjobs.

Seitenhieb auf Mario Barth

Ein Spot ist auf den schwarzen Bühnenhintergrund gerichtet. Durch die Lautsprecher hört man Krömers Stimme. „Arbeitswege freihalten“, knarzt er cholerisch. „Wo ich hin möchte?“, fragt Krömer nun auf der Bühne, „na ins Olympiastadion“. Der Komiker teilt gerne aus, der Hieb in Richtung Mario Barths ist kein schlechter. Wenngleich Krömer und Barth sich nicht unähnlich sind. Beide pflegen den als hart, aber herzlich geltenden Milieu-Humor. „Kackbratze“ trifft auf „Gesichtsrisotto“, wenn ein Bühnentechniker beschrieben wird, der so hässlich sein soll, dass eine Frau mit Buckel und einem „Gesicht wie Dresden 45“ ihn verlassen hat. Während beim Risotto gelacht wird, ist der Applaus bei Dresden eher verhalten.

Man sucht vergeblich nach einer Rahmenhandlung, nach einem Konzept. Bühne, Tisch, Stuhl, der Komiker selbst, mehr passiert da eigentlich nicht. Stand-Up heißt das und ist bei ihm am lustigsten, wenn er fast gar nichts dafür kann. Aus der ersten Reihe schallen Zwischenrufe durch den ganzen Saal, man schämt sich, es gibt viele Zwischenrufe. Routiniert holt Krömer den Schreihals nach oben. Ein Mann, ungefähr Ende 40, das Polohemd spannt um den Bauch, betritt die Bühne, er klatscht sich selber zu. Anscheinend genießt der die Aufmerksamkeit, das Gefühl, mal oben sein zu dürfen. „Wissen Sie, was ich Ihnen jetzt schenke?“, er weiß es natürlich nicht. „Eine dreiviertel Stunde“, lautet die Antwort. Dem Verdatterten drückt Kurt Krömer ein Mikro in die Hand – und es bedarf keiner weiteren Erklärung, warum Krömer oben und das Polohemd eben unten hingehört. Der Komiker zieht weiter an den rechten Bühnenrand, fragt, wo seine Fans denn herkämen, lässt den armen Mann einfach stehen. Erstaunlich viele kommen aus Lichtenberg und Köpenick. Heimlich, still und leise verdrückt sich der Gast wieder auf seinen Platz.

Einer der erfolgreichsten Comedians

Krömer ist inzwischen einer der erfolgreichsten Comedians überhaupt. Dieses Jahr gewann er nach fünf vorhergegangen Nominierungen den Grimme-Preis, den Deutschen Fernsehpreis bekam er schon 2006. Seine letzte Sendung „Krömer – die internationale Show“ schaffte es bis in die ARD. Ohne wirklich Fragen zu stellen, die Namen der Gäste grundsätzlich falsch aussprechend, verbreitete Krömer Fernseh-Anarchie. Er spielte Theater an der Schaubühne, an der Volksbühne. Krömer war omnipräsent. Nach einer Auszeit ist „Der nackte Wahnsinn“ Krömers erstes neues Projekt.

Viel mehr als Beleidigungen hat man bisher nicht gehört. CDU ist doof, die FDP heiße gar nicht mehr so, sondern nur noch „Sonstige“, Florian Silbereisen würde ohne die ARD immer noch am Münchner Hauptbahnhof auf Rudolf Moshammer warten. Krömer stampft dabei ab und zu, mal schreit er. Er ist ein liebenswerter Psychopath und Menschenhasser. Der Feind ist die PC, die political correctness. Jetzt kommen die Negerküsse, die man ja nicht mehr so nennen darf, fett darf man auch nicht sagen, das ganze PC-Geblödel eben. Auf einer Liste hakt er die Witze ab. Diese kleine Geste, der Witz im Witz ist ein kostbarer Moment. Krömer muss sich die Nase schnäuzen, rotzt in den Vorhang. Er macht das, was kleine Jungen immer machen wollen, aber nie dürfen. Aus einer Schachtel fischt er sich eine Zigarette. „Pause“ – Krömer bleibt einfach sitzen.

Ein paar Fans wollen ein Foto. Schließlich darf eine Frau nach oben. Schnürstiefel bis zu den Knien, kleines Bäuchlein, die kann sich auf was gefasst machen. Krömer springt sie an, fällt knutschend über sie her. Damit muss man eben rechnen, wenn man nach oben will. Er bittet sie auf seinen Schoß, spielt in ihren Haaren herum. Er raucht dabei. Auf ihm sitzt Dani aus Lichtenberg, sie kichert die ganze Zeit. Nach zwei Minuten sagt Krömer: „Ich bin fertig“. Dani kichert. „Ich hab schon 'ne Ladung drin.“ Sie ist im sechsten Monat, Krömer raucht weiter, den Feind, die PC bekämpfend.

Am Ende hakt Krömer wieder was in seiner Liste ab. „Beim Publikum bedanken“, er sagt das extra genervt. Drei mal kommt Krömer wieder. Beim zweiten Mal in blau-weiß gestreiften Shorts, beim dritten Mal im Bademantel. Beim Abgang fällt auch dieser: der nackte Wahnsinn.

"Der nackte Wahnsinn" im Admiralspalast in Berlin-Mitte ist ausverkauft.