"Sichtbares Zeichen" in Berlin

Vertriebenen-Stiftung bekommt riesige Fenster

Der Sieger im Architekturwettbewerb für die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin haben neue Pläne. Sie wollen eine Sichtachse zur "Topographie des Terrors".

Große Fenster ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Genau darauf setzt der Siegerentwurf des Architekturwettbewerbs zum Umbau des historischen Deutschlandhauses in Berlin für die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV). Wenn Mitte 2015 der Neubau vollendet ist, sollen vor allem die Besucher der benachbarten Dokumentation „Topographie des Terrors“ auf das riesige Fenster aufmerksam werden.

Diese Verknüpfung der zentralen Ausstellung zum Polizeiapparat des Dritten Reiches mit der Dokumentation über das Schicksal der deutschen Vertriebenen ist gewollt. Stets hat die SFVV betont, die Opfer der Vertreibungen nicht irgendwie aufrechnen zu wollen gegen den von Deutschland ausgegangenen Zweiten Weltkrieg, sondern diese für mindestens zwölf Millionen Menschen prägende Zeit ihres Lebens im Zusammenhang darzustellen. Außerdem soll die SFVV in Sonderausstellungen auch an weitere Vertreibungsverbrechen erinnern.

Flügel des Deutschlandhauses werden abgerissen

Gerade diese Verknüpfung gab schließlich den Ausschlag zugunsten des österreichischen Architekturbüros Marte und Marte. Da das Deutschlandhaus, das ab 1926 am pulsierenden Askanischen Platz als Geschäftshaus errichtet worden war, in der nach 1945 wieder aufgebauten Form als Museumsbau kaum geeignet ist, haben sich die Architekten entschieden, nur den erhaltenen Südwest- und den Südostflügel einzubeziehen. Ihre verputzten Fassaden mit Porphyr-Schmuck werden auch künftig die Ansicht der SFVV von den Straßen aus dominieren.

Die 1959 bis 1966 neu errichteten Flügel nach Nordwesten und Nordosten dagegen werden abgerissen und durch einen modernen Ausstellungskubus aus Sichtbeton und Stein ersetzt, der von dem riesigen Fenster im Hauptgeschoss hin zur „Topographie des Terrors“ geprägt wird. Hier werden alle museumsrelevanten Räume integriert. Die Jury lobte an Martes Entwurf besonders diesen konsequenten Umgang mit der historischen Bausubstanz – dazu zählt aber auch, dass das bemerkenswerte, für die frühen 60er-Jahre charakteristische offene Treppenhaus im Deutschlandshaus verschwindet.

Nach Intrigen und Desinformation

Ingeborg Berggreen-Merkel, die Stellvertreterin von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), sagte „Morgenpost Online“, es gebe keine andere Möglichkeit: „Wir haben sehr gründlich diskutiert, ob man das Treppenhaus erhalten kann. Die Architekten haben uns aber überzeugt, dass dann die gesamte Idee des neuen Ausstellungskubus nicht realisiert werden kann. Denn die weiten Geschossdecken müssen auf neuen Treppenhäusern ruhen.“

Für die SFVV ist der Abschluss des Architektenwettbewerbs eine wichtige Zäsur. Seit die Große Koalition 2005 in den Koalitionsvertrag die Errichtung eines „sichtbaren Zeichens“ für die Opfer von Flucht und Vertreibung in der Bundeshauptstadt festgelegt hatte, wurde über äußere Form und Inhalt dieser Einrichtung heftig gestritten. Mit Intrigen und Desinformation wurden polnische und tschechische Mitglieder dazu gebracht, sich aus dem Beraterkreis der Stiftung zurück zu ziehen.

Die Bewährungsprobe kommt noch

Immer wieder wurde sie zudem gleichgesetzt mit dem in Polen und Tschechien – weitgehend zu Unrecht – verteufelten „Zentrum gegen Vertreibungen“ des Bundes der Vertriebenen und seiner rührigen, bisweilen aber auch höchst ungeschickt agierenden Vorsitzenden Erika Steinbach . Selbst nach der Bundestagswahl 2009 gingen die Dissonanzen weiter; ausgerechnet der damalige FDP-Chef und Vizekanzler Guido Westerwelle hintertrieb mit der öffentlichen Forderung nach Steinbachs Verzicht auf eine Mitwirkung in der SFVV den Koalitionsfrieden und spielte damit sowohl der Opposition in Berlin als auch nationalistischen Kreisen in Polen in die Hände.

Inzwischen hat der anfangs ebenfalls heftig angefeindete SFVV-Direktor Manfred Kittel die Wogen etwas glätten können. Dennoch steht dem Historiker die eigentliche Bewährungsprobe bevor: In der künftigen Dauerausstellung wird seine Stiftung den Nachweis antreten müssen, dass man deutscher Opfer gedenken kann, ohne deutsche Verantwortung für die Ursachen ihre Austreibung aus Ostmitteleuropa zu relativieren. Der jetzt erkennbare architektonische Rahmen dafür jedenfalls überzeugt.