"X Factor"

Mit Po-Schwung und Schmalzstimme ins Finale

Goldenes Mini-Kleid, Kitschgesang und "Rock Star Attitude": Um ins Finale zu kommen, gaben die "X Factor"-Kandidaten alles. Einer blieb auf der Strecke.

Fehlte da nicht einer auf der Bühne? Ein Junge, auf den die kleinen Mädchen stehen? Was man aus den meisten Castingshows gewohnt ist, das sah man im Halbfinale von „X Factor“ nicht. Alle in Frage kommenden Milchbubis hatten sich in den vergangenen Wochen aus dem Vox-Wettbewerb verabschieden müssen.

Und doch versuchte gleich der erste der verblieben vier „Acts“, mit seinem Auftritt in den erfolgversprechenden Gewässern zu fischen. Rufus Martin ist 35 Jahre alt und sieht, wenn man es schmeichelhaft ausdrücken will, auch mindestens so aus.

Ausgerechnet er wagte sich an einen Song aus einem Film, der die Teenies kreischen lässt: „It Will Rain“, ein Stück aus dem neuen „Twilight“-Soundtrack. Im Original gesungen von einem Künstler, der die Teenies kreischen lässt: Bruno Mars.

„Den jugendlichen Appeal von Bruno Mars hast du nicht“, urteilte Jury-Mitglied Das Bo. Er lobte den Show-Auftakt dennoch als „sehr gute Performance“. Seine Kollegin Sarah Connor schloss sich an und bescheinigte dem Kandidat „Rock Star Attitude“. Ihr Sitznachbar Till Brönner ging sogar so weit zu sagen: „Dieser Mann wäre ein sehr würdiger Finalkandidat.“

Na klar: Der Star-Trompeter ist als Mentor für Rufus Martin zuständig. Da ist das Werbetrommeln Pflichtprogramm, um dem Schützling ins Finale zu verhelfen. Wenn Brönner nicht sowieso schon immer so extrem selbstsicher wirken würde – im Halbfinale hätte er es auf jeden Fall sein können: Als Einziger aus der Jury hatte er noch zwei Kandidaten im Rennen.

Der Einzug ins Finale war Brönner gewiss. Ob mit Rufus Martin, dem in München lebenden US-Amerikaner, oder mit David Pfeffer, dem Polizisten aus Duisburg.

"Es war emotional, richtig groß"

Für die beiden galt das Gleiche wie für Raffaela Wais, Kandidatin von Bo, und Sarah Connors Duo Nica und Joe: Ein Lied durften sie sich selbst aussuchen, ein anderes war ihnen vom jeweiligen Mentor nahegelegt worden. Wer auch immer für die Reihenfolge zuständig war, in der die Songs dargeboten wurden, forderte fast eine Stunde Geduld von den Zuschauern, bis es das erste Mal angenehm krachte.

Raffaela Wais schwang ihren Popo im goldenen Mini-Kleid zu Beyoncés „Single Ladies“. Die Optik der 22-jährigen Brünetten, die sich wohl auch in Heidi Klums Topmodel-Show nicht blamieren würde, ist aber nur eine Zugabe. Sie kann nämlich auch ziemlich gut singen. Sarah Connor hielt es schon während des Auftritts nicht mehr auf ihrem Sitz.

Am späteren Abend lieferte Wais das ruhige Kontrastprogramm: Ganz in schwarz und vergleichsweise hochgeschlossen gekleidet, sang sie „Someone Like You“ von Adele. „Für diese Performance gehört dir eine Medaille verliehen“, meinte Till Brönner. „Es war emotional, richtig groß“, fand Sarah Connor. Bei allen, die es nicht begriffen hatten, warb Bo darum, „zu sehen, welche Bandbreite diese Dame anbietet“.

Nicht nur die gesamte Jury lobte die Berliner BWL-Studentin. Stargast Tim Bendzko, von Moderator Jochen Schropp nach seiner Kandidatenwertung befragt, antwortete: „Ich finde die natürlich alle gleich gut. Aber ich bin ja ein Mann. Deshalb bin ich für Raffaela.“

Das waren genügend Zuschauer auch. Ihre Stimmen waren allein ausschlaggebend, die Jury hatte diesmal nicht das letzte Wort. Die 22-Jährige wird nächste Woche im Finale von „X Factor“ 2011 stehen.

"Klassik meets Pop" bei 80er-Schmalz

Das gilt auch für das Duo Nica und Joe aus Sarah Connors Lager. Von einer stilistischen Bandbreite, die Bo Raffaela bescheinigte, kann bei ihnen allerdings nicht die Rede sein. Diesmal unter anderem mit ihrer Version des schmalzigen Achtziger-Jahre-Gassenhauers „I Wanna Know What Love Is“, bleiben sie immer ihrem Prinzip „Klassik meets Pop“ treu.

Für die Jury sowie das Publikum im Studio, an den Bildschirmen und vor allem an den Telefonen ist das aber offenbar kein Nachteil. Sogar Rapper Bo zollte Nica und Joe schließlich Respekt, obwohl er in einem Einspielfilm noch gelästert hatte, weil sich das Duo in der Vorwoche prominente Unterstützung geholt hatte: Die erfolgreiche Operntruppe Adoro hatte mit Nica und Joe auf der Bühne gestanden.

„Wer würde diesmal helfen?“, überlegte Bo. Sein Tipp: „Vielleicht Mickie Krause!“ Unterhaltsam wäre das wohl gewesen. Ein rotgewandeter Gospelchor erwies sich dann aber als zweckdienlicher, um ins Finale einzuziehen.

Und so traf es dann wirklich einen Sänger aus dem Zuständigkeitsbereich Till Brönners. Rufus Martin wird trotz solider Sangesleistung nächsten Dienstag nicht mehr dabei sein. Zumindest nicht aktiv auf der Bühne. Sein Kollege David Pfeffer heimste für seine Darbietungen – unter anderem „Yellow“ von Coldplay – zu Recht viele Lorbeeren von der Jury ein. Er war aber nicht deutlich besser als der Amerikaner.

Was die Bühnenpräsenz angeht, hat der hübsche Polizist sogar das Nachsehen. Er bewegt sich oftmals etwas tapsig zur Musik, längst nicht so sicher wie Rufus Martin. Doch David Pfeffer hat eine Stadt hinter sich, in der man offenbar gerade gegen die Krise antelefoniert. Eskapismus durch Castingshows?

Es ist jedenfalls bemerkenswert, dass es als TV-Kandidat derzeit nicht schaden kann, aus der Ruhrpott-Stadt zu stammen. Das haben zuletzt die Sieger der Sendungen „Der klügste Deutsche“ (ARD) und „Der RTL Comedy Grand Prix“ bewiesen. Vielleicht wird „Sergeant Pepper“ ja der nächste bundesweit bekannte Duisburger Kommissar nach Horst Schimanski.