Late Night

Bei Sandra Maischberger ist die "Ökodiktatur" verpufft

Gegen die "Ökodiktatur" aus Mülltrennung, Energiesparlampen und Windparks wollte bei Maischberger keiner rebellieren. Nur FDP-Vize-Fraktionschef Lindner hielt dagegen.

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Einen knackigen Titel hatte Maischbergers Redaktion sich ausgedacht für die Diskussion: „Eben mal die Welt retten: Droht die Ökodiktatur?“ Und tatsächlich tun sich bei diesem Thema ja gewaltige Gräben nicht nur zwischen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen auf, sondern auch zwischen Nachbarn, Freunden oder Ehepartnern.

Das ist die Crux am Umweltschutz: Man kann in ganz großer Dimension von ihm sprechen, von Ozonloch, Klimawandel, Regenwald – oder man kapriziert sich auf die Frage, ob es denn wirklich sein muss, sich beim nächsten Mal die teuren Energiesparlampen zu kaufen.

Sicher, dieser Spagat ist in einer Talk-Show schwer hinzukriegen. So gilt es am Anfang für Claudia Roth, Parteivorsitzende der Grünen, und für Martin Lindner, Vize-Fraktionschef der FDP, eine Reihe unterschiedlicher Müll-Objekte in die richtige Tonne zu werfen.

Ein kleines Spielchen zu Beginn, das ein wenig zu bemüht versucht, die Zuschauer in ihrer Alltagswirklichkeit abzuholen. „Radio, das ist wohl Restmüll“, brummt Lindner betont desinteressiert und knallt das Gerät in die schwarze Tonne. Er hat sich den Part als Krawallmacher ausgesucht in einer Runde, die an Krawall verblüffend wenig Interesse hat.

Auch der Unternehmer trennt fleißig den Müll

Dass in Deutschland eine „Ökodiktatur“ herrsche, wollen weder der Journalist Roland Tichy noch der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl so richtig unterschreiben. Ihre Mitdiskutanten, der Schauspieler Hannes Jaenicke und der Dirigent Enoch zu Guttenberg, beide überzeugte Umweltschützer, kritisieren die Auswahl dieses Begriffes für die Sendung grundsätzlich.

So sucht Lindner sich mit Roth das naheliegende Opfer für seine Sticheleien aus: „Lächerlich“ sei Roths Engagement gegen den Castor-Transport, und wer Deutschland deindustrialisieren wolle, der solle beim nächsten Mal halt „die anderen“ wählen. Roth hält dagegen mit der eindrucksvollen Zahl von 340.000 neuen Arbeitsplätzen im Bereich der erneuerbaren Energien. Neue Diskussionsansätze sehen anders aus.

So aufgesetzt Lindners Angriffe scheinen, so wirkungslos verpuffen sie auch im allgemeinen Konsens der Beteiligten. An der Notwendigkeit des Umweltschutzes zweifelt niemand, und Wöhrl entpuppt sich neben Hannes Jaenicke gar als einer der eifrigsten Mülltrenner der Runde. Lediglich bei der Frage, ob man auch müssen muss, was man auf jeden Fall ohnehin soll, gehen die Meinungen auseinander.

Und so verheddert man sich im Kleinklein der Neuerungen, Vorschläge und Vorschriften, das die Talkshow für eine Weile beinahe zur Ratgebersendung macht. Bald gebe es unbedenkliche Energiesparlampen ohne Quecksilber, weiß Jaenicke. Und Guttenberg hat mehrfach ausprobiert, wie weit er vom fränkischen Familiensitz mit welcher Durchschnittsgeschwindigkeit fahren kann, ohne zu tanken.

Ein Provokateur fehlt schmerzlich

Man kann es als Fortschritt sehen, dass die Diskussion hierzulande so geführt wird. Dem Schwung der Sendung hingegen ist dieses unentschlossene Springen von einem Detail zum nächsten genauso abträglich wie das Fehlen eines echten Provokateurs.

Den vielgehörten Allgemeinplatz etwa, Windräder verschandelten die Landschaft genauso wie Solarzellen die Dächer, traute sich niemand so recht auszusprechen. Also forderte man stattdessen unisono, Naturschutzgebiete zu respektieren und historische Altstädte pfleglich zu behandeln. Und Lindner würde gerne, so scheint mehr als einmal auf, den Atomausstieg hinterfragen, allein: Wie sollte er?

Fahrt nimmt das Gespräch auf, als die zahlreichen Bürgerproteste gegen Windparks, Stromtrassen und andere Projekte zum Thema werden. „Ich verstehe diese Leute nicht“, sagt Jaenicke. Und: „Ohne Verzicht wird es nicht gehen.“ Das sitzt – eine Kontroverse allerdings löst es im Studio auch nicht aus.

Als Lindner sich zum letzten Mal vergeblich dafür einsetzt, das internationale Umfeld in der Diskussion stärker zu berücksichtigen, ist die Zeit beinahe um. Dabei zielt dieser Hinweis indirekt auf den Kern des Problems: Umweltschutz ist nun mal verdammt kompliziert, mit hochkomplexen Zusammenhängen, die, wenn überhaupt, nur spezialisierte Wissenschaftler erkennen und beurteilen können.

Das Format ist vom Thema überfordert

Es war an Roland Tichy, mehrfach und nachdrücklich auf diese Problematik hinzuweisen: Der Atomausstieg, so Tichy, ließe den CO2-Ausstoß in diesem Jahr um 20 Prozent ansteigen. Der immense Bedarf an Mais und Raps zur Kraftstoffgewinnung führe zu Monokulturen in der Landwirtschaft.

Der Strom für ein Elektroauto komme die Umwelt teurer zu stehen als die Abgase eines sparsamen Benziners. Umweltschutz ist verdammt kompliziert – zu kompliziert, vermutlich, für eine Talk-Show.

Aber diese Erkenntnis könnte weiter führen zu der Frage, wie mit dieser Komplexität umzugehen ist. Wie man den Verbraucher in die Lage versetzt, eine einigermaßen fachkundige Entscheidung zu treffen. Und wie dieser Prozess so transparent gestaltet werden könnte, dass man nicht das Reizwort der „Ökodiktatur“ aus dem Hut ziehen muss, um eine Gesprächsrunde künstlich aufzupeppen.