Wolfgang Ghantus

Der Mann, für den Reden Gold ist

Wolfgang Ghantus gehört zu den dienstältesten Englisch-Dolmetschern Deutschlands. In seinem Buch schreibt er über seine Arbeit mit Politgrößen wie Helmut Kohl, Salvador Allende oder Indira Gandhi – und erklärt, warum ihn nur Walter Ulbricht beinahe aus der Fassung bringen konnte.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Als Wolfgang Ghantus 1950 das erste Mal auf Erich Honecker traf, wusste er nicht, was ihn erwarten würde. Als Übersetzer beim ersten Deutschlandtreffen der Jugend in Ostberlin möglicherweise ein politischer Appell? Doch statt einer Ansprache wartete der damalige Vorsitzende der sozialistischen Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) mit einem Etui voller „Westzigaretten“ auf und zeigte sich gegenüber seinem künftigen Dolmetscher gut gelaunt und spendabel. "Das wird schon", war alles an Motivation, was Honecker ihm damals mit auf den Weg gab.

Die Begegnung mit Honecker markiert den Beginn von Ghantus’ Karriere als Dolmetscher in der DDR. In seinem Beruf, das lernt der Berliner schnell, muss er nicht nur übersetzen, sondern auch zwischen der Welt und einem Gesellschaftssystem vermitteln, in dem bereits eine „Camel“ zum Politikum werden konnte. Fast nie eine leichte Aufgabe. Einige Erlebnisse seiner nun über sechzig Jahre währenden Dienstzeit als Dolmetscher hat der mittlerweile 81-jährige Wolfgang Ghantus in einem Buch festgehalten. In „Ein Diener vieler Herren“, erschienen im Leipziger Militzke Verlag, erzählt er anekdotenhaft von Begegnungen mit Staatschefs und Politgrößen vor dem Hintergrund der Wende.

Als Sohn eines libanesischen Widerstandskämpfers und einer deutschen Mutter fasst er im Nachkriegsberlin trotz seiner "Westkaderakte" schnell Fuß als Übersetzer. Zunächst im Glauben an den "vorübergehenden Charakter der Besatzungszonen" wird Ghantus während seines Studiums an der Universität Halle vom FDJ-Landesverband Sachsen-Anhalt nach Berlin eingeladen und bekommt dort seine ersten Dolmetscheinsätze zugewiesen. Er macht seine Sache gut, wird weiterempfohlen und darf bald bei den III. Weltfestspielen der Jugend als Betreuer-Dolmetscher für die heiß umworbenen westlichen Gäste übersetzen.

Sprachliche Akribie und leidenschaftliches Engagement, auch für politische und gesellschaftliche Debatten, schreibt er, treiben seine Karriere voran, so dass immer öfter auch DDR-Kadergrößen wie Werner Lamberz, Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED, und Walter Ulbricht, dem späteren Staatsratsvorsitzenden der DDR, zu seinen Auftraggebern zählen. Gleichzeitig ist Ghantus darauf bedacht, sich seine berufliche Unabhängigkeit zu bewahren. Er tritt nicht in den DDR-Staatsdienst ein, sondern bleibt einer der unbeliebten Freiberufler.

Dabei gestaltet sich die Arbeit für den Politbetrieb der DDR auch so nicht immer einfach. Erich Honecker, so beschreibt er in seinem Buch, war kein angenehmer Auftraggeber. Zu verschachtelt, zu monoton waren seine Sätze, die Reden sprachlich einfallslos. Seine Ehefrau und DDR-Ministerin Margot Honecker dagegen, lässt Ghantus wissen, war sowohl im beruflichen als auch im persönlichen Umgang weitaus angenehmer – intelligent und flexibel sei sie gewesen.

Doch nicht nur der persönliche Sprachduktus machte seine Arbeit als Übersetzer oftmals zu einer anstrengenden Tätigkeit. Auch geradezu grotesk anmutende Situationen auf der politischen Bühne konnten dem Berliner alles abverlangen, durfte er als Dolmetscher das Gehörte doch nur übersetzen, über den Inhalt bestimmter Gespräche jedoch war ihm geboten zu schweigen.

So schildert Ghantus, wie ihn der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht beinahe die Fassung verlieren lässt, als er im Oktober 1969 – zum 20. Jahrestag des selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaates – für einen prominenten südafrikanischen Anti-Apartheid-Politiker dolmetschen soll. Lang und breit lobt Ulbricht die Fortschritte des Sudan, bis ihm Erich Honecker auf die Schulter klopft und aufklärt, dass er einem Ehrengast aus Südafrika gegenüber sitzt. „Eine Ewigkeit von zwei Minuten“ habe Ghanthus das Dilemma umschiffen müssen und in seiner Übersetzung „die konkrete Nennung des gepriesenen Landes“ vermieden.

Was Ghantus in seinen sechzig Dienstjahren als Dolmetscher erlebte, hat er in seinem Buch lesenswert zusammengefasst. Besonders derlei kuriose Geschichten, die hinter die Kulissen des knöchernen Sozialismus blicken lassen, machen den Reiz des Buches aus. Allerdings deutet Ghantus eben jenen Blick ins Verborgene oftmals nur an. Unbekannte Details über Politgrößen wie Helmut Kohl, Margaret Thatcher oder Salvador Allende streut Ghantus nur vereinzelt ein, viel wichtiger erscheint ihm, Einblicke in die Tätigkeit als Dolmetscher zu geben, die sich ebenso wie die politische Welt in sechzig Jahren bedeutend verändert hat.

Der Autor: Wolfgang Ghantus, geboren 1930, hat in Leipzig und Halle Journalistik studiert. Seit 1949 arbeitet er als Dolmetscher und Übersetzer, zunächst nebenberuflich, seit 1960 hauptberuflich, seit 1953 auch als Simultandolmetscher. Er war auf vier Kontinenten im Einsatz.

Das Buch: Wolfgang Ghantus: Ein Diener vieler Herren - Als Dolmetscher bei den Mächtigen der Welt. Zahlreiche s/w-Fotos, 200 Seiten, 13,5 x 22 cm, Hardcover, ISBN 9783861898467, 17,90 Euro.