Tony Christie

"Mein Sohn hat mich zurück auf die Bühne gebracht"

50. Bühnenjubiläum: Sänger Tony Christie feiert mit seinem neuen Album mal wieder ein Comeback – und ist immer noch auf dem Weg nach Amarillo.

Seit 40 Jahren fragt der 68-jährige Brite Tony Christie mit "Is This The Way To Amarillo?" so ausdauernd nach dem Weg in eine unbedeutende texanische Stadt, dass man darüber beinah vergaß, ihn als Sänger ernst zu nehmen. Doch rechtzeitig zu seinem 50. Bühnenjubiläum hat Christie mit "Now’s The Time!" (Sony) ein Album veröffentlicht, das ihn als Künstler wieder in Erinnerung bringt.

Morgenpost Online : Herr Christie, Sie gelten plötzlich wieder als cool. Wie konnte das passieren?

Tony Christie : Ach, wenn ich das wüsste. Ich fand mich schon immer cool, vor allem die Sachen, die ich in den frühen Siebzigern gemacht habe.

Morgenpost Online : Aber dann ...

Christie : Ich weiß, meine Karriere war ein einziges Auf und Ab. Dass sie jetzt wieder auflebt, ist unglaublich. Es scheint mir, als hätte ich regelmäßig im Abstand von zehn Jahren ein Comeback.

Morgenpost Online : Was war denn vor zehn Jahren?

Christie : Eigentlich war es vor zwölf Jahren. Da hat mir Jarvis Cocker von Pulp einen Hit geschrieben.

Morgenpost Online : Wie ist es dazu gekommen?

Christie : Er hat mich angerufen.

Morgenpost Online : Jarvis Cocker hatte Ihre Nummer?

Christie : Ja, von meiner Schwägerin. Sie wohnt in Sheffield und hat mich eines Tages angerufen und meinte: „Da ist dieser Typ, der deine Telefonnummer will und sagt, dass er einen Song für dich geschrieben hat.“ Sie meinte, er würde Jarvis Cocker heißen, und ob ich wüsste, wer das sei.

Morgenpost Online : Wussten Sie es?

Christie : Klar wusste ich das. Ich meinte zu ihr: „Du machst Witze. Gib ihm die Nummer, sofort!“ Also hat er mich angerufen und sagte, dass er einen Song namens „Walk Like a Panther“ für mich habe. Ich antwortete, dass ich schon längst einen Song namens „Walk Like a Panther“ hätte, der Song sei auf meinem ersten Album. Und er meinte: „Ich weiß, aber der Songtitel gefiel so gut, dass ich noch einen Song geschrieben habe, der genau so heißt.“ Zunächst war ich mir bei dem Stück aber nicht so sicher.

Morgenpost Online : Warum?

Christie : Ich wusste nicht, ob der Song zu mir passt. Aber mein Sohn Sean sagte: „Na ja, er ist anders als deine anderen Sachen, schrulliger, aber ich finde, du solltest ihn aufnehmen.“ Das hab ich getan. Anschließend bin ich zurück nach Spanien geflogen, wo ich damals lebte. Dann kam ein Anruf: „Erinnerst du dich an den Song, den du neulich aufgenommen hast? Der ist gerade in die Top Ten eingestiegen.“ Und ich so: „Nicht dein Ernst!“ Und so war ich plötzlich cool.

Morgenpost Online : Und 2006 gab es „Made In Sheffield“.

Christie : Oh ja, das war ein cooles Album. Es war zwar kommerziell nicht sonderlich erfolgreich, aber das war auch nie der Plan. Aber mit dem Album bekam ich die besten Kritiken meiner gesamten Karriere. Ich hatte plötzlich wieder eine Art von Glaubwürdigkeit zurück.

Morgenpost Online : Hatten Sie je damit gerechnet?

Christie : Nein, niemals. Das war natürlich großartig. Es war auch ein Risiko, jedenfalls ein halbes Risiko, weil Richard Hawley von Pulp, der das Album produziert hat, ziemlich cool ist.

Morgenpost Online : Auf dem Album haben Sie nur Lieder von Künstlern aus Sheffield interpretiert, unter anderem von Human League und den Arctic Monkeys.

Christie : Die Arctic Monkeys waren damals ja praktisch die coolste Band der Welt.

Morgenpost Online : In diesem Jahr feiern Sie Ihr 50. Bühnenjubiläum.

Christie : Ja, meinen ersten bezahlten Auftritt hatte ich 1961. Also habe ich beschlossen, zum Jubiläum eine Tour zu machen und ein neues Album herauszubringen. Eine von den großen Plattenfirmen wollte das Album veröffentlichen. Sie sagte: Was für eine großartige Idee. Lasst uns das machen! Lasst uns all die großen Songs der letzten 50 Jahre auf dieses Album tun. Und ich sagte: Nein. Daran hab ich kein Interesse.

Morgenpost Online : Warum?

Christie : Das wäre ein Schritt zurück. Vielleicht wäre es kommerziell ein Erfolg, aber musikalisch tue ich mir damit keinen Gefallen. Meine Idee war es, ein Retro-Album aufzunehmen – mit neuen Songs, aber aufgenommen in der Art der 60er. Aber das wollte die Plattenfirma nicht. Sie waren nicht interessiert. Aber dann hat der Chef von Acid Jazz Records meinen Sohn angesprochen, offenbar war er Fan von mir. Er meinte zu meinem Sohn, also wenn dein Dad nichts dagegen hat, auf Acid Jazz zu erscheinen, veröffentliche ich das Album gern.

Morgenpost Online : Das Album wurde schon vor einigen Monaten in England veröffentlicht?

Christie : Ja.

Morgenpost Online : Wie kam es an?

Christie : Die Kritiken waren hervorragend. Der „Guardian“ schrieb, dass ich die beste Musik meiner Karriere machen würde.

Morgenpost Online : Mehr kann man nicht verlangen.

Christie : Ja.

Morgenpost Online : Aber wie nimmt das Publikum den neuen Christie auf?

Christie : Ich war zunächst nicht ganz sicher. Als ich in den 80ern keinen Plattenvertrag hatte, schlug mir mein deutscher Manager vor, mit dem Schlagerproduzenten Jack White zu arbeiten, denn Jack war offenbar an einer Zusammenarbeit interessiert. Ich sagte zu, und die Platte war sehr erfolgreich, sie hat gleich drei Mal Platin bekommen. Das war natürlich toll. Ich habe dann drei Alben mit Jack aufgenommen. Aber das war Schlager. Also dachte ich, dass ich in den Augen meines deutschen Publikums ein Schlagersänger bin – weswegen ich auch nicht davon ausgegangen bin, dass mein neues Album in Deutschland kein Erfolg würde. Aber mein Sohn sagte mir: Ach was, sie werden es lieben.

Morgenpost Online : Und lieben sie es?

Christie : Sie finden es wunderbar.

Morgenpost Online : Würden Sie sagen, dass Ihr Sohn einen wichtigen Anteil an Ihrem Comeback hat?

Christie : Unbedingt. Wenn er mir nicht geraten hätte, den Song von Jarvis Cocker aufzunehmen, wäre der ganze Rest vielleicht nie passiert. Er hat mich in England zurück auf die Bühne gebracht. Und er hat mich davon überzeugt, dass ich mit meinem englischen Tourprogramm auch in Deutschland auftreten kann.

Morgenpost Online : Wie kam eigentlich Ihr Duett mit Roisin Murphy zustande? Wie spricht man den Namen eigentlich aus?

Christie : Man sagt Rooschiehn, das hätte ich allerdings auch nicht gewusst. Die Schreibweise gibt darauf keinen Hinweis. Aber zu dem Song: Der war eigentlich schon für mein vorheriges Album „Made in Sheffield“ geplant, er wurde allerdings nicht rechtzeitig fertig.

Morgenpost Online : Also haben Sie ihn aufbewahrt.

Christie : Zum Wegwerfen war er viel zu schade.