Deutsche Sprache

Bastian Sick lebt von den Fehlern der anderen

Gewunken oder gewinkt? Mit seinem neuen Buch lädt Bastian Sick zu einem Sprach-Quiz. Sein Albtraum: die Verkümmerung des deutschen Wortschatzes.

Foto: Michael Rauhe

Heißt es Wischmopps oder -möppe, gewunken oder gewinkt, ist das Herunterladen von elektronischen Daten mit downgeloaded oder gedownloaded korrekt konjugiert? Und schwimme, schwämme oder schwömme ich zu dir, wenn ich ein Fischlein wär?

All diese Fragen aus dem Fundus der Irrungen und Wirrungen der deutschen Sprache, die in Bastian Sicks neuem Buch auftauchen, sollen beantwortet werden. Doch bevor es losgeht, möchte Bastian Sick, dass ein Foto von ihm und dem Gast gemacht wird. Die Assistentin wird herbeigerufen, man lächelt in die Kamera, das Gegenlicht von links stört, es wird näher zusammengerückt. Dann endlich: Es blitzt.

Überhaupt wimmelt es von Fotos in Bastian Sicks Büro in der Hafencity: Er vor einem großen Schiff, er im Smoking an der Seite von Udo Jürgens , er mit Moderator Reinhold Beckmann im TV-Studio. Man könnte meinen, der Entertainer sei ein Narzisst, aber der Fall liegt anders.

Auch Sick rätselt über die Grammatik

"Da kommt der Archivar in mir durch. Eine Angabe ohne Datum ist für mich wertlos. Egal ob Fotos, Musiktitel, Erinnerungsstücke - alles wird mit Datum und Ortsangabe versehen und gespeichert." Der 46-Jährige, dem der Titel "Deutschlehrer der Nation" verpasst wurde, macht keinen Hehl aus seinem Zwang: "Ich brauche Ordnung um mich herum, als Ausgleich zum kreativen Chaos in mir."

Ein Geständnis, das überrascht, denn bei allem, was Bastian Sick macht, geht es sehr korrekt zu. Er gilt als Experte, wenn es um die deutsche Sprache geht, und weiß, das für die Masse unterhaltsam zu verpacken. Sein neues Werk heißt "Wie gut ist Ihr Deutsch?", erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (9,99 Euro). Dabei handelt es sich um ein Quiz, bei dem der Leser sein eigenes Wissen überprüfen kann.

Wer das Buch vor einem Treffen mit ihm durchgeblättert hat, kommt kleinlaut zum Gespräch, schließlich ist man sich bei vielem auch nicht so sicher. In der Gegenwart des Grammatikfreaks ist man entsprechend demütig, man spricht langsam, um ja keine falschen Satzbezüge oder schiefen Vergleiche zu bauen, und auch der Meister selbst räumt sich Denkpausen ein, bevor er formuliert. Nach einer Weile verfliegt diese Zaghaftigkeit, denn er selbst bekennt, dass die Beispiele im Grammatikteil sich aus jenen zusammensetzen, über die er selbst lange rätselte.

Er schreibt die "Zwiebelfisch-Kolumnen"

Oft sei ihm unterstellt worden, er würde sich über bildungsferne Schichten lustig machen, doch das Gegenteil sei der Fall. Bis vor acht Jahren arbeitete er noch als Dokumentationsjournalist im Spiegel-Verlag. Seit 2003 schreibt er seine "Zwiebelfisch"-Kolumnen für "Spiegel online", aus denen sich seine Bücher und auch seine Lesungen speisen. Auf das Thema "Falsches Deutsch" brachten ihn nicht etwa die Werbung für ein Nageldesign-Studio oder die Angebotstafel einer Imbissbude, sondern die Beschäftigung mit der Sprache der Journalisten.

"Ich finde es unerheblich, wenn die Rechtschreibregeln in SMS und E-Mails nicht eingehalten werden. Das ist schließlich jedermanns Privatsache. Doch sobald Sprache im öffentlichen Raum verwendet wird – in den Medien, in der Werbung, auf Speisekarten und Hinweisschildern – darf man einen sorgfältigen Umgang erwarten. Dass es da doch immer wieder zu Fehlern kommt, ist für den einen ein Ärgernis. Für mich ist es inzwischen zum Lebensunterhalt geworden", sagt Bastian Sick mit einem Schmunzeln, und präsentiert eine Reihe der jüngsten Beispiele, die er gesammelt und im Foto festgehalten hat.

"Liebe Gäste, Badetücher bitte liegen lassen. Das Zimmermädchen hängt Sie dann zum Trocknen auf den Balkon." Oder die Aufschrift auf einem Aktenvernichter-Lkw: "Wir hüten keine Geheimnisse. Wir vernichten Sie!"

Donnat, Donuld oder Doughnut?

In einer beleuchteten Vitrine, die in seinem Büro steht, sind all seine Bücher präsentiert. Man könnte meinen, bald gebe es keine kniffelige Konjugation mehr, die noch nicht von ihm entlarvt wurde, keine falsche Präposition ("Komm bei Mama"), keine überflüssigen Adjektive ("weltweite Globalisierung"), keine falschen Redewendungen ("der Strand lag ein Katzenwurf vom Hotel entfernt").

Wären da nicht die Anglizismen, die sich ihren Weg aus dem Umgangssprachlichen in die Behördensprache bahnen. "Da wird ja wieder allerhand falsch gemacht. Ich liebe diese Fehlerquellen, schließlich lebe ich ja davon", sagt Bastian Sick. Er habe inzwischen rund zwölf verschiedene Schreibweisen des Wortes Doughnut fotografiert.

Von Donnat bis zu Donuld. Und auch bei den frittierten Geflügelfleischklumpen - lauten sie nun Chicken-Naggets, Chicken-Nagets, Chicken-Nackets oder gleich Chicken-Wrings - gehen die Meinungen auseinander. "Sie lachen. Aber hätten Sie gewusst, ob ein Eintopf mit grünen Bohnen ein grüner Bohneneintopf, ein Grüner-Bohnen-Eintopf, ein Grüne-Bohnen-Eintopf oder ein grüne Bohnen-Eintopf ist?" Also, jetzt lassen Sie aber mal die Katze im Dorf!

"Sprache ist das Abbild der Demokratie"

Doch all das bereitet jemandem wie Bastian Sick keine Sorgen, eher Lachfalten. Bastian Sick betrachtet Sprache als Schatz, der gepflegt und zuweilen auch aufpoliert werden will. "Sprache ist lebendig, und sie ist das vollkommene Abbild der Demokratie: Jeder kann auf ihre Entwicklung einwirken. Am Ende setzt sich dasjenige Wort durch, das von der Mehrheit als praktikabel angesehen wird. An dem Wort 'Single' etwa stört sich niemand, weil es eindeutig ist, und jeder weiß, was es bedeutet."

Mit Sorge betrachtet er jedoch die Zunahme englischer Wörter, die scheinbar neuen Glanz schaffen, in Wahrheit aber Verwirrung stiften: "Wenn man eine Stellenausschreibung für einen Facility Manager sieht, weiß dann wirklich jeder, dass damit ein Hausmeister gesucht wird? Englisch dient oft der Schönfärberei, und dann ist es lästig."

Eine Entwicklung, die er ebenso kritisch beobachtet, ist der inflationäre Gebrauch von Agentur-Jargon. Die betont objektive Ausdrucksweise gehe oft zulasten der Aussagekraft. "Viele übernehmen diese Worthülsen und machen sich nicht mehr die Mühe, einen Sachverhalt mit ihren eigenen Worten auszudrücken."

Mehr Mut zum eigenen Stil

Eine Tendenz, die er bei der Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften beobachtet, aber auch bei Äußerungen von Politikern und Beamten. Das Deutsch der Beamten sei keinen Deut besser geworden, sagt er und holt einen Stimmzettel zu einem Bürgerentscheid des Bezirks Hamburg-Nord hervor, in dem über Abriss und Neubebauung eines alten Wohngebiets abgestimmt werden soll. "Wenn man dafür ist, muss man Nein ankreuzen, dagegen bedeutet Ja. Das ist komplett unlogisch und leider wieder mal typisch für unser Beamtentum."

Letztendlich wünscht er sich mehr Mut zum eigenen Stil. "Sprache ist Ausdruck der Persönlichkeit, ich wünsche mir, dass jeder in der Lage ist, dieses Instrument voll auszukosten." Wann empfindet er Lesen als Genuss? "Wenn jemand eine präzise, schnörkellose und dabei zugleich ausdrucksstarke Sprache besitzt." Schließlich lägen Anmut und Stärke eines Eindrucks oftmals in der Schlichtheit.