Late Night

Von der "Generation Spardidas" zur "Generation doof"

Bei Günther Jauch wird Bildung zum alten Turnschuh und ein Fußballtrainer zum Schulexperten. Der lässt seine Kinder dort lernen, wo er die größten Bildungschancen sieht.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die in den 60er- oder 70er-Jahren geborenen Kinder kennen das Problem: Trägst du die Schuhe mit den drei Streifen oder mit den zwei Streifen? Adidas oder "Spardidas" war die Klassenkampffrage des Schulhofs. Wer die drei Streifen hatte, war schon oben. Wer die zwei Streifen des Billigprodukts trug, wollte nach oben.

Der 1972 geborene Unternehmer und Berliner SPD-Politiker Harald Christ gehörte als Sohn eines Opel-Arbeiters zur Spardidas-Fraktion. Was das mit Günther Jauchs Thema "Generation doof - Warum gibt es so viele Bildungsverlierer?" zu tun hat?

Nun, Christ glaubt, dass es die Spardias-Träger der damaligen Generation schwerer hatten. Und er glaubt, dass auch lange nach dem Verschwinden dieser Anti-Marke die Kinder aus den sozial schwächeren Familien nach wie vor eher die Bildungsverlierer sind.

Vom "harten Hund" und der zu netten Lehrerin

Das ist bitter - allerdings nicht neu. Doch Jauch, der als Sohn eines angesehenen Journalisten mutmaßlich zur Adidas-Fraktion gehörte, näherte sich diesem Problem dennoch nicht an. Nicht nur das: Er näherte sich keinem Bildungsproblem oder Phänomen so richtig an.

Dabei hatte ihm die Bertelsmann-Bildungsstudie eine fundierte Vorlage gebracht, weil sie das Süd-Nord-Gefälle in der Bildungsqualität darstellte. Fünf Gäste durften darüber diskutieren: Außer Christ auch Monika Hohlmeier, die Franz-Josef-Strauß-Tochter und ehemalige bayerische Schulministerin. Felix Magath, der Fußball-Trainer des VfL Wolfsburg.

Außerdem Michael Rudolph, ein für eiserne Disziplin kämpfender Berliner Realschulrektor. Und Sabine Czerny, eine durch zu gute Noten für ihre Schüler in Bayern negativ aufgefallene Grundschullehrerin.

Dazu wurden am Anfang der Sendung zwei junge Bildungsgewinnerinnen vorgestellt: Heide Steppke, die dadurch Eindruck machte, dass sie mit 71 Jahren noch das Abitur gemacht hat und nun studiert. Und Jana Vijayakumaran. Die 14-Jährige kann nicht nur Goethes Faust auswendig. Sie hat auch schon zwei Klassen übersprungen und wird bald Nordrhein-Westfalens jüngste Abiturientin.

Mangelndes Grundwissen als Problem

Zwei wirklich prächtige Lebensläufe. Doch jede Deutschlehrerin hätte dem Günther ein böses "Thema verfehlt" unter diesen Einstieg der Sendung geschrieben. Oder wieso sollten ausgerechnet diese Gewinnertypen die Richtung zu den Verlierern weisen?

Jauch jedenfalls gelang es in keiner Phase der Sendung, sich dem Problem der Bildungsverlierer wirklich zu nähern. Womöglich auch, weil es die angebliche "Generation doof" gar nicht gibt? "Ich würde sagen, es ist nicht besser geworden, es ist auch nicht schlechter geworden", sagte Unternehmer Christ.

Und Schulrektor Rudolph sieht sogar mehr Chancen zum Aufstieg als früher. "Ich denke, dass es eher leichter ist, das Gymnasium zu bestehen und ein Studium zu machen."

Selbst, als Jauchs Team ein wirklich erschreckendes Beispiel für mangelhaftes Grundwissen brachte, löste das keine Aufregung in der Runde aus. In einer Tischlerei hatte die Redaktion mit versteckter Kamera Bewerbungsgespräche geführt.

Eine der Rechenaufgaben: Drei Bretter sind 2,10 Meter lang. Wie lang ist dann ein Brett? Von sechs Bewerbern kam nur einer auf die 70 Zentimeter.

Das Elternhaus ist entscheidend

Schulrektor Rudolph sah da zwar die "Mitverantwortung" der Schule. Aber bei ihm etwa sei dies Problem längst gelöst: Mit täglicher Übung würden die Schüler die Grundrechenarten beherrschen. Und Christ wies das Beispiel als "sehr pauschal" zurück.

Er landete auch bei diesem Beispiel gleich wieder beim Elternhaus. "Das Elternhaus ist mit maßgeblich." Das fand auch Hohlmeier, die "definitiv schlechte Chancen" für Kinder sieht, deren Eltern sich nicht für die Bildung des Nachwuchses interessieren.

Doch schade, dass es scheinbar ein Tabu ist, solche bildungsfernen Eltern einzuladen. Oder zumindest Experten einzuladen, die mit solchen Eltern regelmäßig zu tun haben und deren Schwierigkeiten schildern können.

Das nach der Analyse von Christ und Hohlmeier zentrale Problem, dass diese Eltern nichts für ihre Kinder tun, und ob dieses Problem nicht doch gelöst werden kann, blieb so undiskutiert.

In der Summe blieb Jauchs Talk deshalb so diffus und ziellos wie viele Gespräche in dem weiten Feld der Bildungspolitik . Grundschullehrerin Czerny durfte ein Plädoyer für die Kinder halten: "Alle Kinder wollen lernen", sagte sie. Oder "Gutes lernen hat ja nichts mit Kuschelpädagogik zu tun."

Felix Magaths Bildungstipps

Czerny ist inzwischen Buchautorin, nachdem ihr Rauswurf an einer Grundschule Schlagzeilen gemacht hatte: Sie musste die Schule wechseln, nachdem ihre Schüler immer viel besser abschnitten als andere. In der Jauch-Runde blieb Czerny allerdings durchweg an der Oberfläche, ihr "gutes Lernen" konnte sie nicht mit Leben füllen.

Der zu Beginn der Sendung als "harter Hund" verkaufte Rudolph wiederum lag viel mehr auf einer Linie mit Czerny, als es eigentlich anklang. Auch seine Betonung der Disziplin dient vor allem dem Ziel, den Schülern möglichst zu helfen.

Doch immerhin, eine Antwort auf das Problem des Bildungsgefälles gab die Sendung. Eltern, die in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg oder manchen Teilen Nordrhein-Westfalens leben, sollten es im Sinne ihrer Kinder "einfach" so halten wie Felix Magath.

Der würde zwar am liebsten in seiner Lieblingsstadt Hamburg wohnen, sagte der Trainer, der aus zwei Ehen sechs Kinder hat. Mit seiner zweiten Frau, mit der er drei Kinder hat, habe er sich aber bewusst dagegen entschieden.

"Wir haben uns für München entschieden als Standort, wegen der Bildung, weil wir wollen, dass unsere Kinder was lernen." Dumm nur, dass sich die wenigsten leisten können, an den besten Bildungsstandort zu ziehen.

Doch Magaths Lebenslauf bietet womöglich eine andere Lösung: Er kam als Sohn einer alleinerziehenden Mutter selbst aus einfachen Verhältnissen. Doch die habe sich trotzdem das Paar Adidas-Fußballschuhe für ihren Sohn abgespart. Sie kaufte die Schuhe einfach ein paar Nummern zu groß, damit ihr Sohn sie mehrere Jahre tragen konnte.

Übertragen auf die Bildungspolitik: Steckt die Kinder auch aus den einfachen Familien in die beste Bildung - irgendwann wachsen sie hinein.