Konzertreihe

Zum privaten Wohnzimmer-Konzert nach Neukölln

In einem Loft am Hermannplatz ist eine Konzertreihe gestartet, die nur in Wohnungen stattfindet. Zum Auftakt weihnachtete es sehr mit Smith & Burrows und ihrer Platte "Funny Looking Angels".

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Vor einem Aufzug im Hinterhof nahe dem Hermannplatz brennen fünf Kerzen. Ein ganz in schwarz Gekleideter steht davor, drückt still auf den Knopf. Nach einigem Rattern geht die Tür auf. Tür zu. Wieder Rattern, dann steht eine Frau im Hosenanzug vor einem, will den Namen wissen. Man wurde entweder eingeladen oder nahm an einer Verlosung teil. Jetzt gibt es noch den Umhängepass, heute Abend ist jeder VIP. Mit quietschendem Edding schreibt sie den Vornamen darauf, so wie bei Starbucks auf Becher.

Ein neuer Internet-Musik-Dienst und eine Firma, die coole Ferienwohnungen an noch coolere Reisende vermietet, präsentieren den Auftakt einer Konzertreihe, bei der internationale Künstler in diesen Herbergen auftreten. Bei der Premiere sind das Smith & Burrows. Andrew Burrows war bei der britischen Rockband Razorlight, seit drei Jahren ist er solo und als Drummer von We Are Scientists unterwegs. Tom Smith ist der Sänger mit der schönsten Stimme überhaupt. Sein dunkler Bariton hüllt jeden Song der Editors in kühle, schwere Tücher. Zusammen haben Smith & Burrows eine Weihnachts-Platte aufgenommen: „Funny Looking Angels“. Die ist wirklich toll, keine Best-Of-Reste-Rampe, ganz reduziert instrumentiert.

Um kurz vor neun ist das schicke Loft gut bereits gefüllt. Junge Mädchen in Werbe-Shirts gekleidet, reichen Glühwein und Mini-Roastbeef-Burger. „Was Süßes zum Schluss?“, kommt die Frage mit einem Augenzwinkern daher. „Was jetzt? Die Schoki oder Du“, ist noch eine der niveauvolleren Antworten darauf.

Wer in dieser Wohnung Urlaub macht, hat das große Los gezogen. Die Wände sind teilweise unverputzt, das sieht wild und künstlerisch aus. Das Bad ist der absolute Höhepunkt. Dunkelgrau, wie Schiefer ist es gefliest, durch die Oberlichter blickt man an die Decke des großen Raums, in dem schon Klavier und Gitarre für später stehen. Smith und Burrows betreten den Raum, setzen sich langsam auf ihre Plätze. Im Roten Flanell-Hemd und braunen Wanderschuhen mit roten Schnürsenkeln lässt Burrows die ersten Noten vom japanischen Klavier durch den Raum wehen. Smith wartet an seiner Gitarre. Wie die beiden da hinter einem Kerzenleuchter, mitten in einer Wohnung voll Glühweintrinkern spielen, muss man an die Adventsstündchen zu Hause denken.

„No need to run and hide/ It's a wonderful, wonderful life“, stellt Smith in einer Cover-Version von Blacks „Wonderful Life“ fest, Burrows sitzt noch am Klavier. Der Applaus stimmt beiden ganz andächtig zu. Die Kerzen vor ihnen flackern. Sie tauschen die Plätze. Wenn Burrows singt, klingt das keineswegs unschön, aber belangloser. Die Stimme ist viel dünner. Eine sehr aufgedrehte Frau in der ersten Reihe gackert immerzu, Blitze schießen aus ihrer Kamera. Smith & Burrows machen das, was souveräne Lehrer machen, wenn ihnen keiner mehr zuhört: sie hören einfach auf. Einfach so hört man jetzt nur noch die Frau, die kurz darauf verschwindet. „Wenigstens zehn Minuten könnte man doch mal ruhig sein“, sagt der beleidigte Smith und wünscht noch ein gemeines „Merry Christmas“ hinterher. Den Song beginnen beide noch mal von vorne. Danach entschuldigt er sich, so harsch reagiert zu haben. Das sei auch die erste Dinnerparty für ihn gewesen. „This Ain't New Jersey“ heißt der letzte Song, da wird alleine getrunken am Weihnachtsabend, das ist traurig. In Neukölln trinkt man zusammen und feiert Weihnachten schon mal vor, Ende November.