Retrospektive

Johannes Grützke schwört auf prächtige Hinterteile

Neue Prächtigkeit, leicht verwittert: Das Nürnberger Nationalmuseum widmet dem lässig unzeitgemäßen Maler Johannes Grützke eine große Retrospektive.

Dass man es hier mit ausgesprochen gegenständlicher Malerei zu tun hat, merkt man schon am ersten großformatigen Bild. Es wird beherrscht von drei Hintern, zwei Männerhintern und einem Frauenhintern. Die Männerhintern stecken in schwarzen Hosen, der Frauenhintern steckt in gar nichts. Die drei Figuren, denen diese Körperteile gehören, steigen eine hölzerne Treppe hinauf – oder ist es eine Bank, oder ein Koppelzaun? –, jedenfalls führt das Gestell, das sie erklimmen, nirgendwohin. Über dem Gestell ist nur der blassblaue Himmel.

Die beiden Männer tragen weiße Hemden, die so stark Falten werfen, wie heutige Hemden das normalerweise nicht tun. Der Maler dieses Bildes ist also nicht nur ein Figuren-, sondern auch ein Faltenmaler, mithin ein Alter Meister. Die Männer halten sich innig an der Hand, während sie dem nackten Weib hinterhersteigen, aus dessen geöffnetem Handtäschchen Kamm, Wimperntusche, Lippenstift und andere Schönheitsutensilien herausfallen.

Auf der Suche nach der Botschaft

Von einem dritten Mann ist nur die Hand zu sehen. Das könnte die Hand des Betrachters sein, denn das ganze Bild ist eine einzige Aufforderung mitzukommen. Wohin? Es trägt den Titel „Darstellung der Freiheit“ und stammt aus dem Jahr 1972. Das eröffnet einen weiten Deutungsraum, um nicht zu sagen: Es lädt zu ausuferndem Geschwafel ein.

Irgendeine Art von Botschaft enthält das Bild nicht. Damit haben wir ein typisches Werk Johannes Grützkes vor uns. In seiner aktuellen Hängung lädt es zu nichts anderem ein als zu einem ausgedehnten Spaziergang durch das Schaffen und das Leben dieses Künstlers, der sich immer die Freiheit herausgenommen hat, auf die jeweiligen Avantgarden des Kunstbetriebs zu pfeifen.

Man muss erklären, warum der Urberliner Grützke, der sein ganzes bisheriges Leben in seiner Geburtsstadt verbrachte, gerade in Nürnberg, im Germanischen Nationalmuseum, so groß ausgestellt wird. Von 1992 bis 2002 lehrte er hier als Professor für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste und schenkte einen großen Bestand an Zeichnungen, Entwürfen und schriftlichen Dokumenten dem zum Germanischen Nationalmuseum gehörenden Deutschen Kunstarchiv.

Werk und Künstler sind eine Einheit

Aus diesem Vorlass schöpft die Nürnberger Retrospektive, die Grützke nicht nur als Maler großformatiger Tafelbilder mit grimassierenden Figuren in absurden Konstellationen, sondern auch als Porträtisten, Zeichner, Plastiker, Bühnenbildner, Kostümdesigner, Schriftsteller, Musiker und Redner zeigt – und dabei dem ganz altmodischen, jedoch wieder aktuellen Ansatz folgt, Werk und Künstlerpersönlichkeit als Einheit zu betrachten. Der Autor ist nicht tot, sondern in Nürnberg die Hauptperson.

Im Falle Grützkes ginge es gar nicht anders. Niemand und nichts ist auf seinen Bildern öfter zu sehen als er selbst und die Staffagen seines Ateliers. Er lebt und arbeitet in einem geschlossenen Kosmos – räumlich in seinem Atelier in Berlin-Wilmersdorf, das er im magischen Jahr 1968 bezog, und künstlerisch in einer Art Spiegelsystem, in dem Autor und Werk sich vervielfältigend fortzeugen.

In Nürnberg wird das nachgebaut. Der Besucher betritt als Erstes das Atelier, wo eine ausgestopfte Gans und ein ausgestopfter Affe neben Antikenabgüssen und Gliederpuppen Platz finden. Stücke aus Grützkes grafischer Sammlung verweisen auf seine kunsthistorischen Interessen und Vorlieben.

"Ich stehe wie ein Denkmal auf dem Podest"

1968 also betrat Grützke die Bühne, indem er sich als akademischer Maler inszenierte, als Fleischwerdung des Künstlerideals des 19. Jahrhunderts. Zusammen mit Matthias Koeppel stellte er im selben Jahr in Kassel während der Documenta aus. Die Provokation gelang. Der Kunstbetrieb hatte endlich den Rebellen gegen das Dogma der Abstraktion, die angebliche Weltsprache der Kunst, gefunden. Selbstbewusst gründeten Grützke, Koeppel und einige Gesinnungsgenossen die „Schule der Neuen Prächtigkeit“.

In einem fiktiven Interview verkündete Grützke: „Ich bin ein Klassiker. Ich stehe wie ein Denkmal auf dem Podest und warte nur auf den Avantgardisten, der mich von dort hinunterwirft.“ Solches brachte manche Kritiker zur Weißglut. Peter Winter nannte Grützke einen „Schweißfuß-Tintoretto“, der mit „schlecht und flott gepinselten Schinken“ am „Haken der Selbstbeweihräucherung“ hänge.

Warum ist es für manche Gralshüter der Moderne so unerträglich, wenn sich einer wie Grützke offensichtlich lustvoll und ohne Scheu vor grellen Effekten im Strom der Tradition aalt und in seinem Wilmersdorfer Atelier nicht nur träumt, sondern so lebt, als wären die Zeiten Menzels oder Gaertners noch gar nicht vorbei, dabei im Habitus preußisch bescheiden bleibt und zwar den Klassiker-Status, jedoch nicht den des Dichterfürsten für sich beansprucht? Grützke kennt kein Gebot der Zeitgenossenschaft und bleibt dabei völlig locker und umgänglich. Vielleicht ist es das, was viele an ihm so stört.

Ballett der Peinlichkeitsgesten

Seine flott gepinselten Schinken treten für die Nürnberger Retrospektive zu gewaltiger Parade an. Es fällt auf, wie unterschiedlich Grützke Frauen und Männer malt. Bei Männern ist er fasziniert von Gestik und Physiognomie. Sie grinsen, kichern, machen auf Kumpel oder Chef oder vereinigen sich nackend zu einem Ballett der Peinlichkeitsgesten. Im „Monument der Tröstungen“ schmiegen sie sich aneinander und küssen sie sich die Glatzen.

Die Gesichter der Frauen sind nicht in so extremer Ausdrucksbewegung. Dafür vollführen ihre Körper Kunststücke, die allen Gesetzen der Schwerkraft Hohn sprechen. Das hat nichts weiter zu bedeuten. Man sollte daran keine Reflexionen über Grützkes Männer- oder Frauenbild knüpfen, höchstens wenn das im ganz handgreiflichen Sinn gemeint ist. Seine Männerbilder entstehen vor dem Spiegel, sie sind Selbstporträt und Selbsterkundung. Für die Frauenbilder braucht er Modelle und Gliederpuppen.

Grützkes Kommentar zum Feminismus

Selten sind Frauen und Männer gemeinsam auf den Bildern. Die „Darstellung der Freiheit“ bildet eine spektakuläre Ausnahme. Eine andere ist das Porträt Nicolaus Sombarts, den Grützke zusammen mit dessen Vater Werner Sombart und dem französischen Sozialphilosophen Charles Fourier ins Bild setzt. Flankiert werden diese drei schweigsamen Herren von zwei nackten Damen, die Notizhefte in den Händen halten und sich vielsagende Blicke zuwerfen. Vielleicht ist das ja doch ein grützkescher Kommentar zum Feminismus.

Obwohl es von ihm ein Bild „Benno Ohnesorg greift zum Gewehr“ gibt, sollte man in Grützkes Werk nicht nach politischen Botschaften suchen. Er hat seine Methoden, Sinnsucher ins Nichts zu führen, aufs Höchste verfeinert. Ganz anders, nämlich von einem durchaus authentischen Pathos, ist Grützke als Historienmaler, der in nur vordergründig altväterlicher Manier Bilder von demokratischen Episoden der deutschen Geschichte schafft, wie sie noch nie gesehen wurden. Sein berühmtestes Werk, das 32 Meter lange Rundbild „Der Zug der Volksvertreter“ in der Frankfurter Paulskirche ist in Nürnberg durch einen Zyklus von Linolschnitten vertreten.

Zuletzt widmete er sich dem Hitler-Attentäter Elser

Grafische Vorarbeiten stehen auch für das monumentale Relief im Bürgersaal von Konstanz, das an den Zug Friedrich Heckers während der badischen Märzrevolution von 1848 erinnert. Zur Finanzierung dieser Arbeit fabrizierte Grützke „Heckerteller“ mit dem Abbild des Freiheitshelden – ein schönes Beispiel, wie Kunst und Handwerk sich der Arbeit am demokratischen Geschichtsbewusstsein verschreiben können. In jüngster Zeit hat sich Grützke dem gescheiterten Hitler-Attentäter Georg Elser gewidmet.

Wenig bekannt ist Grützke als Porträtist, die Auftragsarbeiten sind naturgemäß weit verstreut. Eine kleine Auswahl wird in Nürnberg gezeigt, was mutig ist, denn die Porträts zeigen, dass Grützke gute, aber auch manche nicht sehr gute Tage hat. Was als Titel für die Zeitschrift „Cicero“ passt, wirkt als Gemälde an der Wand eher fad.

Ein echtes Berliner Original

Man kann nicht sagen, dass Grützke etwa Martin Walser besonders gut getroffen habe. Bei Gerhard Schröder denkt man erst, es handele sich um Rolf Hochhuth, der aber gegenüber hängt. Nicht zu verkennen ist dagegen Richard von Weizsäcker, der Grützke mit seinem Porträt für die Ehrengalerie im Roten Rathaus beauftragt hatte.

In der Hauptstadt und Kunstmetropole Berlin leuchtet Grützkes Stern nicht mehr so hell wie vor zwanzig Jahren. Die „Schule der Neuen Prächtigkeit“ ist Erinnerung, am Kunstmarkt floriert die Marke „Neue Leipziger Schule". Ein wenig trotzig wirkt deshalb das Nürnberger Unterfangen. Doch der Weg nach Franken lohnt sich. Man lernt dort ein echtes Berliner Original kennen.

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, bis 1. April 2012