Rammstein

Freude am Zündeln

Auch als Musikkritiker waren die Verfassungsschützer unterwegs. 2005 berichteten sie, Rammstein stünden für die "Neue Deutsche Härte". Damit war es amtlich: Rammstein spielen hart, sind aber harmlos. Nun stellen sich die Berliner selbst ihrer Geschichte.

"Made in Germany 1995 - 2011" heißt die Retrospektive ihrer Lieder. Sie sind wieder auf Tournee. Ihr weltweiter Erfolg ist nicht nur das Ergebnis auffälliger Platten und Konzerte. Die Erfolge sind der Lohn ihrer Skandale.

Schall und Rauch: Am Anfang stand der Name. In den späten achtziger Jahren fuhr die Hälfte des Sextetts noch unter Feeling B im Kleinbus durch die DDR. Die Band spielte auf Mittelaltermärkten und am Strand. Den Bus hatten die Punks versehen mit dem Schriftzug "Rammstein-Flugschau". 1988 waren am pfälzischen Luftwaffenstützpunkt Ramstein 70 Menschen tödlich verunglückt, als ein italienischer Kampfjet brennend in die Menge fiel. Sechs Jahre später wurden Rammstein beim Senatsrock-Wettbewerb mit einem Studioaufenthalt belohnt. Sie sangen "Rammstein - ein Mensch brennt", und ihrem Sänger schlugen Flammen aus dem Anzug. Die Zusammenhänge zwischen Ram- und Rammstein haben sie so oft bestritten, dass sie ihren pubertären Gründungsnamen heute selbst nicht mehr für allzu überzeugend halten.

Lechts und Rinks: Ihr Heroismus, ihre Spiele mit dem Feuer und ihr patriotisches Theater haben Rammstein immer ideologisch angreifbar gemacht. Und interessant. Sie kamen aus dem Osten, wo die Asylantenheime brannten. Wo vom Westen aus gesehen, jüngere Männer in den frühen Neunzigern grundsätzlich rechts standen, aus Wendefrust oder aus fehlender Reife. Rammstein wehrten sich, indem sie "Stripped" von Depeche Mode aufnahmen und im Video mit Ausschnitten aus Leni Riefenstahls "Olympia" bebilderten. Sie zeigten dazu die Ruinen von Berlin von 1945. Die Debatte wurde angeheizt, ihre Karriere ebenfalls. Aber sie waren auch auf ihren Ruf bedacht und dichteten sich eine neue Hymne, "Links 2 3 4". Rammstein wiesen hin auf ihre Sozialisation in der Berliner Hausbesetzerszene. Philipp Stölzl drehte eine Videosatire mit marschierenden Ameisen. Die Urteile gegen die Band wurden zum Vorwurf abgemildert: Durch die provozierende Ästhetik werde die NS-Geschichte entpolitisiert und nicht nur für beschränkte Geister reizvoll. Seither fühlen sich die ewig Missverstandenen dazu ermuntert, in ihren Konzerten Lichtdome, wie Albert Speer sie liebte, zu errichten. Um im großen Stil zu zündeln, hat Till Lindemann, ihr Sänger, eine Ausbildung zum Feuerwerker absolviert. Und alles findet längst in Dimensionen statt, in denen jeder ideologische Verdacht ins Leere läuft.

Haut und Knochen: 2004 stellte die Kommission für Jugendmedienschutz fest, das Video zu "Mein Teil" von Rammstein sei geeignet, "die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen". Der Film zeigte die Musiker beim Ausdruckstanz mit Windeln, Ledergurten und Metallgebissen. In "Mein Teil" vertonten sie den Fall des Kannibalen von Rothenburg. Das Video und das Stück verrieten zweierlei: Das Staunen darüber, dass sich im bürgerlichen Leben schwärzere Abgründe auftun, als es sich auch erfahrene Schock-Artisten träumen lassen. Und ein sicheres Gespür für die Sensorien der Bundesprüfstelle, die kein Verbot aussprach, das Video aber werbewirksam nur nach 22 Uhr zuließ. Wie wenig ernst es Rammstein selbst mit ihrem Auftrag ist, dorthin zu gehen, wo es wehtut, zeigt die Bühneninszenierung von "Mein Teil". Sie stecken Flake, ihren Bandnarren, in einen Kochtopf. Und ihre Besucher freuen sich, wie albern das banale Böse manchmal wirkt.

S/M: Am 11. November 2009 wurden auf Antrag des Familienministeriums indiziert: das Lied "Ich tu dir weh" und das dazugehörige Bild im Album "Liebe ist für alle da", auf dem ein Musiker von Rammstein eine dicke nackte Frau versohlt. Das Album wurde anschließend nur noch nach Vorlage des Ausweises an über 18-jährige verkauft. Was dankbar angenommen wurde. Dabei klang "Ich tu dir weh" schon wie ein kopfschüttelnder Abgesang zum Thema. Rammstein hatten unentwegt die zwischenmenschliche Gewalt besungen, in der Täter- und der Opferrolle. Ihre Songs waren sogar bei Amokläufern und bei Geiselnehmern so beliebt, dass sie gezwungen waren, sich nach sämtlichen Tragödien öffentlich zu distanzieren - von den Psychopathen, über die sie sangen. Radio Andernach, der Heimsender der Bundeswehr, verzichtet auf die aggressiveren Rammstein-Lieder. Bei genauerer Prüfung jedoch stellen sich die Lieder meist als zumutbar heraus: Am 1. Juni 2010 wanderte das zensierte Album per Gerichtsentscheid wieder vom Index in die Auslagen. Dafür wurde 2011 in München ihr Konzert am Totensonntag abgesagt, wegen des "öffentlichen Tanzverbotes".

Mann und Frau: Wie pornografisch und sexistisch die Band sei, wurde 2009 erregt verhandelt anlässlich des Videos zum Lied "Pussy". Rammstein wurden beim Verkehr mit Frauen im Bordell gefilmt. Man konnte über alles debattieren: über Sex im Internet, den Schutz der Jugend vor den Bildern, die sie alle schon gehen hat. "Zu groß, zu klein/ Der Schlagbaum sollte oben sein/ Schönes Fräulein, Lust auf mehr/ Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr/ Schnaps im Kopf/ Du holde Braut/ Steck Bratwurst in dein Sauerkraut." Der Sextourist auf Reisen mit deutschem Weltwortschatz und ohne Scham. Man war verstört, und Rammstein waren wieder oben in den Hitparaden.

Land und Leute: Für die Werkschau "Made In Germany" haben sich Rammstein an ein neues Lied gewagt. Es heißt "Mein Land", aber das Video spielt am Strand von Kalifornien im Sommer 1964. Die sechs tanzen in Hawaiihemden, nie sahen sie so fröhlich aus, sie singen: "Hier ist nichts mehr frei/ Das ist mein Land/ Du bist hier in meinem Land/ Niemand lädt mich zum Bleiben ein." Am Ende steht die Band im Jahr 2012 am selben Strand, sie haben schlechte Laune, alles brennt und jemand trägt die deutsche Fahne vor dem Bauch. Von welchem Land ist hier die Rede? Wer soll sich darüber ärgern?

Vielleicht geht es nur ein letztes Mal um Ost und West. Im alten Westen wurden Düsseldorfer Bands wie DAF und Kraftwerk provozierende Gesten zugestanden. Sie durften "den Mussolini tanzen". Sie konnten die "Kinder von Wernher von Braun" sein. Dass sechs Altpunks aus dem Osten die Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie so spielerisch beherrschen, als wären sie damit aufgewachsen, sorgt noch immer für Verwirrung. Heute darf man sagen: Der Verfassungsschutz hätte sich lieber um den rechten Untergrund gekümmert. Als um Rockmusik, die nicht mehr will, als dass sie jeder hört und kauft.

Konzerte Am 25. und 26.11. sowie am 14. Und 15.12. in der O2 World