Berliner Morgenpost

Zeitung der Zukunft - lebendiger und "magaziniger"

Inhaltlich noch dichter und klüger, optisch noch lebendiger und "magaziniger": So sollte nach Ansicht des Chefredakteurs der Berliner Morgenpost, Carsten Erdmann, die Zeitung der Zukunft aussehen. Es gehe künftig noch stärker darum, die Leser zu überraschen durch Texte und Bilder, die nachhaltig berührten.

Die Berliner Morgenpost wird im Mai 2012 in Wien mit dem "European Newspaper Award" in der Kategorie Regionalzeitung ausgezeichnet. Den Erfolg seiner Zeitung führt Chefredakteur Carsten Erdmann unter anderem auf die gute Zusammenarbeit von Grafik, Art Direction und Autoren zurück. Von Beginn an werde die Geschichte von der Idee bis zur Veröffentlichung gemeinsam entwickelt, sagte Erdmann im Interview mit dapd-Korrespondent Holger Mehlig. Darüber hinaus skizzierte er die Zeitung der Zukunft.

Frage: Wie können sich Zeitungen angesichts insgesamt sinkender Auflagen künftig behaupten?

Carsten Erdmann: Tageszeitungen müssen ihre Leser immer wieder überraschen. Mehr Analysen, mehr Hintergründe, mehr wirklich gute Reportagen, mehr Einordnung – darauf kommt es an. Schnappatmungsjournalismus gehört nicht in die Zeitung. Um dauerhaft bestehen zu können, muss eine Medienmarke auf allen medialen Kanälen, ob Papier, im Netz, auf dem Smartphone oder auch bei Facebook guten, hochwertigen und unabhängigen Journalismus bieten.

Frage: Immer weniger junge Menschen lesen Zeitungen. Wie kann der Spagat funktionieren, alte Leser zu halten und junge zu gewinnen, wie sind die jungen Menschen überhaupt zu gewinnen?

Carsten Erdmann: Die Frage impliziert, dass es kein gemeinsames Interesse von jungen und alten Lesern gibt. Ich glaube: Eine brillant erzählte Geschichte fesselt jeden, egal wie alt er ist, egal, ob auf dem iPad oder Papier. In ein paar Jahren werden wir die Debatte nicht mehr führen, dass Oma nur Papier liest und der Enkel alles am PC. Jeder wird alles überall in jedem Medium lesen. Wenn bei uns in der Redaktionskonferenz Schulklassen zu Gast sind, kommt ein ganz anderes Argument für die Zeitung: Ihre Glaubwürdigkeit. Unabhängig vom Alter wollen die Leser verlässliche, gut recherchierte Informationen. In einem Meer zunehmend seltsamer Info-Schnipsel wächst der Zeitung mehr denn je die Rolle des Zuverlässigkeitslieferanten zu.

Frage: Wird das Layout einer Zeitung wichtiger?

Carsten Erdmann: Auf jeden Fall. Visual Storytelling ist ein unverzichtbarer Bestandteil, und wir sind mitten in einem Lernprozeß. Viele sogenannte Qualitätszeitungen haben das lange vernachlässigt, aus der etwas hochnäsigen Haltung, dass ganz viele Buchstaben auf einer Fläche gleichbedeutend mit guter Information sind. Das ist Unsinn. Eine gute Zeitung muss ihre besten Geschichten heute attraktiv, ästhetisch aber auch didaktisch klug inszenieren und Zusammenhänge und komplexe Vorgänge grafisch entschlüsseln. So wird eine weitere Lese-Ebene geschaffen. Das klingt ganz einfach, erfordert aber ein radikales Umdenken und oft den kompletten Umbau von Workflows innerhalb einer Redaktion.

Frage: Wie sieht die Zeitung der Zukunft aus?

Carsten Erdmann: Die Zeitung der Zukunft wird optisch noch lebendiger und magaziniger, inhaltlich noch dichter und klüger, aber auch gelassener. Moderne, originelle Bildsprache und Aufmachung ist ein elementares Kriterium. Es geht künftig noch stärker darum, die Leser zu überraschen durch Texte und Bilder, die nachhaltig berühren.

Frage: Kann sie im Internet-Zeitalter überleben?

Carsten Erdmann: Gerade da. Denn jetzt ist Orientierung gefragt. Und die liefern wir jeden Tag.

Frage: Wie lautet das Erfolgsrezept der Berliner Morgenpost für den Gewinn des „European Newspaper of the Year“-Preises?

Carsten Erdmann: Wir verstehen uns als eine Art Navigationssystem für die deutsche Hauptstadt, aus Berlin für Berlin. Bei allen großen Geschichten arbeiten bei uns Grafik, Art Direction und Autoren von Beginn an zusammen und entwickeln die Geschichte von der Idee bis zur Veröffentlichung. Wir lieben Experimente – wie zuletzt mit der Kompaktversion der Berliner Morgenpost, die wir als Zusatzangebot zur Berlin-Wahl gemacht haben. Aber auch digital probieren wir einiges aus: Die Berliner Morgenpost war mit der Freemium-Lösung, einer Kombination aus kostenlosen und kostenpflichtigen Inhalten, einer der Pioniere in Deutschland. Im Oktober haben wir auf morgenpost.de 5,86 Millionen Besuche verzeichnet, 74 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr.

Frage: Wie wichtig sind Journalistenpreise für Leser und Redaktion?

Carsten Erdmann: Was einer Jury gefällt, müssen Leser nicht unbedingt auch mögen. Die meisten Journalistenpreise sind eine Bewertung der Redaktionsarbeit durch Kollegen und Experten. Das ist ehrenvoll, aber für die tägliche Arbeit am Blatt nicht ganz so bedeutsam wie man meinen sollte. Die Berliner Morgenpost wurde in diesem Jahr unter anderem beim Konrad-Adenauer-Preis, beim Theodor-Wolff-Preis, beim Wächterpreis ausgezeichnet, nun European Newspaper of the Year. Natürlich freuen wir uns darüber. Das sind großartige Erfolge für unser Team. Viel wichtiger als alle Preise aber ist, dass unsere Leser zufrieden sind. Und die sind mindestens so kritisch wie eine Jury, und zwar jeden Tag.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.