Frankfurter Buchmesse

Darum sind die Isländer so extrem selbstbewusst

Die Isländer-Sagas erzählen von Liebe, Mord und prügelnden Bauern und verraten damit viel über die moderne Gesellschaft der Insel im hohen Norden.

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Wie die meisten Isländer kann auch Halldór Gudmundsson seine Ahnengalerie bis zum ersten Siedler Ingolfur Arnarson zurück verfolgen. Der machte sich im Jahre 870 von Norwegen auf den Weg nach Island, nachdem sein gesamter Besitz daheim konfisziert wurde, weil er einige Streitigkeiten mit roher Gewalt zu seinen Gunsten entschieden hatte.

Der erste Isländer war, je nach Sichtweise, ein Raufbold und Totschläger bzw. ein Abenteurer und Entdecker. Viele, die ihm folgten, waren ebenfalls "Outlaws"; allerdings - kaum in der neuen Heimat angekommen, legten sie gleich ein "Landnamebok" an, in dem sie ihre Claims absteckten.

Der Opa fuhr noch betrunken im Fischerboot

Den Anfang der isländischen Geschichte markiert also ein "Grundbuch", das noch heute jeder Isländer lesen kann, weil sich das Isländische seitdem kaum geändert hat. Und so weiß jeder Isländer nicht nur, wer seine Vorfahren sind, sondern auch von welchem "Hof" sie stammen, auch wenn es den längst nicht mehr gibt.

Gudmundssons Großvater war Fischer in Önundarfjördur, einer gottverlassenen Gegend im Nordwesten des Landes. Er war einer von elf Brüdern. "Sie mussten mit ihrem Vater rausrudern und ihm beim Fischen helfen. Es kam vor, dass der Alte so betrunken war, dass er über Bord fiel. Dann haben sie ihn aus dem Wasser gezogen und wieder an das Steuer gesetzt. Es war ein schönes Leben."

Sagas der Insel sind so epochal wie die Bibel

Und nun sitzt Halldór Gudmundsson in seinem Büro im Zentrum von Reykjavik und freut sich wie ein Kind, das gerade vom Weihnachtsmann besucht wurde. Er hält ein kiloschweres "Geschenk" in den Händen, eine Kassette mit vier dicken Bänden und einem schmalen Begleitband, insgesamt 3600 bedruckte Seiten.

Es ist die Neuausgabe der "Isländer-Sagas"; die Bibel der Isländer ist ebenso kolossal, monumental und epochal wie das Alte Testament für die Juden und das Neue für die Christen. Nur nicht ganz so alt. Es sind Geschichten aus dem neunten bis elften Jahrhundert, die lange mündlich überliefert und erst im 13. und 14. Jahrhundert schriftlich fixiert wurden.

Acht Übersetzter arbeiteten an der Insel-Geschichte

Da war der isländische "Freistaat" beinahe schon Geschichte, 1262 wurde Island Teil des norwegischen Reiches, das seinerseits Ende des 14. Jahrhunderts ("Kalmarer Union") mit Dänemark vereinigt wurde. Für die Isländer, die ihre politische Selbständigkeit verloren hatten, galt es also das zu bewahren, was man heute "kulturelle Autonomie" bzw. "Identität" nennen würde.

Die erste deutsche Sagas-Edition, die so genannte "Sammlung Thule" in 24 Bänden, war noch ein work in progress , sie zog sich über 20 Jahre hin, von 1911 bis 1930. An der neuen Ausgabe haben acht Übersetzer drei Jahre kontinuierlich gearbeitet.


"Fast alles musste neu übersetzt werden", sagt Gudmundsson, der viele Jahre den größten isländischen Buchverlag "Mal og Menning" (Sprache und Kultur) geleitet und dabei fast alle zeitgenössischen isländischen Autoren verlegt hat.

Seit zwei Jahren bereitet er von Reykjavik aus den Gastauftritt Islands auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ("Sagenhaftes Island") vor, ein Programm mit 200 Neuerscheinungen und zahlreichen "Events" mit Schriftstellern aus Island.

Das Recht des Stärkeren wurde vom Gesetz abgelöst

Die wichtigsten freilich werden nicht dabei sein, die Verfasser der 40 "Sagas" und 24 "Novellen", die nicht nur seit langem tot, sondern bis heute unbekannt geblieben sind. Ausgerechnet diejenigen, die alle Details der isländischen Gründerzeit festgehalten haben, zogen es vor, anonym zu bleiben.

"Wir wissen bis heute nicht, wer die Sagas geschrieben hat. Wir können nicht einmal sagen, warum sie geschrieben wurden." In jedem Fall sind es "großartige Geschichten über Liebe, Mord und Rache" in einer sich langsam formenden Gesellschaft, in der das Recht des Stärkeren nach und nach vom Gesetz abgelöst wird.

Aufregung wird nur verhalten angedeutet

"Wir sind das einzige Volk in Europa, das seine Geschichte von Anfang an kennt", sagt Gundmundsson, "alles ist dokumentiert und belegt." Die Sagas stehen nicht nur für "die Kontinuität der Sprache vom 13. Jahrhundert bis heute", sie sind "realistische Literatur, die nicht von Befindlichkeiten handelt, sondern Geschichten erzählt."

Arthur Bollason, Herausgeber eines vor kurzem erschienenen Lesebuchs mit den "schönsten isländischen Sagas", kann dem nur zustimmen. Bei den Sagas handelt es sich "primär um gut erzählte Geschichten". Anders als die Ritterromane des Mittelalters zeichnen sie sich "durch einen knappen und objektiven Stil" aus, "Gefühlsäußerungen" seien die Ausnahme, "Aufregung und Emotionen werden eher verhalten angedeutet".

Island hat Geschichten ohne Verfallsdatum

Halldór Laxness, der 1955 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, beschrieb die Sagas als die "philosophische Schule", das kulturelle Fundament der Nation: "Wir Isländer sind ein Volk von Erzählern und neigen zu konkreten Bildern, aus unserem Dasein machen wir Fabeln."

Man könnte auch sagen, die Sagas sind eine Sammlung von Reportagen aus der Sturm-und-Drang-Epoche der ältesten Republik der Neuzeit, die schon ein Parlament, das "Althing", hatte, als im restlichen Europa noch Fürsten und Könige von Gottes Gnaden regierten. Dennoch sind es Geschichten ohne Verfallsdatum. Was vor allem daher kommt, dass die Sagas nicht sonntags in den Kirchen gepredigt, sondern täglich in den Schulen gelesen werden.

Ohne Sagas kommt man in Island nicht weit

Jeder isländische Schriftsteller bezieht sich, direkt und indirekt, auf Egil und Njall, Gunnar und Valgard, Thorgeir und Grettir, Snorri und Gizur. Und bevor die Kinder Bekanntschaft mit Madonna und Lady Gaga machen, wissen sie schon, dass Hallgerdur und Bergthora, die Frauen von Gunnar und Njall, erbitterte Konkurrentinnen waren.

Wer in Island mit Wissen punkten will, der muss sagafest sein, ein Schafzüchter ebenso wie ein Akademiker. Als Deutscher kann man es sich leisten, aus dem "Götz von Berlichingen" nur das eine Zitat zu kennen.

Als Isländer muss man zumindest wissen, dass es Gunnar aus der Njals-Saga war, der auf dem Weg in die Verbannung vom Pferd steigt, sich umschaut und beschließt, Island nicht zu verlassen, obwohl er weiß, dass es ihn das Leben kosten wird: "Schön ist dieser Hang, aber so schön habe ich ihn noch nie gesehen, helle Felder und gemähte Wiesen. Ich werde nach Hause zurückreiten und nirgends hinfahren."

Die Geschichten sind ein Werk voller Rätsel

Allerdings: Trotz ihrer einfachen Struktur - "Bauern verprügeln sich" - bleiben die Sagas ein "Werk voller Rätsel", meint Halldór Gudmundsson. Zum einen gibt es für die Geschichten so gut wie keinen archäologischen Beleg. Zum anderen sind sie "selbstlose Literatur", einzig dazu bestimmt, "festzuhalten, was passiert ist". Sie würden auch heute noch den Ton in der isländischen Literatur angeben, "weil sie unsere Prosa von Kitsch freigehalten haben".

Während das Nibelungenlied heute in ein modernes Deutsch übersetzt werden muss, ebenso wie Shakespeare in ein zeitgenössisches Englisch, ist die Sprache, in der die Sagas vor 800 Jahren geschrieben wurden, nach wie vor im täglichen Gebrauch.

Urschrei der Literatur und Steinbruch des Wissens

Bleibt die Frage, warum man die Sagas heute noch lesen sollte, Geschichten aus dem neunten bis elften Jahrhundert, die zwei Jahrhunderte später aufgeschrieben wurden. Für Erzähler sind sie ein Urschrei der Literatur, für Ethnologen und Linguisten ein Steinbruch des Wissens.

Und ganz normalen Island-Besuchern, die mit einem Reiseführer im Gepäck ins Land kommen, bieten sie eine Erklärung dafür, warum die Isländer so sind, wie sie sind: Ausdauernd, hartnäckig, extrem selbstbewusst, der Welt zugewandt und im Umgang mit Katastrophen nicht zu schlagen, egal ob der Vulkan Eyaflalljökull ausbricht oder das Bankensystem zusammenbricht.

Es wimmelt vor Buchläden, Cafés und jungen Mütter

Kein anderes Volk in Europa hat in einer so kurzen Zeit einen so weiten Weg zurückgelegt wie die Nachkommen der Wikinger. Geht man heute durch Reykjavik, mag man nicht glauben, dass die Großeltern der schick gekleideten und mit allen Accessoires der Moderne ausgestatteten jungen Leute in Lehmhütten gelebt und oft Tage gebraucht haben, um zu Fuß oder zu Pferd von einem Dorf zum nächsten zu kommen.

In keiner anderen europäischen Stadt gibt es, im Verhältnis zur Bevölkerung, so viele Buchläden, Cafés und junge Mütter. Die Lebenserwartung und die Geburtenrate zählen zu den höchsten in Europa.

Die große Krise von 2008 hat das Land erschüttert, aber nicht ruiniert, die Wirtschaft erholt sich langsam. Die Erklärung für all diese Phänomene findet man in den Sagas. "Wir waren immer auf uns allein gestellt", sagt Arthur Bollason, "wir hatten keine Nachbarn, die wir um Hilfe bitten konnten. Das war unser Glück. Aber auch ein großes Glück für die Nachbarn."

Klaus Böldl, Andreas Vollmer und Julia Zernack (Hg.): Die Isländersagas. 4 Bde. mit einem Begleitband. S. Fischer, Frankfurt/M. 3384 S., 98 Euro.

Die schönsten isländischen Sagen: Aus dem Alt-Isländischen von Rolf Heller. Ausgew. v. Arthúr B. Bollason. Insel-Verlag, Frankfurt/M. 236 S, 8,95 Euro.