Missbrauchsopfer

Kerner, der "Maskenmann" und der Dänemark-Trip

Bei "Kerner" kam ein Opfer des Sexualtäters Martin N. zu Wort. Doch solch ein schwieriges Thema passte wenig in eine Sendung mit Alltagsgeschichten und Verbrauchertipps.

Foto: sat.1 / sat.1/Sat.1

Er war bekannt als „der Maskenmann“, und schon dieser von den Medien verliehene Name deutet daraufhin, mit welch gruseligem Eifer sich der Boulevard auf den Fall des Kindermörders stürzten, der seit 1992 Angst und Schrecken in Norddeutschland verbreitete.

Angeklagt in dem Fall ist seit Montag der ehemalige Jugendbetreuer Martin N. , der erst im April dieses Jahres verhaftet wurde. Die Staatsanwaltschaft Staade wirft dem 40-Jährigen den Mord an drei Kindern sowie weitere 20 Fälle von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen zwischen 1992 und 2001 vor.

In der Anklageschrift ist allerdings die Geschichte von Stefan W. nicht enthalten, denn der junge Mann hatte sich erst im Juli den Ermittlern offenbart. Der Angeklagte habe ihn bei in der Einrichtung der Jugendhilfe Hamburg und während eines Urlaubs in Dänemark sexuell belästigt.

Besonders erschreckend dabei: Martin N. war Pädagoge und als Betreuer bei der Evangelischen Jugendhilfe angestellt. Nun war das heute 21 Jahre alte Opfer in der Sendung von Johannes B. Kerner zu Gast, auf dessen Website zuvor schon mit dem bekannten Phantombild des „schwarzen Maskenmannes“ für die Ausstrahlung der Sendung geworben wurde.

Kein einfaches Thema für eine Infotainment-Show

Es ist ein schwieriges Terrain, besonders in den Boulevardmedien, den Opfern von Verbrechen eine Stimme zu geben, ohne sie dabei zu großem öffentlichen Druck oder zu traumatischen Erlebnissen auszusetzen. Johannes B. Kerners Heimspiele als Moderator sind nun stets die menschelnden Themen, bei denen er einfühlsam und vorsichtig nachfragen kann und nicht auf Konfrontationskurs gehen muss.

Es war also vorher zu hoffen, dass Kerner und seine Redaktion auch in diesem Fall in ihrer Berichterstattung das richtige Zwischenmaß an öffentlichem Interesse und der Einhaltung persönlicher Grenzen finden würden.

Stattdessen geriet der Beitrag zu Stefan W. aber zu einer kurzen Wiederaufbereitung der Mordgeschichte, in der weder Experten, noch das Opfer angemessen zur Sprache kamen.

Die Sendung begann mit einer klassischen harmlosen Zuschauergeschichte. EC-Kartenbetrug mit modernsten Mitteln, fast wie bei „Aktenzeichen XY… ungelöst“. Ein Opferfilm mit nachgestellten Szenen im Supermarkt, Selbstversuch auf der Straße, Tipps für die Verbraucher.

Im nächsten Beitrag ging es um Geldersparnisse bei den Energiekosten. Studentin Louisa hielt als Beispiel her, wie zuvor EC-Karten Besitzer Philipp. Das ist Alltagsgeschäft einer informativen Unterhaltungsshow, aber wie schafft man von Tipps wie „keine Wäsche auf die Heizung legen“ über Berichte von WG-Zimmern einen akzeptablen Übergang zu so einem schwierigen und schweren Thema wie dem massenhaften Missbrauch und Mord an Kindern?

Nachgestellte Szenen mit Krimi-Musik

Kerner kündigte Stefan W. als möglicherweise wichtigsten Zeugen im Prozess gegen den mutmaßlichen Kindesmörder an. Der Einspieler zeigt den Zeugen in seiner Wohnung. Ein unsicherer junger Mann, dem wohl nicht bewusst ist, warum er jetzt in einer Fernsehsendung gelandet ist.

Ansätze der Erklärung gehen sofort unter; warum Stefan W. in dem ehemaligen Betreuer einen Freund sah und wieso er so lange geschwiegen hat, wird nur angedeutet. Ein altes pixeliges Handyvideo mit dem Angeklagten im Schnee soll zeigen, wie freundlich der Mann mit den Jungen umging. Martin N. wird als lustig beschrieben, einer, der die Kinder mit Süßigkeiten besticht. Ein sehr eindimensionales Portrait eines Verbrechers.

Unterlegt mit seichter Gitarren- und Klaviermusik werden Bilder aus dem Dänemark-Urlaub gezeigt, in dem der Missbrauch vorgefallen sein soll. Martin N. sei „wie ein Vater“ für ihn gewesen, sagt Stefan W., der von dem Missbrauch mit zitternden Händen und zögerlichen Worten berichtet.

Er habe Stefan weh getan und seine Jugend zerstört, fasst die Stimme aus dem Off zusammen, bevor die Sonderkommission vorgestellt wird. Nachgestellte Szenen des Täters im Gegenlicht, die mit Krimi-Musik unterlegt sind.

Die Frage der Sicherungsverwahrung nach einer möglicherweise lebenslangen Haft kommt auf, in der Stefan W. nun als entscheidender Zeuge aussagen könnte, da die an ihm verübten Taten nach den bisher gestandenen geschahen und somit eine weitere Gefährdung nicht ausschließen würden.

Dankenswerterweise wird hier auf eine Befragung der erbosten Öffentlichkeit verzichtet. Zwei weitere Zeugen werden noch vor dem Gericht befragt, dann leitet Kerner auch schon mit einem gefühligen Bonmot über: „Man kann nur wünschen, dass die Kinder zurück ins Leben finden. Ist denn jemand unter den Zuschauern hier bei Facebook?“, und weiter geht es im Programm.

Zum Verständnis von Opfer oder den Motiven und Hintergründen des Täters hat die Sendung sicher nicht beigetragen.