Drei Monate nach Massaker

Breivik streift schon mit Gewehr durch Kino-Trailer

Es ist wie eine galoppierende Verkürzung der Schamfrist: Wenige Wochen nach dem Massaker von Utoya gibt es einen ersten Kino-Trailer.

Am 6. September 1901 wurde der US-Präsident William McKinley in Buffalo/New York von dem Anarchisten Leon Czolgosz erschossen, am 26. September der Attentäter zum Tode verurteilt und am 29. Oktober auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet. Am 30. Oktober 1901 begannen in Vincennes am Rande von Paris die Dreharbeiten zu dem Film „Électrocution de l'anarchiste Czolgosz, meurtrier du président Mckinley“, der Tat und Sühne zeigte. Zwischen dem Ereignis und seiner medialen Ausschlachtung lagen keine zwei Monate.

Keine drei Monate hat es gedauert, bis wir nun vom ersten Film über das Massaker des Anders Breivik lesen. Ein YouTube-Video wirbt für „Utoya Island“. Eine Schrift in typischer Trailer-Manier: „Auf einer Insel der Stille… rastete ein Mann aus Norwegen aus… und brachte 69 Kinder Gottes um.“ Dazwischen Bilder panischer Jugendlicher, eines ruhig schreitenden Mannes mit Gewehr und von Teenagern, die um ihr Leben flehen. Am Ende die werbliche Information: „,Utoya Island'… von dem Regisseur, der Ihnen ,Last Vampire on Earth' brachte.“

Der Regisseur, der mit dem Titel seines alten Films, nicht aber mit seinem Namen wirbt, heißt Vitaly Versace. Der Mann mit der merkwürdigen Namensmixtur spielte als Kind in russischen Filmen, wuchs aber in Cleveland/Ohio auf. Inzwischen in Beverly Hills, verfolgt er den ultimativen Traum des US-Einwanderers, nicht nur reich zu werden, sondern im Filmbusiness reich zu werden.

"Ich habe es als Witz getan"

Da Hollywood ein geschlossener Club ist (und immer war), der Neuankömmlinge nicht willkommen heißt, bleibt für Außenseiter nur die Chance, sich über Billigfilme zu profilieren. Dessen ist sich Versace, hier in einem Interview zu einem früher entstandenen Film, bewusst.

Frage: „Sie haben ‚Born into Mafia' wirklich in nur sieben Tagen gedreht!?“

Versace (grinst): „In sechseinhalb.“

Frage: „Das ist ja unglaublich!“

Versace: „Ich habe es fast als Witz getan, um zu sehen, ob das möglich ist. Der Schauspieler George Anton, ein guter Freund, sagte mir danach: ,Denke daran, Vitaly, Filmemachen ist nicht wie Zähneputzen. Es geht nicht ums Tempo' (lacht). Und ich sagte: ,Du hast recht, George. Ich werde nie mehr einen Sieben-Tage-Film drehen.'“

Frage: „Ist das wirklich wahr?“

Versace: „Natürlich nicht! Filme mit höchster Qualität und niedrigstem Budget zu machen, das ist mein Leben!“

Versace bewegt sich in der uralten Tradition des Kinos, das Unaussprechliche und Unaufschreibbare auf die Leinwand zu bringen, ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen oder persönliche Befindlichkeiten. Die Brüder Pathé haben das vor über hundert Jahren mit ihrem McKinley-Film schon getan, gefolgt von unzähligen grellen, ausbeuterischen, unsensiblen Filmen über Ehebruch, Schwulsein, Prostitution, Kriegsgräuel oder Gangsterverherrlichung. Die Rechtfertigungen sind immer ein durchsichtiges Mäntelchen, wie auch diesmal: Der Film entstehe „aus Mitgefühl mit den Opfern“ und als „Plädoyer für strengere Waffengesetze“.

Periode der Reflektion fällt weg

Seit dem Amoklauf an der Columbine High existiert das Subgenre des Schulmassakerfilms, und bisher schien es ein Muster der Verarbeitung zu geben: Zunächst nähert man sich dem Grauen in einem Dokumentarfilm, dann folgt die fiktive Interpretation. So kam mit dreijährigem Schockabstand zunächst Michael Moores „Bowling for Columbine“, dem folgten die Spielfilme „Elephant“ von Gus van Sant und „Zero Day“ von Ben Coccio. Zwei Jahre nach dem Erfurt-Drama sahen wir Thomas Schadts Doku „Amok in der Schule“, sechs Jahre dauerte es bis zu dem Sat1-Movie „Der Amokläufer – Aus Spiel wird Ernst“.

Dass die Periode der Reflektion – durch vergehende Zeit, durch den Filter eines Dokumentarfilms – im Fall Utoya nun völlig wegfällt, muss nicht verwundern. Der Wettbewerb um „den ersten Film zum Ereignis“ ist wieder so halsabschneiderisch geworden wie in der Frühzeit des Kinos, als es noch keinen Ruf besaß, den es hätte verlieren können – was heute an der schnellen digitalen Aufnahme- wie der superschnellen digitalen Verbreitungstechnik liegt. „Utoya Island“ wird die betroffenen Familien schmerzen – aber auch schnell in der Grube des Vergessens versinken. Und doch, wie jeder seiner Ausbeutungsfilm-Vorgänger vorher, einen Effekt haben: die weitere Verkürzung der Schamfrist.