Verschwörungstheorie

Warum Shakespeare doch Shakespeare war

"Anonymus"-Regisseur Roland Emmerich bezweifelt Shakespeares künstlerisches Schaffen. Dessen Übersetzer Frank Günther hält dagegen und klärt Mythen auf.

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Der in Freiburg geborene Frank Günther hat jede Zeile in William Shakespeares Werk hin und her gewendet: In den Siebzigerjahren als junger Theaterregisseur an den Theatern Basel und Bochum begann er damit, Shakespeares sämtliche Werke ins Deutsche zu übersetzen.

Seine Übertragung ist komplett in 39 Bänden beim Verlag ars vivendi erschienen, 23 Bände gibt es auch als Taschenbuch bei dtv. Günther ist damit der Erste, der alle Dramen und Gedichte des Briten allein ins Deutsche übersetzt hat. Für Morgenpost Online stellt er sich den kritischen Fragen von "Anonymus"-Regisseur Roland Emmerich. Eine ungekürzte Fassung von Günthers Antworten im Internet unter www.shakespeare-gesellschaft.de.

Roland Emmerich : Nicht ein Shakespeare-Manuskript wurde gefunden. Nicht mal ein Brief. Und das bei einem Mann, der zwischen London und Stratford pendelte. Hätte das nicht normalerweise zu einer Menge Korrespondenz führen müssen? Aber die größte literarische Jagd aller Zeiten hat nicht mal eine handschriftliche Notiz zu Tage gefördert. Seltsam, oder nicht?

Frank Günther : Aber überhaupt nicht seltsam, lieber Herr Emmerich. Ihre Frage ist etwa so sinnvoll, als hätten Sie gefragt: „Warum hat Shakespeare keine Emails geschickt?“ Wieso meinen Sie, dass bürgerliche Alltagsbriefe 400 Jahre hätten überdauern müssen? Warum hätte irgendjemand solche banalen Zettel aufheben sollen? Welchen Wert hatten denn solche privaten Mitteilungen, dass irgendjemand so was hätte horten sollen? Die Familie Shakespeare starb 1667 aus. Shakespeares Haus wurde verkauft und umgebaut, schließlich sogar abgerissen.

Wer genau hätte 400 Jahre lang wo und aus welchen Gründen einen Zettel mit „How are the kids?“ aufheben sollen? Wozu? Für die Neugier der Nachwelt? Shakespeare & Familie wussten nicht, welchen extremen Nachruhm man eines Tages auf Shakespeare häufeln würde, und ahnten nicht, dass Shakespeares Alltagsleben mal irgendjemanden interessieren könnte – also warum Schmierpapier aufheben?

Genau solche Zettel sind die ersten Schriftstücke, die untergehen. Nothing strange about it. Haben Sie noch nie alte Papiere ausgemistet? Noch nie alte Postkarten weggeworfen? „Herzliche Grüße vom Eiffel-Turm, Deine Tante Ida“? Nur durch Zufall haben derartige Mitteilungen aus Shakespeares Zeiten ab und zu in Archiven überdauert, wenn sie keinen Platz weggenommen, also niemanden gestört haben. Die große Masse davon ging unter.

"Armselige neunzehn Handschriften von dreitausend Texten sind überliefert"

PS: Dass kein einziges Drama oder Gedicht in Shakespeares Handschrift gefunden wurde, finden wir auch sehr traurig, lieber Herr Emmerich – wenn wir eins hätten, müssten wir uns schon mal nicht mehr über den Earl of Oxford unterhalten, nicht wahr? Aber Sie staunen darüber, dass es keine Shakespeare-Manuskripte gibt, und finden das hochverdächtig?

Das finden wir überhaupt nicht verdächtig, und wir staunen auch nicht; denn schließlich haben wir – um nur die wichtigsten von Shakespeares Kollegen zu nennen – auch von Thomas Kyd, John Marston, Robert Greene, Ben Jonson, George Chapman, Thomas Dekker, John Webster, Thomas Heywood, Francis Beaumont, John Fletcher und John Ford kein einziges handschriftliches Drama vorliegen. Da staunen Sie jetzt, nicht wahr?

Ja, und stellen Sie sich vor: Zwischen ca. 1570 und 1640 wurden in England für die Profi-Bühnen etwa 3000 Dramen geschrieben (ja, Sie lesen richtig: 3000 Dramen!). Und nun raten Sie mal, wie viele davon handschriftlich überliefert sind? 2000? 1000?? Oder 500??? Weit gefehlt, lieber Herr Emmerich: Es sind nur armselige neunzehn Handschriften von dreitausend Texten. Und von diesen nur sechs (vermutlich) auktorial in der Handschrift des Autors, also mikroskopische 0,2 Prozent, die anderen 13 sind Abschriften. Irre, nicht wahr?

Emmerich : Shakespeare war das Kind illiterater Eltern. Kein Problem. Viele Menschen wachsen unter ungünstigen Umständen auf und leisten Großes. Schwieriger zu erklären scheint mir allerdings, dass auch seine Töchter Susanna und Judith weder lesen noch schreiben konnten. Ist das nicht unglaublich? Der Verfasser des „King Lear“ hat nicht dafür gesorgt, dass seine Kinder seine Stücke und Sonette lesen konnten?

Günther : Interessant, lieber Herr Emmerich: Shakespeares Eltern waren Analphabeten, sagen Sie. Darf man fragen, woher Sie das wissen? Shakespeares Vater, John Shakespeare, war Abgeordneter im Stadtrat, Inspekteur des Bier- und Brotherstellungswesen, wirkte zwei Jahre am Stadtgericht und war einer der beiden Chamberlain (Kämmerer), die die Gemeindeeinkünfte in Stratford verwalteten, öffentliche Gelder für die Unterstützung Hilfsbedürftiger auszahlten und Reparaturen an Gemeindegebäuden beauftragten und abrechneten.

Er war mit seinem Kollegen für die städtische Buchführung zuständig – und arbeitete offenbar zufriedenstellend, denn mit diesem Amt wurden er und sein Kollege über ihre Amtszeit hinaus weitere zwei Jahre betraut, in denen sie die Rechenschaftsberichte der Nachfolger erstellten. Und schließlich wurde John Shakespeare Bürgermeister und Friedensrichter von Stratford: höhere Ämter hatte Stratford nicht zu vergeben.

"Zeichen statt Unterschrift beweist kein Analphabetentum"

John Shakespeare unterschrieb mit einem Zeichen – ebenso wie sein Mit-Kämmerer Adrian Quiney. Daraus zu schließen, dass John Shakespeare und Adrian Quiney Analphabeten waren, dürfte angesichts ihrer Ämter und Verwaltungsaufgaben etwas kühn sein. Denn von Adrian Quiney sind handschriftliche Briefe erhalten – er hätte also durchaus seinen Namen schreiben können, wo er nur ein Zeichen gesetzt hat. Zeichen statt Unterschrift beweist daher keineswegs Analphabetentum.

Und Sie wissen also, dass Shakespeares beide Töchter Susanna und Judith weder lesen noch schreiben konnten, lieber Herr Emmerich? Verblüffend – wo doch von Susanna eine Unterschrift erhalten ist. Warum sollte Judith das nicht ebenso gekonnt haben? Weil diese nur mit einem Zeichen unterschrieben hat? Siehe oben – ein Zeichen als Unterschrift beweist nicht unbedingt Analphabetismus. Zumindest für Susanna also überhaupt keine Schwierigkeit, König Lear von Papa zu lesen...?

Emmerich : Shakespeare gehörte nicht der Oberschicht an. Jeder weiß das. Warum aber hat er dann ständig über Adelige, Könige, Königinnen und den Hof geschrieben? Und noch wichtiger: Woher konnte er so viel über deren Lebensweise wissen?

Günther : Aber lieber Herr Emmerich, Sie wollen Shakespeare vorschreiben, worüber er zu schreiben hat? Eines der zentralen Themen des Shakespeareschen Schaffens ist das hochinteressante und hochpolitische Thema „Macht“. Das hat ihn fasziniert, damit hat er sich zeitlebens auseinandergesetzt: Wie kommt einer an die Macht? Wie bewahrt einer die Macht? Wie geht einer mit der Macht um? Wie missbraucht einer die Macht? Wie versagt einer an der Macht? Wie verliert einer die Macht? Wie legitimiert sich Macht? Und das Thema der Macht kann man nun nicht so sehr gut allein am Streit zweier Fischmarktweiber über Heringsschwänze abhandeln – da muss man über die schreiben, die an den Hebeln der Macht sitzen und herrschen.

Und was Ihre Verwunderung darüber angeht, dass Shakespeare als Bürgerlicher so genau das Verhalten des Adels beschreiben konnte: Lieber Herr Emmerich, dürfen wir Ihnen mit einer kleinen Geschichte antworten? Die geht so:

Sie, Roland Emmerich, behaupten also, dass Sie den Film „Anonymus“ inszeniert haben? Soso. Hmhm. In diesem Film kommen jede Menge Szenen vor, die am englischen Königshof spielen und das Verhalten von Adligen, Königinnen und Königen zeigen. Nun überlegen wir doch mal: Sie, Roland Emmerich, stammen aus Sindelfingen bei Stuttgart und sind der Sohn eines Gartengeräteherstellers. Und jetzt fragen wir uns doch, woher Sie mit Ihrer bürgerlichen Herkunft eigentlich das Wissen haben wollen, wie man sich am englischen Königshof verhält.

Das ist doch mehr als unwahrscheinlich... nein, lieber Roland Emmerich, das kann nicht sein, das gibt es nicht, das ist vollkommen unmöglich, dass Sie als Sindelfinger Gartengeräteherstellerssohn solche aristokratischen Szenen geschrieben und inszeniert haben könnten, dazu fehlt Ihnen nämlich jedes Wissen über Königinnen und Könige und wie’s bei denen hinterm Sofa zugeht und über das englische Hofleben überhaupt! Wir glauben Ihnen das also einfach nicht, dass Sie „Anonymus“ gedreht haben können! Oder wollen Sie behaupten, dass Sie im Buckingham Palast verkehren?

Woher wollen Sie wissen, dass Shakespeares Stücke exakte, realistische Abbilder der höfischen Verhältnisse sind – und nicht nur genauso erfundene, künstlerische Fantasien über das englische Hofleben sind, wie Sie sie in Ihrem Film verwenden?

Emmerich : Es gibt keinen Beleg dafür, dass Shakespeare jemals die Grundschule in Stratford besucht hat. Und doch beweist sein Werk ein umfangreiches medizinisches, astronomisches, musikalisches oder juristisches Wissen. Nicht gerade Grundschulniveau, würde ich sagen.

Günther : Och nö, Herr Emmerich, das ist jetzt wirklich ein bisschen doof – eines der ältesten oxfordianischen und dazu betrügerischen Argumente überhaupt, mit einem unendlich langen Bart, wie Sie selber doch sehr genau wissen. Neeeeeee, es gibt keinen Beweis, dass Shakespeare die Stratford Grammar School besucht hat, ganz recht. Aber Sie haben ja sicherlich viele Beweise, dass andere Kinder die Stratford Grammar School besucht haben, nicht wahr? – Ach, Sie haben keine Beweise dafür, dass je ein einziges anderes Kind die Stratford Grammar School besucht hat?

Ja, aber komisch – es gab aber doch eine Stratford Grammar School, oder? Und die Lehrer der Stratford Grammar School sind doch auch bekannt, oder? Und die Stratford Grammar School hatte doch einen sehr guten Ruf, oder? Und diese Stratford Grammar School war in Betrieb – aber kein einziges Kind ist reingegangen? Können Sie mir dieses verblüffende Rätsel erklären? Nein?

Aber wir können es Ihnen erklären: Selbstverständlich sind Kinder in die Stratford Grammar School gegangen – nur leider stammt die früheste Schülerliste, die überlebt hat, aus dem Jahr 1800... also haben wir für kein Kind einen Beweis, und deshalb eben auch keinen Beweis für William Shakespeare, und deshalb besagt Ihr „Kein-Beweis“-Argument überhaupt nichts.

Da William Shakespeare als Sohn des Bürgermeisters sogar Anrecht auf kostenlosen Zugang zur Stratford Grammar School hatte, wäre es ein bisschen sehr merkwürdig, wenn ausgerechnet der Aufsteiger John Shakespeare seinen Sohn nicht in diese kostenlose Schule geschickt hätte. Aber das wissen Sie ja alles selber, Sie sagen das nur so...?

Emmerich : Wir wissen, dass Shakespeare sich als Endvierziger in seinen Geburtsort zurückgezogen hat. Dort hat er nie wieder geschrieben, nicht mal ein kurzes Gedicht. Für mich unvorstellbar. Also, was ist passiert? Sind ihm etwa die Ideen ausgegangen?

Günther : Tja – wir wissen es nicht, was los war. Wir könnten da nur wild spekulieren, was natürlich bedeutungslos ist. Aber spekulieren wir mal, lassen wir die Fantasie spielen, was Ihnen widerfahren könnte – wenn Sie sich selbst da gar nichts vorstellen können:

Sagen wir mal, Ihnen würde in Hollywood kein Mensch mehr ein Stück trocken Brot geben, keinen Film mehr anvertrauen, kein Budget mehr zuschanzen – es würde kein Studioboss Sie auch nur noch ins Vorzimmer lassen, weil Ihre letzten Filme so katastrophal in die Hose gingen... die Studios würden Ihre Filme gegen Ihren Willen umschneiden... meinen Sie nicht, Sie würden unter Umständen grimmig zurück nach Sindelfingen gehen...?

Oder Sie wären vollkommen ausgebrannt, innerlich fertig, Burn-out nach vielen erschöpfenden Jahren Hollywood... Sie können sich nicht vorstellen, dass Sie...? Sie wissen nicht, was ein Burn-out bedeutet...? Oh, lieber Herr Emmerich, hoffen wir, Sie erleben es nie.

"Es gibt so viele Möglichkeiten, über den Rückzug nach Stratford wild zu spekulieren"

Oder können Sie sich eine Existenzkrise vorstellen? Vollständige Infragestellung all dessen, was Sie bislang gemacht haben? Tiefen Ekel vor dem Filmgewerbe, Widerruf Ihres bisherigen Lebensplanes, Bruch mit Ihrem bisherigen Leben – so was gab’s alles schon, Sie erinnern sich: Arthur Rimbaud? Gewaltiger Dichter, himmeleinreißend, neue Dimensionen der Dichtkunst entdeckend... und dann – Ende. Schluss mit der Literatur. Geschäftsmann. Abenteurer. Angeblich Waffenhändler.

Oder einfach – Müdigkeit? Dass Sie es irgendwann leid sind, weil die Jungen Sie eh überholen? Weil die Jungen eh schneller und besser sind? Müde, weil Sie die neue Zeit nicht mehr so richtig verstehen? Dass es Ihnen nicht mehr so wichtig ist, beim Rat race mitzumachen? Dass Sie alles gesagt haben, was Sie zu sagen hatten – und dass es Ihnen einfach reicht?

Können Sie sich jetzt alles nicht vorstellen? Na schön, wie auch immer: Dafür kann aber Shakespeare nix. Es gibt so viele Möglichkeiten, über den Rückzug nach Stratford wild zu spekulieren, dass es vollkommen absurd wäre, daraus Schlüsse auf Shakespeares Verfasserschaft zu ziehen.

Emmerich : Es gibt keinen einzigen Nachweis, dass Shakespeare England je verlassen hätte. In seinem Werk jedoch beweist er Detailkenntnisse über italienische Städte oder den französischen Hof. Woher dieses Wissen?

Günther : Nein, das glauben wir nicht, dass Shakespeare so viel Reisefilme im Fernsehen gesehen hat, lieber Herr Emmerich – sonst hätte er sich in Italien doch wohl besser ausgekannt und hätte nicht so viel Blödsinn geschrieben:

Hätte nicht Verona an einen Tidenfluss (!) in Adrianähe(!) gelegt, wo es nun weiß Gott keine Gezeiten gibt, schon gar nicht im Fluss Etsch, der von Verona weit im Binnenland aus noch etwa 130 km vor sich hinmäandriert, bis er endlich die Küste erreicht; und Shakespeare hätte niemals behauptet, dass man von Verona mit einer Seereise nach Mailand kommt, das noch viel weiter landeinwärts liegt als Verona; und er hätte niemals Prospero mit einem Dreimaster (!) in Mailand (!!) ablegen lassen, um nach wenigen Meilen (!!!) das offene Meer zu erreichen!

Mailand liegt etwa 280 km von der Adria entfernt und etwa 140 km von Genua. Das hätte Shakespeare wirklich besser gewusst, wenn er fleißig Reisefilme aus Italien auf dem travel channel geguckt hätte. Und das Lustige daran, lieber Emmerich: Es beweist nach oxfordianischer Logik, das der Earl of Oxford nicht der Autor gewesen sein kann... denn der hat ja schließlich Italien bereist und kannte alle diese Städte bestens!

Emmerich : Werfen wir einen Blick auf das Shakespeare-Denkmal in Stratford. Die Historiker sind sich einig, dass seine Darstellung dort später verändert worden ist. Ein früher Stich zeigt, dass das Denkmal unseren Dichter ursprünglich mit einem Sack Getreide statt mit Schreibwerkzeug dargestellt hat. Interessant, finden Sie nicht?

Günther : Nö, finden wir überhaupt nicht interessant, lieber Herr Emmerich. Und zwar deshalb: Es gibt ein Monument, und es gibt einen Kupferstich davon in einem Buch mit dem Titel „Antiquities of Warwickshire“ von Dugdale aus dem Jahr 1656. Der Kupferstich im Buch zeigt das Monument anders als es real dasteht. Eins von beiden ist also falsch – das Monument oder der Kupferstich. Aber was? Was ist vertrauenswürdiger – das Buch oder das Monument?

Das Monument wurde einmal renoviert – es kann damals verändert worden sein, klar, muss aber nicht. Aber wie sieht es mit der Vertrauenswürdigkeit des Buches und dem Kupferstich aus? Damit sieht es leider ganz schlecht aus – wie man an zwei weiteren Familiengrabmälern aus Stratford sieht, dem Clopton-Monument und dem Carew-Monument. Beide sind heute noch vorhanden – und beide sind auf den Kupferstichen im Dugdale-Buch ebenfalls vollkommen anders dargestellt, ebenso wie das Shakespeare-Monument. Was folgern wir daraus? Dass auch die Clopton-und Carew-Monuments „gefälscht“sind?

Nein, natürlich nicht. Es zeigt, wie an zahllosen anderen Beispielen nachweisbar ist, dass das Buch von Dugdale, einem hektischen Vielschreiber, äußerst fehlerhaft und unzuverlässig ist.

Emmerich : Können Sie sich vorstellen, dass Shakespeare in seinem Testament kein einziges seiner Bücher oder Manuskripte erwähnt, aber dafür sein zweitbestes Bett? Muss wirklich eine sehr bequeme Matratze gewesen sein.

Günther : Ja, das können wir durchaus glauben, lieber Herr Emmerich. Er hat keine Bücher im Testament erwähnt – ja und? Macht ihn das zum Analphabeten? Wer keine Bücher im Testament erwähnt, hatte keine Bücher? Wenn das so ist:

Sir Francis Bacon, der bedeutendste Denker und Philosoph der ganzen Epoche, der im übrigen von 1859 bis 1920 als der wahre Verfasser von Shakespeares Dramen gehandelt wurde, hat in seinem Testament auch kein einziges Buch erwähnt. Irre, nicht wahr? Sir Francis Bacon konnte demnach nicht lesen und schreiben, wollen Sie sagen? Von allen aufgefundenen Testamenten der Epoche erwähnen neunzig Prozent keine Bücher.

Wie kann das sein? Die Erklärung, lieber Herr Emmerich, ist recht einfach: Bücher mussten im Testament nicht aufgeführt werden. Wenn jemand seinen ganzen Besitz einem Erben XYZ hinterließ – warum sollte er dann die Bücher besonders aufführen?

"Theaterstücke galten damals als Gebrauchsware, nicht als hohe Kunst"

Das war nur nötig, wenn man die Bücher verschiedenen Erben hinterließ, also eine besondere Verfügung traf; ansonsten wurden die Bücher im sog. inventory aufgeführt: Das war ein Verzeichnis aller im Besitz des Verstorbenen befindlichen beweglichen Gegenstände – und dieses inventory wurde bei der Behörde eingereicht. Das inventory von Shakespeares Besitz wurde einige Wochen nach seinem Tod von seinem Schwiegersohn Dr. Hall übergeben, und leider ist es nicht erhalten. Also – alles ganz normal, lieber Herr Emmerich, kein Geheimnis dahinter.

Und warum er seine Werke nicht erwähnt hat? Vielleicht, weil er gar keine hatte? Weil er sie nämlich allesamt seiner Theatertruppe verkauft hatte und damit keinerlei besondere Rechte mehr daran besaß? Theaterstücke galten damals als Gebrauchsware, nicht als hohe Kunst, Herr Emmerich – auch nichts Geheimnisvolles daran. Wir hoffen also, dass wir Ihre Fragen zufriedenstellend beantworten konnten, und stehen Ihnen, sollten Sie weitere haben, jederzeit gerne mit Rat und Tat zur Verfügung!