Casting-Show

"X Factor" sucht Talent, keinen Tränendrüsen-Star

Auf den letzten Metern wird bei "X Factor" mit allen Mitteln gekämpft. Doch persönliches Leid kann sich gegen musikalisches Talent nicht durchsetzen.

Wo sind all die Tränen, die schmerzverzerrten Gesichter in Großaufnahme, wo das schwere Schicksaal, die „meine-letzte-Chance“-Attitüde? Während andere Casting-Formate wie „DSDS“ und „Supertalent“ voll auf persönliche Schicksale setzen, steht bei „X Factor“ vergleichsweise viel Musik im Mittelpunkt. Nun gab es eine Ausnahme. Und die scheiterte tragisch.

Es wird langsam dünn im Kandidaten-Feld: Fünf Acts verblieben in der sechsten Liveshow, weil in der vorherigen Folge gleich zwei Kandidaten (Martin Madeja und das Geschwister-Duo „Benman“) gehen mussten. Die Übrigen sangen doppelt: Zwei Songs standen an diesem Abend an, einer „leise“ einer „laut“.

Auf der Zielgeraden stieg mit dem Druck auch die Härte im Konkurrenzkampf – nicht zuletzt unter der Jury: Sarah Connor hatte nur noch das Duo Nica und Joe im Rennen, es bestand also die Chance, dass Connor zur nächsten Folge ohne eigenen Schützling würde kommen müssen. Um das zu verhindern waren sogar unfaire Mittel recht. Doch auch das Bo ging weit, um seinen stets gefährdeten Schützling Monique Simon zu pushen.

Dabei hatte die 16-jährige Monique die fünfte Folge überraschend souverän gemeistert, mit ihrem Lied sogar Connors Wangen glitzern lassen. Das schaffte sie diese Mal nicht, lieferte aber mit glatt-gezähmter Lockenpracht einen soliden Auftritt – trotz stellenweise flacher Stimme.

Ihr erstes (lautes) Lied war ein Selbstläufer: „Sweet about me“ sang Gabriella Cilmi als sie selbst 16 war. Entsprechend positiv das Urteil der Jury: „Bo, chapeau!“, fand Sarah Connor zur Songauswahl, „Kompliment!“, Till Brönner. Das Bo liebt Monique sowieso. Als sie in der letzten Folge als erste weiter gewählt wurde, brach es seinerzeit aus ihm heraus: „Ja, ja, ja, oh mein Gott, ja!“

Monique drückt auf die Tränendrüse, damit endet ihr Traum

Vielleicht war das Bo auch deshalb bereit, diesmal besonders auf die Tränendrüse zu drücken. Für „X Factor“ ungewöhnlich breit wurde Moniques Schicksal vorgetragen: Monique, blind geboren, von einer Mutter ohne Geld für die Behandlung; dann die Auswanderung von Brasilien nach Deutschland in jungen Jahren. Sie sang „Oh mother“ von Christina Aguilera – natürlich für ihre Mutter, sagte am Schluss: „I love you mum“.

Wenn all das Kalkül war, ging es nach hinten los: Vor allem Till Brönner stieß das „Theater“ sauer auf. Als Monique nach dem Lied weinend in den Armen ihre Mutter lag, giftete er: „haben wir es bald?“ Und fragte dann durchaus berechtigt, wie er denn das „arme kleine Mädchen“ nun objektiv beurteilen solle? Auch Connor befand: „Du brauchst das Theater nicht.“

Gar nicht genug Theater konnte es für Connor dagegen im Fall ihrer eigenen Schützlinge geben. Als Unterstützung stellte sie Nica und Joe Deutschlands derzeit erfolgreichste Klassik-Pop-Gruppe „Adoro“ an die Seite. „Adoro“ schmetterten den Chorus zu einer Klassik-Version von „irgendwie, irgendwo, irgendwann“.

Das war harte Wettbewerbsverzerrung. Diesen Winkelzug fand das Bo wiederum wenig amüsant: „Ich bitte Sie um einen großen Applaus! Adoro, Platz Drei der deutschen Charts“, kommentierte der Juror zynisch. Auch Till Brönner schloss, das „Wasser steht Sarah bis zum Hals“. Immerhin, „Metallica“ standen beim zweiten Song „Nothing else matters“ nicht mit Nica und Joe auf der Bühne.

Das Duo kam sicher weiter, wäre es auch ohne das Tamtam. Die beiden dürften die Top-Favoriten sein und obendrein die größten Chancen haben auf einen anschließenden kommerziellen Erfolg. „Der Markt ist da“ stellte Connor fest. Ob das auch für David Pfeffer gilt, den Mädchenschwarm mit den eindringlichen Balladen (heute: „Hometown Glory“ von Adele)? Jedenfalls kam er ohne Zittern in die nächste Runde, ebenso wie Rufus Martin der das Publikum wohl vor allem mit seinem „leisen“ Lied „Something“ von James Morrison für sich gewann.

Als die letzte Entscheidung schließlich fiel, war die Sendung planmäßig längst vorbei, die Sendezeit längst vorüber. Monique musste deshalb von der Bühne: Mit ihren 16 Jahren durfte sie nach 23:00 Uhr nicht mehr auftreten und nahm im Publikum neben ihrer Mutter Platz.

Tragisch: Sie hätte im „Gesangsduell“ der letzten Beiden noch einmal alles geben müssen. Eine vorsorglich aufgezeichnete Performance hielt her und Monique erlebte ihren eigenen entscheidenden Auftritt als Zuschauerin – sie litt herzzerreißend.

Ein Geburtstagsständchen für Moderator Schropp

Gegen Monique an trat Raffaela. Im ungleichen Duell zwischen Video und Liveauftritt schlug sie Monique deutlich, nicht zuletzt weil sie so viel Gefühl in Rihannas „Russian Roulette“ legte wie noch in keins ihrer Stücke. Die Jury kämpfte um Fassung.

Und das Bo musste erneut einen der eigenen Schützlinge nach Hause schicken. Er hatte seinen Ärger darüber kaum im Griff: „Bla, bla, bla. Lass uns anfangen!“, fuhr er dem erschrockenen Moderator Jochen Schropp grob über den Mund.

Dabei war es für Schropp eigentlich eine besondere Show: Als er zu Beginn auf die Bühne trat, fing das Publikum plötzlich zu singen an. Kandidaten und Jury strömten herein, sangen eine rockig-poppige Version von „Happy Birthday“. Es war der 33. des Moderators und Schropp gut aufgelegt: „Die bleibt hier“, meinte er zu einer Tänzerin – und moderierte zunächst mit knallrotem Kussmund auf der Wange weiter.

Vielleicht hatte das Bo am Ende die Kritik der Kollegen überzeugt, vielleicht die Vermutung gesiegt, es könnte zu viel werden für die junge Monique – erst recht wegen dem heute so hohen Einsatz. Nach einem minutenlangen Selbstmonolog entschied das Bo für Raffaela – und als Zuschauer sah man, wie schwer es ihm fiel. Am Ende hatte doch die Musik gesiegt.