Late Night "Maischberger"

Karl Moik war der kranke Buhmann des Abends

In Maischbergers Talkrunde ging es um vermeidbare Volkskrankheiten. Die Rolle des Unvernünftigen bediente Volksmusikant Karl Moik.

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Demenz, Herzinfarkt, Diabetes – zu Beginn ihrer Sendung nannte Sandra Maischberger beunruhigende Zahlen zum Gesundheitszustand der Deutschen:

So gebe es 7 Millionen Diabetiker und 1,3 Millionen Demenzkranke in der Bundesrepublik, 20 Millionen plagen Rückenprobleme, fast ebenso viele haben Bluthochdruck. Was als Pauken-und-Trompeten-Prolog begann, endete mit einem Plädoyer für gesunde Ernährung, Sport, einer guten Ärztebetreuung und ganz viel Liebe.

Die Lösung aus dem Volkskrankheitsdilemma liegt, so suggerierte es die Sendung, zum Greifen nahe. Das wahre Problem jedoch sei nicht die fehlende Einsicht, sondern schlicht die Unwissenheit der Menschen darüber, welchen Raubbau sie mit ihrem Körper betreiben.

Und um Aufklärung statt hitzige Debatten ging es auch den Gästen an diesem Abend, der mehr von Emotionalität und Monologen persönlicher, durchaus berührender Krankheitsgeschichten als von provokanten Thesen oder neuen Erkenntnissen geprägt war.

Dabei bemühte sich Maischberger alles andere als subtil, Entertainer Joachim Fuchsberger, Volksmusikbarde Karl Moik, Gesundheitsökonom Karl Lauterbach, dem Ehepaar Weber oder dem Rückenspezialist Dietrich Grönemeyer ein paar dissonante Töne zu entlocken.

Mit Politik hatte das Ganze herzlich wenig zu tun, obwohl eine kontroverse Debatte darüber nahelag, welche Auswirkungen eine mögliche Mitschuld des Erkrankten auf die Gesundheitspolitik und die Allgemeinheit haben könnte.

Viele Krankheitsfälle könnten verhindert werden

Lediglich Karl Lauterbach gab Antwort auf Maischbergers Frage nach der eigenen Schuld der Betroffenen und zitierte aus einer Studie, nach der sechs von zehn Krankheitsfällen, wie Diabetes, Bluthochdruck und Demenz, durch eine entsprechende, frühzeitige Behandlung und einen gesunden Lebenswandel verhindert werden könnten.

Den meisten Gesprächsanteil an diesem Abend hatte Joachim Fuchsberger, der nicht nur als erster lange über die Diabeteserkrankung seines im vergangenen Jahr an Unterzucker gestorbenen Sohnes berichtete, sondern auch immer wieder die Erzählungen der anderen Gäste unterbrach.

Fuchsberger, der am unlängst den Ehrenpreis beim Deutschen Fernsehpreis entgegennahm, folgte einer Mission und ließ sich auch nicht von Duz-Freundin Sandra davon abbringen, Aufklärungsarbeit zum Thema Diabetes zu leisten.

Seine Herzprobleme, auf die Maischberger hinwies, seien nicht so wichtig. Damit öffnete der Moderator gar nicht erst seine eigene Krankenakte und verhagelte Maischberger damit ihre nicht gerade komplexe Gliederung: 1. Diabetes, 2. Herzprobleme, 3. Demenz und immer wieder die Frage nach der Schuld der Betroffenen an ihrem eigenen Schicksal und die Bitte um eine fachkundige Stellungnahme an Lauterbach und Grönemeyer.

Karl Moik als willkommener Buhmann des Abends

Dumm nur, dass neben Fuchsberger auch anderen nicht nach einem Abhaken der einzelnen Themen zumute war. Auch Karl Moik fuhr Maischberger in die Parade und kam viel zu früh mit der Geschichte seiner Bypass-Operation daher.

Moik sollte der Buhmann des Abends werden und bediente die Rolle des Unvernünftigen auch arglos mit Zitaten wie „Ich nehm’s heute bei Weitem noch nicht so ernst, wie ich sollte“ oder „Auch heute treib ich noch kaum Sport“. Ob er von den Ausführungen der beiden Mediziner Lauterbach und Grönemeyer geläutert wurde, darf bezweifelt werden.

Doch mehr als Spezialist, der er in Sachen Diabetes oder Koronalerkrankungen nach eigener Aussage auch überhaupt nicht ist, schlüpfte Grönemeyer ebenfalls in die Rolle des Betroffenen beziehungsweise in die eines Angehörigen.

Nicht nur seine Mutter und Großmutter, auch sein Vater litt an Demenz. „Ich sehe eine Häufung in unserer Familie. Da könnte man natürlich vermuten, da sei eine virale Genese.“ Doch an eine Erblichkeit von Alzheimer mochte auch der Radiologe nicht so recht glauben.

Rührend und zugleich befremdlich war schließlich der Auftritt von Erika und Wolfgang Weber. Wolfgang Weber hat seit acht Jahren Alzheimer, dies und mehr erfährt der Zuschauer von der redseligen, um einige Jahre jüngeren Ehefrau.

Maischberger ließ sie lange ausreden und versuchte gar nicht erst, mit Wolfgang Weber ins Gespräch zu kommen, der eine halbe Stunde lang still und freundlich dreinschauend neben seiner Frau saß.

Wenig Berührungsängste dagegen hatte Fuchsberger, der seine Sympathie gegenüber Wolfgang Weber äußerte, dies jedoch ebenfalls durch die Vermeidung einer persönlichen Ansprache und stattdessen mit einem nett gemeinten „Der Mann ist großartig. Jetzt grinst er wieder.“

Als Grönemeyer, der ebenfalls seinen Vater bis zu dessen Tod pflegte, etwas sagen wollte, unterbrach ihn Sandra Maischberger. Mehr Drohung als Trost dann ihre letzen Worte an Grönemeyer: „Ich verspreche Ihnen, wir machen auch mal eine Rückensendung“.