Bibelkunde

Die Qumran-Rollen kommen aus Jerusalem

Israel Museum und Google beginnen mit der Online-Edition der Qumran-Rollen. Noch immer ist unklar, wer sie schrieb. Die Essener waren es gewiss nicht.

In unterirdischen, abgedunkelten Räumen in Jerusalem lagern die berühmten Qumranschriften. Ihr Fund setzte Wissenschaftler weltweit in Aufregung. In Zusammenarbeit mit Google hat das Jerusalemer Israel Museum jetzt die fünf bekanntesten Schriftrollen digitalisiert und online veröffentlicht . Mehr als eine Viertel Million Menschen gingen am ersten Tag auf die Internetseite, und versuchen zu verstehen, was ein junger Beduine vor mehr als 60 Jahren gefunden hat.

1947 hatte Mohammed Ad-Dib in einer Höhle, nahe des Toten Meeres, antike Schriftrollen entdeckt, darunter auch eine gut erhaltene des alttestamentlichen Jesaja-Buches. Ein Jahr später wurden Forscher auf den Fund aufmerksam. Bis 1956 fanden Einheimische und Wissenschaftler insgesamt elf Höhlen mit Texten und Tonscherben in der Umgebung von Qumran.

Die längste Rolle misst über acht Meter

Die Qumranschriften bestehen zu einem Drittel aus Büchern des Alten Testaments, aus religiösen Texten, die bis dato völlig unbekannt waren, und mystischen und astrologischen Schriften. Die meisten sind in Hebräisch geschrieben. Der längste Text, die „Tempelrolle“, misst über acht Meter. Es gibt aber auch Fragmente mit nur ein oder zwei Buchstaben.

Alle Schriften wurden vermutlich von 250 v. Chr. bis 70 n. Chr. verfasst, als die Römer den Tempel in Jerusalem zerstörten. Ihr Fund half jüdischen und christlichen Theologen, die Überlieferung der alttestamentlichen Bücher besser zu verstehen und warf neues Licht auf die religiöse Vielfalt des Judentums in der antiken Welt.

Wissenschaftler publizierten nach und nach alles Material. 1956 lagen alle Schriften aus der ersten Höhle vor. 1960 gab es die erste deutsche Übersetzung. Es dauerte jedoch bis 1993, bis alle 15.000 Fundstücke veröffentlicht waren.

Offenbarung aus Höhlen

Der lange Zeitraum gab 1991 zwei Autoren aus Großbritannien den Anstoß für ihre Behauptung, in den Qumranschriften ständen unbequeme Aussagen über Jesus, die der Vatikan verheimlichen wolle. Zwar wurde die These bald als Verschwörungstheorie entlarvt, der Streit aber, wer die Schreiber der Rollen wirklich waren und wer sie in der judäischen Wüste versteckte, tobt bis heute.

Ihren Namen verdanken die Fundstücke dem nahegelegenen Ruinenfeld von Khirbet Qumran. Archäologen fanden dort Reste eines zweistöckigen Hauptgebäudes, Wirtschaftsanlagen, einen Wehrturm und eine Töpferei, sowie Wohnhöhlen und Friedhöfe mit 1000 Einzelgräbern. Tonscherben vor Ort ähnelten den Krügen, in denen manche Schriftrollen gefunden wurden. Der Leiter des ersten Grabungsteams, Roland de Vaux, vertrat deshalb die These, die Bewohner dieser Siedlung müssten auch die Verfasser der Texte gewesen sein.

Eine „Gemeinschaftsregel“ aus der ersten Höhle ließ vermuten, dass es sich um eine religiöse Gemeinschaft der Essener handelte. Theologen betrachteten deshalb Qumran als klosterartige Siedlung der Essener und die Texte als versteckte Bücher ihrer Bibliothek. Vierzig Jahre dominierte diese These als regelrechtes Dogma die Forschung. Doch seit einigen Jahren mehren sich die Einwände – mit umstürzender Wirkung auf die Interpretation vieler Texte.

500 verschiedene Schreiber

Ein Hauptproblem besteht darin, die jüdische Gruppe der Essener einzugrenzen. Historische Quellen ergeben kein einheitliches Bild. Wenn jedoch unklar ist, wie die Essener eigentlich lebten und was sie glaubten, lässt sich weder durch archäologische Funde noch durch Texte ihr Aufenthalt an einem bestimmten Ort beweisen.

Der Neutestamentler Klaus Berger urteilt, die Vermutungen über Essener in Qumran seinen „unwahrscheinlich bzw. durch keine historischen Fakten gedeckt“. In keinem der Qumranfundstücke fällt das Wort „Essener“ und auch von der Askese, die dieser Gruppierung nachgesagt wurde, findet sich in den Texten keine Spur.

Unabhängig davon, ob Essener in Qumran lebten oder nicht, müssen es nicht zwangsläufig die Bewohner der Siedlung gewesen sein, die Texte geschrieben und in den Höhlen versteckt haben. In den Ruinen des Hauptgebäudes wurden weder Pergament noch Schreibwerkzeuge gefunden. Auch Bibliotheksräume fehlten.

21 Abschriften vom Buch Jesaja

Zwar haben einige der hebräischen Texte eine ähnliche Schreibweise, insgesamt geht man aber von rund 500 verschiedenen Schreibern aus. Es ist unwahrscheinlich, dass sie alle in Qumran lebten, und es erscheint wenig glaubhaft, dass eine religiöse Gemeinschaft 21 Abschriften von ein und demselben Buch anfertigte, wie sie für das Buch Jesaja gefunden wurden.

Zwischen 1993 und 2004 versuchten darum Archäologen, bei Feldforschungen neue Erkenntnisse zu gewinnen. Sie förderten Schmuck und andere Fundstücke zu Tage, die dafür sprechen, dass es sich bei Qumran eher um das Landgut einer Familie der Jerusalemer Oberschicht handelte, als um die Klosteranlage einer asketischen Sekte.

Dass die Bewohner eines Landguts aber eine wertvolle Bibliothek besessen und genutzt haben, ist ziemlich unwahrscheinlich. Mittlerweile schließen sich immer mehr Forscher der These an, die der deutsche Neutestamentler Karl-Heinrich Rengstorf und der amerikanische Judaist Norman Gold aufgebracht haben. Danach handelt es sich bei den Rollen von Qumran um Bücher, die vor der Invasion der römischen Legionen 66 n. Chr. aus Jerusalem in Sicherheit gebracht wurden.

Bibliotheken aus Jerusalem

Zur Debatte steht nun, ob es sich um die Bestände von mehreren Privatpersonen handelt oder um eine Bibliothek aus dem Umkreis des Tempels. Dies würde zumindest erklären, warum die Rollen ein außerordentlich breites Spektrum theologischen Denkens spiegeln, wie es nach der Niederschlagung des Jüdischen Aufstandes 70 n. Chr. für das Judentum nicht mehr belegt ist.

Das Israel-Museum in Jerusalem will in nächster Zeit weitere Qumranschriften im Internet veröffentlichen. „Wir wollen die Texte in andere Sprachen übersetzen“, sagt Adolfo Roitman, Kurator des „Schrein des Buches“, der die Qumran-Rollen beherbergt. Spanisch und chinesisch schwebt ihm als erstes vor, aber auch deutsch und russisch, italienisch und koreanisch.