Zweiter Weltkrieg

Polnischer Überlebenskampf unter dem Gullydeckel

Die polnischen Filmregisseure Agnieszka Holland und Wojciech Smarzowski setzen das Leben unter der Herrschaft von Wehrmacht und Roter Armee in Szene.

Foto: Verleih

Zwei polnische Filme rollen auf uns zu. Achtung: Es geht um das zwanzigste Jahrhundert, es kann ein bisschen wehtun. „Roza“ und „In der Dunkelheit“ beginnen beide mit Szenen, in denen deutsche uniformierte Männer wehrlosen Frauen Leid zufügen. In dem einen Film brennt es, im anderen hört man ein Knattern. Hier vergewaltigt ein Soldat in den Trümmern Warschaus eine Polin, dort werden nackte Jüdinnen durch den Wald getrieben. Die Regisseure haben die Regel Hitchcocks, ein guter Film müsse mit einem Erdbeben beginnen und dann immer spannender werden, sehr wörtlich genommen.

Nehmen wir an, wir seien zu spät ins Kino gekommen: Beide Filme sind auch ohne die Eingangsszenen preisverdächtig. Sie verfolgen die Schicksale einfacher Menschen durch die Zeit von Krieg und Nachkrieg, ohne Heldengemälde zu entwerfen. Sie zeigen einen Alltag, der in dieser Zeit nirgendwo so schrecklich war wie in den mehrfach besetzten Gebieten im Osten Europas. Und sie zeigen ihn auf neue Art: Da gibt es kein Richtig oder Falsch, doch gibt es sehr wohl Gut und Böse. Aber beides oft genug vermengt in einem Menschenherz.

Zurück zum Anfang: Agnieszka Holland, Jahrgang 1948, in Deutschland bekannt geworden durch „Hitlerjunge Salomon“, hat „In der Dunkelheit“ gedreht (im Original: „W ciemnosci“, unter dem famosen Titel „In Darkness“ ab 23. Februar 2012 in deutschen Kinos). Hauptfigur ist der Kanalarbeiter Leopold Socha, genannt Poldek, im Nebenberuf ein kleiner Dieb mit Vorstrafenregister. Robert Wieckiewicz spielt ihn so überzeugend, dass man meint, eine Zille-Figur sei lebendig geworden.

Zu Beginn, als die Jüdinnen durch den Wald rennen, flieht Poldek durch denselben Wald in der Gegenrichtung. Die deutschen Henker, die ihre Opfer vor sich hertreiben, können nicht ahnen, dass sie selbst gerade zum Opfer geworden sind: Poldek war bei einem von ihnen eingebrochen und bringt jetzt seine Beute in Sicherheit. Wenig später liegen die erschossenen Frauen wie ein heller Stern auf dem Boden der Waldlichtung. In der nächsten Szene ist der Ganove zu Hause angelangt, plumpst ins Bett, besteigt seine Frau.

Poldek ist ein polnischer Bewohner der Vielvölkerstadt Lemberg (Lwiw) in der heutigen Ukraine . Als das Ghetto geräumt wird, wittert Poldek ein Geschäft: Juden verstecken. Als Kanalarbeiter weiß er auch, wo: unter der Erde. Hoher Einsatz – auf Judenverstecken stand die Todesstrafe –, aber mit sattem Gewinn.

Fortan spielt dieser Film großenteils unter der Erde. Bald gewöhnt sich das Auge an das ewige Halbdunkel auf der Leinwand. Die Monate vergehen, das Leben geht weiter. Familie und Streit, Schwangerschaft, Geburt und Kindesmord – die Menschen unter der Erde (eine der Rollen: Maria Schrader) sind keine Helden, allenfalls Opfer. Ein Paar liebt sich unter der Dusche, das heißt: unter dem Regenwasser, das durch den Gullydeckel hereinplätschert – die gewagteste Szene des Films. Und immer wieder rückt das Risiko, entdeckt zu werden, den Juden auf den Hals.

Für Polen im Oscar-Rennen

Aber Poldek, dem antisemitisches Gedankengut nicht fremd ist, hält den Tod von ihnen fern, auch wenn die Gendarmen oft nur durch komische Wendungen, Fügungen von der Fährte abgelenkt werden können. Ganz unmerklich wird das Rettungswerk für Poldek mehr als nur ein Geschäft. Am Ende kommt die Rote Armee, und der Kanalarbeiter holt seine Juden ans Tageslicht. Er jubelt: „Meine Jidden, meiner Hände Werk!“

Die Versteckten sind gerettet. „In der Dunkelheit“ soll für Polen um den nächsten Oscar kämpfen.

Auch Wojciech Smarzowskis „Roza“ hat einen Wettbewerb vor sich, die Berlinale. Der Film steht Hollands Werk in nichts nach. Er spielt gegen Kriegsende in Masuren. Während die Nachbarn Richtung Ostsee geflohen sind, ist die Titelheldin Roza im Dorf geblieben. Sie ist Masurin, gehört zu jenem alteingesessenen Teil der Bevölkerung, der erst von den Deutschen, dann von den Polen für die eigene Nation beansprucht wird und doch dazwischen steht.

Für die sowjetischen Soldaten macht das keinen Unterschied: Sie vergewaltigen, wen sie kriegen. Kriminelle im Dienst der polnischen Kommunisten tun es ihnen gleich. Es sei denn, ein Mann stellt sich dazwischen: Tadeusz, der polnische Partisan, der in Warschau seine Frau verloren hat und jetzt als Desperado im fast menschenleeren Masuren einen neuen Anfang versucht.

Tadeusz muss ins Gefängnis

Beim Minenräumen, beim Kartoffelnstecken kommen Roza und Tadeusz sich näher. Irgendwann kreuzt ein Mann von der Staatssicherheit auf mit einem Angebot, das man nicht ablehnen sollte: Roza wird nicht nach Deutschland vertrieben, wenn Tadeusz sich zur Mitarbeit verpflichtet. Der Partisan sagt Nein. Er muss ins Gefängnis, kommt erst 1956 wieder frei: Entstalinisierung. Er geht, um Jahrzehnte gealtert, zurück in das Dorf und findet Roza wieder.

Das Schicksal der Masuren ist in Polen bis heute ein wunder Punkt. In Deutschland sind sie vergessen, trotz Siegfried Lenz’ Werken. In Polen lernt man gerade, ihre Existenz als eigenständige Minderheit zur Kenntnis zu nehmen. So werden Zuschauer auf beiden Seiten der Grenze von diesem Film profitieren.