"Das Supertalent"

Quoten-Sexhäschen, Piraten und Paul Potts für Arme

Durchgeknallte Freaks durften beim "Supertalent" nicht fehlen. Doch dieses Mal gab es tatsächlich mehr Leute, die wirklich etwas konnten. Ein überraschender Fortschritt.

Neuer Samstag, neue Hoffnung: Wird es dieses Mal beim „Supertalent“ echte Talente geben? Oder hampeln wieder grenzdebile Freaks so lange über die Bühne, bis man umschalten MUSS? Soviel vorweg: Das erste Mal seit langem gab es ein halbwegs ausgewogenes Verhältnis zwischen wirklich guten Künstlern und den von RTL bewusst als Kontrastprogramm gesetzten Gaga-Auftritten.

Zufall oder Kalkül: Der übelste Auftritt von allen kommt gleich am Anfang. „Weil das Lied viel starke Herz-Emotionen hat“, übersetzten Peter, Karin und Dieter aus Osnabrück Bohlens „You‘re my heart, you‘re my soul“ ins Deutsche und präsentieren den „Modern Talking“-Kracher als nervenzerfetzende, pseudo-spirituelle Yogi-Version.

Die Musiker schweben in anderen Sphären und lassen sich von Buh-Rufen und drei von der Jury gedrückten Buzzern nicht stoppen – und spielen weiter, und weiter, und weiter. Der Impuls, zur Fernbedienung zu greifen, wird jetzt unerträglich stark. Motsi Mabuse fasst es treffend zusammen: „Ich bin fast zu Tode erschrocken!“ Drei Mal „Nein“.

Doch dann: ein erster Lichtblick. Die Eltern der beiden sieben und elf Jahre alten Brüder Titti und Angel arbeiten im Zirkus und haben ihren Kindern offenbar das Rampensau-Gen vererbt. Bei Sylvie van der Vaart, 33, kommen schon vor dem Auftritt Muttergefühle hoch – dass sie „so süüüüß“ sind, ist mit Sicherheit das letzte, was die beiden coolen Jungs jetzt hören wollen.

Niedlich hin oder her: Die Partner-Akrobatik-Nummer, die die beiden zu der Titelmusik von „Fluch der Karibik“ aufführen, hat originelle Piraten-Elemente und ist wirklich beeindruckend für deren Alter. Alle finden es gut – weiter!

Die schwarze Cindy und ne supergeile Moped-Nummer

Kurzes Intermezzo von einer lustigen, properen Brasilianerin, die Komik machen will. Leider versteht man die Gute auf Grund mangelhaften Deutschs nicht. Ratlose Gesichter im Publikum. Auch eine Pfeif-Samba-Einlage kann sie nicht retten.

Sie ist raus, doch „Gutmensch“ Dieter gibt ihr aufmunternde Worte mit auf den Weg: Wenn ihr jemand die Texte schriebe, könne sie die schwarze Cindy aus Marzahn werden. Fraglich, ob das ein Kompliment ist.

Ein eindeutiges Lob gibt es dagegen bei der Show von „Global Speed“. Sylvie überschlägt sich fast: „Unglaublich, sensationell, fantastisch, supergeil.“ Und auch Dieter findet es „grandios“. Was man machen muss, um so ein Jury-Urteil zu bekommen?

Die vier Münsteraner sausen mit ihren Mopeds auf atemberaubende Art und Weise durch das Innere einer Stahlkugel. Schwenk ins Publikum: Die Damen halten sich erschrocken die Hände vor den Mund. Es sieht aber auch gefährlich aus, wie haarscharf die Zweiräder auf engstem Raum aneinander vorbeischießen. Endlich Adrenalin!

Und gleich anschließend noch ein guter Auftritt. Was ist heute nur mit RTL los? Inzwischen ist der Zuschauer doch so konditioniert, dass er nach einer passablen Leistung automatisch einen Vollhorst erwartet. Doch das ist Bruise ganz und gar nicht. Der will Mutti in der Slowakei beweisen, dass man vom Tanzen leben kann. Schon seit ein paar Jahren schlägt er sich als Straßenkünstler in Wien durch.

Beim Supertalent zeigt er vor großem Publikum, dass er ein toller Tänzer ist. Kollegin Motsi, die ja auch Tänzerin ist, attestiert dem 29-Jährigen einen ganz eigenen Style. Dieter hält ihn für den besten Popper, den er bisher in allen Staffeln „Supertalent“ gesehen hat.

Schlechtes Aussehen allein reicht nicht für die ganz große Karriere

Die richtigen schlimmen Durchhänger sind bis zum Ende der Show nur noch zwei Opis. Der eine hält sich für einen begnadeten Schlagzeuger, der andere meint, er müsse sich bis auf den Glitzer-Tanga ausziehen. Zwei Mal ein Fall von schwerem Irrtum. Alter schützt vor Torheit nicht – das gilt offenbar besonders für das „Supertalent“.

Bei Carsten Bernhard ist man sich zunächst nicht ganz sicher, ob er in der richtigen Sendung gelandet ist. Mitleidheischend erzählt er offenherzig, dass sein eigener Vater in seiner Wohnung in seinem Bett mit seiner Freundin Sex gehabt hätte, während er daneben lag. Und dass ihn das gebrochen habe. Zusätzlich natürlich zu der Tatsache, dass er zu dick sei und ein Glasauge habe.

Einen solchen Seelen-Striptease kennt man eigentlich von „Britt“, dem Talk am Nachmittag. Doch dann singt der 40-Jährige doch noch: „Nessum Dorma“, die Arie, die Paul Potts in einer Casting-Show zum Weltstar machte. Doch schlechtes Aussehen allein reicht eben nicht für die ganz große Karriere. Sylvie van der Vaart spendet Trost: „Du hast dich nicht blamiert. Teile waren schön!“

Dann darf Yulia aus Kiew auf die Bühne. Die durchtrainierte Schönheit macht schier unglaubliche Figuren im einhändigen Handstand, für die es absolute Körperbeherrschung braucht. Doch Dieter reißt nur anzügliche Witze, und die Kamera hält nur auf dämlich grinsende Männer im Publikum.

Schade – die Frau kann wirklich was. Doch so dargestellt, wirkt sie wie das Quoten-Sexhäschen, das ja jede Sendung unbedingt einmal auftauchen muss – ungeschriebenes RTL-Gesetz. Oder steht das sogar in irgendwelchen Sender-Statuten geschrieben? Möglich wäre es.

Eine haarige Nummer zum Schluss

Noch eine schöne Frau, noch eine gute Leistung. Die Wiener Studentin Caroline singt „Pour que tu m‘aimes encore“, den Hit der Celine Dion zum Durchbruch verhalf. Sylvie findet es „wahnsinnig schön“, das Publikum und der Rest der Jury stimmt zu, auch wenn Dieter Bohlen noch nach mehr Herzblut verlangt: „Sterbe für so eine Nummer oder singe etwas Leichteres.“

Um die ganze Geschichte schön rund zu machen und den Bogen zu Ende zu spannen wird am Schluss noch einmal eine Freak-Darbietung gezeigt. Bülent ist Friseur und frisiert – wild mit der Schere schwingend – ein Model zur Musik.

Dann rasiert er sich die hüftlangen Zottelhaare raspelkurz ab. Und sieht überraschenderweise danach fünf Jahre jünger und wesentlich besser aus. Ganz lustige Nummer, aber mit einem Langhaarschneider für 9,99 Euro kann das jeder.

Wäre diese Show ein Fußballspiel, wäre es diesen Samstag mit 6:5 für Real Talent ausgegangen. Das ist kein klarer Sieg – aber wenigstens sind viele Tore gefallen.