Sven Nordqvist

Pettersson und Findus und das Nachfolge-Problem

Der Zeichner Sven Nordqvist ist mit seinen Büchern Pettersson und Findus bekannt geworden. Doch jetzt steckt er in einer Schaffenskrise. Ein Gespräch.

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Mit seinen Bilderbüchern begeistert der Schwede Sven Nordqvist (Jg. 1946) Millionen Leser. Sein größter Erfolg ist die Buchreihe um den alten, einsamen Mann Pettersson und seinen sprechenenden Kater Findus. Seit 1984 erschienen neun Ausgaben, die letzte 2002. Aufgrund des großen Erfolges gibt es CDs, PC-Spiele und eine Zeichentrickserie mit Pettersson und Findus . Außerdem wurden vier Kinofilme gedreht, zuletzt kam "Kuddelmuddel bei Pettersson & Findus" in die Kinos (2009). Doch seit zehn Jahren hat Nordqvist keine neuen Ideen mehr für seine beiden Helden. Stattdessen erschien 2008 das Buch "Wo ist meine Schwester?" Ein Krisengipfel.

Morgenpost Online : Sie sind ein bekannter Illustrator und Autor. Wirkt sich das auf Ihr Privatleben aus?

Sven Nordqvist : Höchstens dadurch, dass die Leute von mir erwarten, ein weiteres Buch zu machen, das wenigstens so gut ist wie das vorherige. Das ist heute ein bisschen schwierig.

Morgenpost Online : Sie haben ein paar Tricks, dem zu entgehen?

Nordqvist : Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich mein letztes Buch gemacht habe. Und, tja, seit ich mit „Pettersson und Findus“ aufgehört habe, weiß ich wirklich nicht, was ich jetzt besser machen könnte. Der Grund, warum ich mit Pettersson aufgehört habe, war, dass ich etwas anderes tun wollte – und nicht das ganze Leben lang das Gleiche. Es ist also für mich nicht so wichtig, dass diese beiden Figuren so bekannt wurden. Sie haben mir eine Menge Geld gebracht. Und deshalb kann ich mich heute an etwas Neuem versuchen, das mich interessiert.

Morgenpost Online : Wann haben Sie Ihr letztes Pettersson-Buch geschrieben?

Nordqvist : Vor zehn Jahren.

Morgenpost Online : Und „Wo ist meine Schwester?“?

Nordqvist : Das habe ich vor etwa vier Jahren gemacht.

Morgenpost Online : Das war die letzte große Arbeit?

Nordqvist : „Wo ist meine Schwester?“ hat mich viel Kraft gekostet. Ich habe dazu insgesamt eineinhalb Jahre gebraucht. Und ich hab’s sehr genossen, daran zu arbeiten.

Morgenpost Online : In wie vielen Ländern wurde „Wo ist meine Schwester?“ veröffentlicht?

Nordqvist : Ich weiß es nicht.

Morgenpost Online : Interessiert Sie das überhaupt?

Nordqvist : Nein. Vielleicht sind es gar nicht so viele, weil das Buch recht teuer ist.

Morgenpost Online : In Ihren Büchern gibt es nur Natur, keine Großstädte.

Nordqvist : Meine Geschichten spielen immer auf dem Land. Ich weiß nicht, warum. Vermutlich, weil ich gern dort bin. Ich bin im Süden Schwedens geboren, in einer kleinen Stadt. Ich habe aber nicht auf dem Land gelebt, deshalb weiß ich nicht, woher ich diese Zuneigung habe. Aber als ich ungefähr zehn, zwölf Jahre alt war, habe ich einige Sommerferien auf dem Land verbracht – auf Bauernhöfen. Das hat mich schwer beeindruckt. Als ich ein Kind war, wollte ich immer Bauer werden, wirklich. Deshalb liebe ich das Landleben, die Natur und die Tiere und diese Art freien Lebens – tatsächlich ist es ja gar nicht so frei, aber es sieht so aus.

Morgenpost Online : Sie haben Architektur studiert.

Nordqvist : Ich habe nie dran gedacht, Schriftsteller zu werden. Ich wollte Illustrator werden, seit meiner Teenagerzeit. Als ich die Schule beendet hatte, wollte ich an eine Kunstschule studieren. Aber dort haben sie mich nicht genommen.

Morgenpost Online : Haben Sie bei vielen Verlagen angeklopft?

Nordqvist : Ja, aber nicht mit Buchmanuskripten. Ich hatte mich bemüht, Bilder an Schulbuchverlage zu verkaufen. In Schulbüchern gibt es eine Menge Illustrationen. Für den Anfang war das genau das Richtige. Aber ich glaube nicht, dass ich mir damals schon vorstellen konnte, eigene Bücher zu machen.

Morgenpost Online : Und später?

Nordqvist : Naja, ich hatte von einem Bilderbuch-Wettbewerb gelesen. So fing’s an. Ich nahm daran teil und gewann.

Morgenpost Online : Das war der Beginn Ihrer Karriere.

Nordqvist : Pettersson war mein zweites Buch. Das war ein großartiger Beginn. Und dann wurde ich ziemlich schnell bekannt.

Morgenpost Online : Was hat Sie zu Ihren Pettersson-Büchern inspiriert?

Nordqvist : Ich wollte ein Buch machen. Das war damals keine Frage der Inspiration. Ich wollte einfach nur ein Buch machen. Und dann begann ich darüber nachzudenken, und als ich lange genug nachgedacht hatte, fiel mir die Geschichte ein.

Morgenpost Online : Pettersson ist ein einsamer alter Mann, ein wenig depressiv vielleicht.

Nordqvist : Nein, nur in einer Geschichte fühlt er sich ein bisschen down. So geht’s jedem mal, denke ich.

Morgenpost Online : Er hat keine Freundin.

Nordqvist : Ich weiß nicht, warum. Im allerersten Entwurf der Geschichte gab es einen Mann und eine Frau. Aber dann dachte ich, das sei zu viel. Vielleicht weil ich selbst gerne alleine bin. Ich kann – ich weiß nicht – ewig allein sein. Und die Geschichte war einfach zu machen, mit nur einer Figur. Aber dann brauchte der Mann jemanden, mit dem er sprechen konnte. Und so kam der Kater zu ihm.

Morgenpost Online : Die Geschichten waren gleich erfolgreich?

Nordqvist : Ja, fast von Beginn an. Am Anfang dauerte es eine Weile, weil der erste Buchclub das Buch nicht haben wollte. Später hat er das bereut.

Morgenpost Online : Wann wuchsen die Erwartungen?

Nordqvist : Aus Sicht des Verlegers stiegen sie ziemlich schnell. Ganz am Anfang machte es mir Spaß, neue Geschichten zu erfinden. Und damals lebte ich viel mehr mit diesen Geschichten, als ich das heute tue. Da war ich etwa 35, 40 Jahre alt. Aber heute, wo ich irgendwie müde von der Art meiner Zeichnungen geworden bin und größere Erwartungen an mich selbst stelle, heute wird es schwierig. Jetzt sind es meine eigenen Erwartungen, denen ich ausgesetzt bin.

Morgenpost Online : Sie können gegenüber der Öffentlichkeit „nein“ sagen?

Nordqvist : Oh ja, oh ja. Das tue ich auch. Ich muss etwas machen, womit ich selbst zufrieden bin. Das ist mein großes Problem.

Morgenpost Online : Haben Sie eine Lösung gefunden?

Nordqvist : Nein, noch ist das mein Problem. Ich habe ein paar Ideen. Aber oft flüchte ich in irgendeine andere Arbeit, von der ich weiß, dass ich sie beherrsche. Also etwa für irgendjemanden etwas zu illustrieren. So habe ich es in diesem Jahr oder im vergangenen Jahr gemacht. Klar, es waren meine Illustrationen, aber eben nicht mein Buch. Und ich zeichnete im alten Stil, schuf also nichts Neues. So gesehen geschah das mit leichter Hand. Aber worüber ich mir den Kopf zerbreche, ist, wie ich für mich etwas ganz Neues schaffen kann.

Morgenpost Online : Aber Sie wissen nicht, was es ist?

Nordqvist : Nein, weiß ich nicht. Ich habe ein paar undeutliche Ideen, aber noch nicht begonnen, sie zu Papier zu bringen.

Morgenpost Online : Also besteht Ihr Tag augenblicklich nicht aus zehn Stunden Arbeit?

Nordqvist : Ich arbeite nicht allzu viel. Nein, mein Arbeitstag ist nicht geplant. Ich lebe wie ein alter Mann im Ruhestand.

Morgenpost Online : Keine Katze, kein Kater?

Nordqvist : Nein. Wir hätten eine Katze angeschafft, wenn meine Frau keine Katzenhaarallergie hätte. Als ich noch allein lebte, hatte ich Katzen.

Morgenpost Online : Die Petterson-Geschichte ist also zu Ende? Es besteht keine Chance auf eine Fortsetzung?

Nordqvist : Es gibt immer eine Chance – für alles. Aber darüber denke ich nicht nach. Wenn ich plötzlich mit einer großartigen Idee und der fertigen Geschichte aufwachen würde und ich nicht weiter drüber nachdenken müsste, dann könnte das geschehen. Ich weiß, dass es eine Menge Menschen gibt, die sich freuen würden, wenn ich noch eine Pettersson-und-Findus-Geschichte schriebe. Das steht in den Briefen der Kinder.

Morgenpost Online : Pettersson lebt noch, aber er ist inzwischen sehr, sehr alt.

Nordqvist : Ja.

Morgenpost Online : Findus auch?

Nordqvist : Er ist im gleichen Alter. Beide sind für immer gleich alt.

Morgenpost Online : Führt eigentlich die Story Sie, oder führen Sie die Story?

Nordqvist : Erst wenn ich zu schreiben beginne – wie bei den Pettersson-Büchern –, mache ich mir Gedanken zum Text. Und dann bin ich Regisseur und muss die Geschichte zu dem Ende führen, das ich mir wünsche. Aber wenn ich mit den Bildern beginne – das hab ich bisher nur einmal gemacht, in „Wo ist meine Schwester?“ –, wenn ich mit den Bildern beginne, dann bricht das, was in mir ist, hervor, und ich besitze nicht mehr wirklich die Kontrolle über die Geschichte. Klar, ich beherrsche die Sache, wenn ich entscheide, welche Bilder ich auswähle – aber nicht von Beginn an. Deshalb mag ich es, wenn ich die Sachen niederschreibe und dabei beobachte, wie neue Gedanken auftauchen, die ich nicht wirklich bewusst gedacht habe, die aber in mir sind und aus mir hervorquellen. Diesen Zustand mag ich besonders gern.

Morgenpost Online : Können Sie mit diesen unbekannten Gedanken umgehen?

Nordqvist : Ja, ich kann mit ihnen umgehen und sie zu neuen Geschichten zusammenfügen. Aber ich versuche das nicht sehr oft.

Morgenpost Online : Aber Sie können „Hallo“ sagen, „hier seid ihr also“.

Nordqvist : Ja, ich akzeptiere sie und heiße sie willkommen. Das Problem ist, sie freizulassen und sich nicht die ganze Zeit selbst zu kontrollieren. Ich glaube, ich beherrsche mich ein bisschen zu sehr.