Berühmtes Konzert

Biermann - der alte Wolf schaut zurück

Heute vor 35 Jahren gab Wolf Biermann sein legendäres Kölner Konzert. Drei Tage später wurde er aus der DDR ausgebürgert. Wir waren dabei, als er sich die Aufzeichnung zum ersten Mal wieder angeschaut hat.

Foto: M. Lengemann

Zur Zeitgeschichtskapsel muss man durch die Hintertür. Der Vordereingang ist versperrt. Wolf Biermanns Haus in Altona wird gerade winterfest gemacht. Männer sprühen die Klinkerfassade ab. Musste sein, es zog wie Hechtsuppe. Uns kann's egal sein. Wir bleiben heute drin. Gehen keinen Schritt vor die Tür. Und gucken Video. Stundenlang.

Biermann will es wagen, sich zum ersten Mal nach 35 Jahren die Aufzeichnung seines Kölner Konzerts vom 13. November 1976 anzusehen. Gerade ist es – Dank Biermanns findiger und resoluter Frau Pamela – erschienen. So werden wir hier in Hamburg sein und dort in der Kölner Sporthalle, immer irgendwie in der DDR (wo Biermann ist, ist irgendwie immer DDR). In einer Zeitgeschichtskapsel halt.

Biermann ist ein bisschen schlecht. Nicht der DVD wegen. Das auch. Vor allem aber ist ihm schlecht, weil er gestern wieder tiefer in seine Zeitkapsel gestoßen wurde, als ihm lieb war. Seit gestern weiß er wieder, wie viel Glück er hatte im Leben. Da bekam er ein bisher unbekanntes Fundstück zugemailt. Aus der SED-Parteizentrale. Ein Vorgang vom Juni 1966.

Honecker kassierte Hagers Arbeitsplan

Biermann hatte gerade ein Jahr seines Auftrittsverbots hinter sich gebracht, das noch bis 1976 dauern sollte. Siegfried Wagner, Abteilungsleiter Kultur, schlägt darin in Absprache mit dem Deutschen Schriftstellerverband, dem Kulturministerium und der Berliner Bezirksleitung dem ZK-Mitglied Kurt Hager vor, Biermann mangels Einsicht aus Berlin auszuweisen. Hager leitete die Hausmitteilung umgehend nach oben weiter. Und da ist sie gescheitert. Bei Erich Honecker. Handschriftlich krakelte der über die Anfrage, die ihm Kurt Hager mit sozialistischem Gruß weitergeleitet hatte: „Ist nicht zweckmäßig!“

Und neben Hagers Vorschlag, wenigstens „die Abteilung Arbeit einzuschalten und ihm (also Biermann) eine Arbeitsstelle zu vermitteln“: „geht auch nicht!“ Wären die durchgekommen, sagt Biermann und wirkt auf einmal ziemlich zerbrechlich, „wären wir jetzt nicht hier“. Kein Kölner Konzert, keine Ausbürgerung. Irgendwo in Brandenburg hätten sie ihn mundtot gemacht, keine Treffen mit Westlern mehr, das Tonband- und Textrausschmuggeln fast unmöglich. Und eines Tages hätte er zerprügelt irgendwo am Wegrand gelegen. Alles vorgekommen.

Honecker sei Dank, ausnahmsweise, sind wir heute hier. Biermann weiß nicht recht, ob er wirklich will. Hat sich halt seinem Moment in der deutschen Geschichte, dem Moment, den Jurek Becker (samt der drei Tage später publik gewordenen Ausbürgerung) als Anfang vom Ende der DDR bezeichnet hat, nie wieder komplett ausgesetzt. Einen neuen Fernseher haben sie sich gekauft. Breit und flach und japanisch steht er da in der Sofa-Nische am Fenster. Am Wohnzimmerregal lehnt noch der Karton.

Pamela hat alles eingeschaltet. Wir müssen, hat sie hinterlassen, als sie ging, nur noch auf einen Knopf drücken. Es geht nicht. Dann doch. Ruckelt aber. Bleibt immer wieder stehen. Biermann ruft Pamela an. Die lacht herzlich. Habe den Verdacht, Biermann selbst hat am Apparat gedreht. Um sich nicht begegnen zu müssen als junger Mann, als Kommunist. Weil er ahnt, „dass ich mich beim Anblick dieses jungen Menschheitserretters, der ich damals war, krümme vor Schmerz und vor Lachen“. Herzschmalz ausgeben muss er heute. Goethe zitiert er zur Ermutigung. „Den Dummheiten seiner Epoche entgeht kein Mensch ganz.“ Das ist leider die Wahrheit, „und der muss man furchtlos ins Auge blicken“.

Biermann legt sich aufs Sofa

Muss er jetzt auch. Ausgeschaltet, eingeschaltet. Das Ding läuft. Biermann legt sich aufs Sofa. Beine hoch. Es wird ein langer Tag. Tee gibt’s und kleine Knabbereien. In der Küche steht das Essen auf dem Herd, Kasseler, Sauerkraut. Kartoffelpüree müssen wir selbst anrühren. Sollte zu schaffen sein.

Ab jetzt sitze ich zwischen zwei Biermanns. Einer in Jeans auf dem Sofa im November 2011, 74 Jahre alt, kommentierend, soufflierend, graue Haare. Der andere in Schlaghose, mit blauem, feingestreiftem Hemd im November 1976, 39 Jahre alt, singend, rufend, rezitierend unter einem Helm schwarzen Haars.

Der junge Mann macht Mätzchen für die Fotografen. Drei Dutzend laufen da herum. Kameras umkreisen ihn. Er ist ein Bühnentier. Es ist sein erstes Konzert überhaupt. Und er hat sie trotzdem alle von der ersten Minute an. 8000 Leute. Arbeiter, Linke aller Schattierungen in Rot, Sektierer, Spinner, Stasi.

Auf dem Schwarzmarkt kosteten Karten 400 Mark

Ursprünglich hätte er im Nirgendwo des Ruhrgebiets auftreten sollen, in der IG-Metall-Bildungsstätte Sprockhövel. Vor 350 Leuten. Ein ziemlich naiver Plan. Denn Biermann und das Konzert wurden erwartbar größer (am Ende größer als sie selbst). Aus der Bildungsstätte im Wald wurde die Sporthalle am Rhein. Vier Mark sollten die Karten ursprünglich kosten. Auf dem Schwarzmarkt haben sie, erzählt Biermann, schließlich 400 gekostet. Jeder wusste, sagte er jedenfalls hinterher, das, was er da gerade erlebte, mehr war als ein Konzert.

Der junge Menschheitserretter ist bewaffnet mit zwei Gitarren und einem furchtbar verstimmten Harmonium. Er singt eine geschlagene Viertelstunde davon, dass die Erde rot wird. Er ist ein ziemlich begnadeter Gitarrist. Ein ziemlich großer Dichter. Wenn man ihn hört, möchte man Franz-Josef Degenhart rückwirkend sofort zwangsumtauschen.

Zwangsläufig, singt er jetzt, müsse alles rot, alles sozialistisch werden im Westen wie im Osten. „So soll es sein, so muss es sein.“ Der andere Biermann, der auf dem Sofa, grumpft leise. Das glaubt er alles natürlich nicht mehr.

Es sollte eine "kalte" Abschiebung werden

Ein bisschen bleich ist der junge Biermann. Am Tag vorher hat er noch im Bett gelegen, erzählt der ältere. Sein Freund Matti Geschonneck hatte ihn am Tränenpalast in Ost-Berlin abgesetzt, mit den Gitarren, einem kleinen Koffer (Hemd, Hose, Zahnbürste, mehr nicht) und mit dem Programm, das er mit Robert Havemann ausgetüftelt hatte. Sie wussten, er würde beobachtet werden (der erste Stasi-Bericht vom 13. November umfasste denn auch 82 Seiten).

Sie wollten vorsichtig bleiben, zu weit gehen, aber nicht zu weit zu weit. Die provokantesten Lieder hatte er sich verboten. Hat nichts genutzt. Er wäre wohl auch ausgewiesen worden, hätte er bloß das Weihnachtsoratorium gesungen. Dass alles eine kalte Abschiebung war, „so schlau war ich erst hinterher.“

Der junge Mann memoriert Rosa Luxemburg. „Zur russischen Revolution“. Rosa macht sie ordentlich nieder, die bürokratisierte Revolution („Diktatur im bürgerlichen Sinne“) und fordert „allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungs-Freiheit, freien Meinungskampf“, eine rosa Demokratie. „Oha, oha“, macht Biermann auf dem Sofa. Das war's eigentlich schon mit der Staatsbürgerschaft. Keine fünf Minuten steht er auf der Bühne.

"Bei jedem Wort dachte ich an die DDR"

Ganz penibel, ganz genau memoriert der junge Mann. Er wusste, welche Bombe er da zündete. Er rezitierte Rosa für den ganzen Osten. „Bei jedem Wort dachte ich an die DDR. Es war im Grunde gelebte Schizophrenie. Ich war da und doch nicht da.“

Biermann hatte sich während seines Auftrittsverbots ein Dutzend Jahre lang warm gelaufen. Und Zeugen versichern, er habe in seinem Wohnzimmer vor fünf Leuten gesungen wie vor fünftausend. Jetzt musste es umgekehrt funktionieren. Und es funktionierte umgekehrt: Er sang vor den Achttausend wie vor fünf Freunden, verwandelte die Kölner Stadthalle für Stunden in das größte Wohnzimmer Gesamtdeutschlands. Ein Tanz auf Messers Schneide. Provokateure sind genug da, systematisch hat die Stasi Störer eingesetzt. Von den Provos der Linken aus dem Westen gar nicht zu reden. Das war „unglaublich gefährlich“, sagt er auf dem Sofa.

Generalprobe, erzählt er, war vor zwanzig Leuten unterm Dach im Berliner Haus von Günter Grass. Alles ging gut, alles war schön. Bis ihn Grass – und deswegen, sagt er, ist er ihm, obwohl mit ihm herzlich „zerfreundet“, ewig dankbar – beiseite genommen und ihn gefragt hat, ob er noch ganz bei Trost sei. Er könne ja neue Lieder singen. Aber nicht nur. Mindestens die Hälfte des Programms müssten jene Lieder sein, die in sämtlichen Wohngemeinschaften Westdeutschlands dudelten. „Die Leute glauben sonst gar nicht, dass du das bist.“

"Ich war eine einzige Rotznase"

Biermann ging in sich, flog am nächsten Tag los nach Köln, kam an, hatte auf einen Zettel ein neues Programm gekrakelt und am Abend die Nase voll. Voll Schleim. „Ich war eine einzige Rotzblase. Im Grunde kein Unglück. Aber ein Held, der in seinem weltgeschichtlichen Moment den Schnupfen hat, ist kein Held, der ist eine Juxfigur.“

Biermann aber wollte, musste ein Held sein und erinnerte sich an die Mittelchen seiner Mutter. Er schlürfte Hühnersuppe, trank zehn Mal mehr, als er eigentlich mochte. Eine Nacht schwitzte er wie ein Walross. Und dann, am nächsten Nachmittag, war’s der Weltgeist, war’s ein Wunder, war Biermann „gesund, absolut gesund“.

Er musste da raus auf die Bühne. Er hatte einen Auftrag. Sein Vater, der jüdische Kommunist, der von den Nazis ermordet worden war, hätte am 13. November Geburtstag gehabt. Ihm zu Ehren wollte er noch mal allen sozialistischen Sesselfurzern im Osten zeigen, was ein richtiger Kommunist war. „Wenn Sie die Augen ganz fest zusammenkneifen, dann sehen sie meinen Vater da sitzen. Da auf dem Harmonium. Der war von der Auschwitz-Wolke herunter gesprungen und hat mir immer souffliert. Deswegen blinzel ich immer mal zu ihm rüber. Das war eine unglaubliche Beruhigung. Ich war nicht allein da oben.“

Bayern wollte keine Live-Übertragung

Es war ein sinnenverwirrendes Konzert. Wenn alle, sagt Biermann, die nach Jahren behaupteten in der Sporthalle gewesen zu sein, tatsächlich drin gewesen wären, hätten es Zwanzigtausend sein müssen. Außerdem, sagt er, meinen alle, die sich noch dran erinnern, das Konzert wäre Live übertragen worden. War’s aber nicht.

Ursprünglich geplant, erzählt er, war eine Stunde im Dritten des WDR. Dann kam die Ausbürgerung. Und der Protest. Und allen war endgültig klar, dass an diesem Abend Geschichte geschrieben worden war. Werner Höfer, damals WDR-Intendant, rief Biermann zu sich und erklärte, das ganze Konzert senden zu wollen. „Wie vor Gericht“, sagt Biermann, „vor dem Weltgericht. Als Beweis gegen den Klassenfeind im Osten: Schaut her, für so was wurde er ausgewiesen.“ Vier Stunden, direkt nach der Tagesschau. Im Ersten.

Ging aber nicht, weil die Bayern querschossen: „Wir können doch nicht zur besten Sendezeit kommunistische Propaganda machen.“ So wurde ab elf gesendet. Vier Stunden lang. „Und das war der Grund“, knarzt es vom Sofa, „dass die DDR an diesem Abend bis viertel nach drei hell erleuchtet war“. Und anschließend brach im Bezirk Magdeburg die Wasserversorgung zusammen.

"Sperber zog mir meinen kommunistischen Zahn"

Der junge Mann zitiert Hölderlin, „Hälfte des Lebens“. Er liest Selbstgedichtetes aus einem Wagenbach-Bändchen. Hegel, Hölderlin, Sozialismus, vier Stunden Revolution, vier Stunden Hoffnung auf die Besserbarkeit des Menschengeschlechts im Kommunismus, vier Stunden Ringen um die Menschheitsrettung – welcher Occupy-Wasauchimmer-Demonstrant würde das aushalten. Geschweige denn verstehen.

Biermann hat es lange ausgehalten mit sich und mit der Ideologie seines Vaters. Der junge Mann teilt noch einmal aus. „Die hab ich satt!“, singt er. Und meint die Kleingläubigen, die Halbgaren, die Revolutionsveröder. Daran, dass Kommunismus möglich und richtig ist, hat er geglaubt, heiß geglaubt. Jedenfalls glaubte er in Köln noch, dass er es glaubte. Manés Sperber hat ihn davon geheilt. „Wie ein guter Zahnarzt hat er mir den faulen kommunistischen Zahn gezogen.“

Es muss so 1980 gewesen sein. Da hat Sperber ihm gesagt, warum denn seine Lieder klüger wären als er. Die waren längst schon weiter, die Lieder, die wussten schon, dass das mit dem Kommunismus nicht gehen kann. Und das hört man auch im Kölner Konzert. Dass da einer im Zwiespalt sitzt und verzweifelt ansingt gegen das Bewusstwerden, dass er eigentlich nicht mehr an das grundsätzlich humane, sozialistische Projekt glaubte.

"Im Westen wurde ich endlich Renegat"

Die „Endlösung der sozialen Frage“, sagt er heute klar, gibt es nicht. „Die Hoffnung aufs irdische Paradies“, hat er bei Sperber gelernt, „führt geradewegs in die Hölle.“ Zwangsläufig. Wer auf das Paradies hofft, sagt er, ist ein Idiot. Es ist nur blutig zu haben.

Die Utopie verraten zu haben, darauf ist er stolz. „Die moralisch größere Leistung“, sagt er, es ist Nachmittag, wir holen das Mittagessen nach, „die hab ich im Westen vollbracht. Ich wurde endlich Renegat.“

Pamela hat sich des Kartoffelpürees angenommen. Nichts wird einem zugetraut. Biermann richtet an. Wir sitzen in der Küche. Bilder, überall Bilder an den Wänden. Draußen ein weiter, alter Garten. Drinnen ein geschichtenträchtiger Tisch. Essen in der Zeitdruse. Dass er vom pseudokommunistischen Regen in die kapitalistische Jauche gekommen ist, hat er nach der Ausbürgerung gesagt. Er hat lange gebraucht, sagt er, sich zu akklimatisieren, zu orientieren, seinen Platz auch zwischen allen westlichen Stühlen zu finden.

"Der Hirte bringt dem Wolf das Gesangbuch"

Das mit der Jauche jedenfalls stimmte, sagt er jetzt. Aber anders, als es der junge Mann meinte. Die Stasi nämlich bestimmte weiter sein Leben. Dieter Dehm, sein Manager, erzählt Biermann bei Sauerkraut und Kasseler, wurde in der Normannenstraße als „IM Willy“ geführt. Günter Wallraff, der Freund, der ihm Dehm empfohlen hatte, sei auch bei der Firma gewesen. Und gemeinsam hätten sie versucht, ihn zu instrumentalisieren, von Auftritten in der ohnehin stasi-unterwanderten Friedensbewegung abzubringen (Dehm sorgte dafür, dass Biermann immer hübsch ausgebucht war, wenn wieder ein Konzert der Friedensbewegung anstand).

Weiter geht es in Biermannns Videolounge. Der junge Mann im Flachbildschirm hat sich in den Schlager gerettet. „Ermutigung“ singt er. Biermanns Smash-Hit. Schullektüre. Inzwischen, erzählt Biermann aus den Schaffellen, steht’s in Schweden im Kirchengesangbuch. Der Bischof von Göteborg hat ihm das Buch überreicht. In der Kirche. „Der Hirte bringt dem Wolf das Gesangbuch für die Schaf! Tolle Volte. Kann man nicht erfinden.“

Es war das Lieblingslied der Gefangenen in der DDR. Die meisten, sagt Biermann, wussten gar nicht, von wem das stammte. „Das ist wunderbar. Davon hat Johannes R. Becher geträumt. ,Ich möchte dermaleinst als namenloses Lied ins Volk eingehen’, hat der gedichtet. Tja, mein Junge, ist halt nicht jedem gegeben.“

Biermann sollte die Revolution revolutionieren helfen

Biermann lässt durch den Rest des Programms zappen. Er wundert sich über den jungen Mann. Bewundert den jungen Mann. Wird ein bisschen wehmütig über Lieder, die er seit Köln nie wieder gesungen hat. Erzählt, wie die linken Sekten im Westen ihn als Lichtgestalt empfangen haben. Es war die Hochzeit des Eurokommunismus, noch war Hoffnung auf einen Prager Frühling in Ost-Berlin. Biermann sollte die Revolution revolutionieren helfen, die Zersplitterung lösen, die Einheitsfront schaffen – „durch die Zauberkraft der Lieder“. Ein Wahnsinn. Glaubt einem heute keiner mehr.

Der junge Mann hat sich in vier Stunden Barrégriffe-Greifen den Zeigefinger ruiniert. Ein Lied noch, die Zugabe. Eben kamen ihm die Tränen. Weil er wusste, es ist vollbracht, er hat es überlebt, er hat gewonnen. Egal was kommt. Er ist unter der unmäßigen Last dieses historischen Augenblicks nicht zusammengebrochen.

Und dann singt er die Ballade vom preußischen Ikarus. „Und wenn du weg willst“, ist die letzte Strophe des langen Abends, „musst du gehen / ich hab schon viele abhaun sehn / aus unsrem halben Land. / Ich halt mich fest hier, bis mich kalt / dieser verhasste Vogel krallt / und zerrt mich übern Rand“. Drei Tage danach hat ihn der verhasste Vogel übern Rand gezerrt und ausgesperrt. Und sein eigenes Ende damit besiegelt.

Ein Gang durch den Steinbruch der Geschichte

Jetzt ist es dunkel. Biermann ist dankbar. Dass er’s ausgehalten hat. Dass Pamela so hartnäckig und findig war, das verschollen geglaubte Originalband aufzutreiben und zu veröffentlichen. Es ist ein Gang durch den Steinbruch der Geschichte, die Nahaufnahme eines Wendepunkts. Es hilft gegen das Vergessen.

Biermann erzählt dann noch vom Konzert in der Dresdner Stasizentrale 1990. Auch so ein besonderer Abend. Ein Publikum aus Opfern und Tätern. Biermann spielt den Stasioffizier. Er drangsaliert einen ehemaligen Häftling (mich!). Ich krieg Gänsehaut. Ich bin verwirrt. Genosse nennt er mich. Soviel Sozialismus, soviel Revolution war nie in meinem Leben. Und soll es auch nie wieder sein. Nicht in meinem Leben, nirgends.

Wolf Biermann: Das Kölner Konzert. 13. November 1976. Liederproduktion Altona. 2 DVDs.