Kunst

Ellsworth Kelly ist der Held der Nachkriegsmoderne

Ein Magier des Schwarzweiß: Die Pinakothek der Moderne und das Haus der Kunst in München zeigen das Werk von Ellsworth Kelly.

Vom Herbst sagt man, er verstünde mit Farben umzugehen und mache seine Sache gut, auch wenn er nichts wisse von alledem. Anders als der Maler, der sich an keine Jahreszeiten hält und auch sonst an keine Regel.

Heute malt Ellsworth Kelly schwarze Bilder und morgen weiße und übermorgen wieder blaue, gelbe, rote oder grüne. Bunte nie. Den großen Überschwang, die wild aufblühenden Spots, das Flackern und Zucken, die wabernden Farbnebel, die Überwältigung der Sinne mit Kaskaden von Kolorit, das alles kommt im Werk des New Yorker Malers nicht vor. Wer die von ihm gestaltete „Welt“-Ausgabe vom 6. Oktober aufbewahrt hat, erinnert sich an blaue, gelbe, rote, grüne Formen, als wollte jede Seite ihr eigenes Signal aussenden.

Wer die große Kelly-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst besucht, hat schon beim ersten Umschauen alle Sehnsucht nach Farbe vergessen, rätselt auf Schritt und Tritt, wie es sein kann, dass die schwarzen nicht den weißen und die weißen nicht den schwarzen Bildern überlegen sind, und ist zum Schluss von jeglichem Verdacht geheilt, Ausschluss von Farbe käme einem Malen am Existenzminimum gleich.

Kelly interessierte sich nicht für den Epochenstil

Würdiger jedenfalls kann man das Pathos der Säle nicht entlasten, als es diese schwarzweiße Auswahl aus dem Werk des Malers Ellsworth Kelly tut. Die farblose Option hat der Maler schon früh für sich entdeckt. Es war 1949 in Paris, wo sich Kelly mit einem Stipendium für Kriegsveteranen aufhielt. Die übermächtigen abstrakten Expressionisten, die an der Heimatfront Aufstellung bezogen hatten, waren weit weg.

Für den gestisch informellen Epochenstil um ihn herum interessierte er sich kaum. Stattdessen malte er die Silhouette einer Pflanze. Einmal als weiße Form im schwarzen Farbbett, einmal als schwarze, die auf weißem Grund wie ein Scherenschnitt absticht. Unspektakulärer, stiller, abständiger hätte der eigene Malweg nicht beginnen können.

Man steht noch heute vor „Plant I“ und „Plant II“ wie vor zwei kleinen Wundern der Zeitlosigkeit. In Nachfolge jener inwendigen Zartheit, mit der einst der Romantiker Philipp Otto Runge seine Maiglöckchen oder Levkojen ausgeschnitten hat, scheint der Maler dabei, aus der Welt der Dinge, Körper und Räume die schwarzweiß flächige Matrize zu lösen.

Er malte häufig Blätter, Gräser und Blüten

Die Pflanzenlinie sollte der Künstler nie mehr ganz aufgeben. Auch wenn das malerische Werk dann weitgehend abstrakt ausgerichtet ist, hat Kelly immer wieder Blätter, Gräser, Rispen, Blüten gezeichnet und aquarelliert. Die jüngsten Arbeiten in der parallelen Münchner Ausstellung in der Pinakothek der Moderne datieren aus dem vergangenen Jahr. Es sind veritable Naturstudien, keine schematischen Vereinfachungen der Formen wie noch „Plant I“ und „Plant II“.

Sie zeigen mit dem floralen Gegenstand zugleich seine Anschauung, die intime Bezogenheit auf ihn oder Versenkung in ihn. Genau besehen sind es alles feinstrichige Variationen über die Wahrnehmung, die hier ganz wörtlich ein für „wahr Nehmen“ ist. Immer geht der Maler von der Sehbegegnung aus. Und ohne diesen Impuls ist kaum etwas in dem großen Werk entstanden. Erst einmal muss eine gegenständliche Unmittelbarkeit gegeben sein, um die ungegenständlichen Bildmöglichkeiten entfalten zu können.

Bilder sind mehr als Ideenschatten

Das schwarze Dreieck einer Dachform, die dem Künstler in der Landschaft aufgefallen ist und die er fotografiert hat. Die filigrane Ordnung eines Brückengeländers. Der rechtwinklige Schatten einer Straßenlaterne an einer Mauer. Und wenn ein schwarzes Bild aus zwei ellipsenförmigen Flügelhälften besteht, und die eine schräg von der Wand absteht, ist es nicht verboten, an Blätter einer tropischen Pflanze zu denken.

Wohl sind auch die Kategorien, die die gebildete Kunstsprache für solche Bilder bereithält, nicht wirklich zutreffend. „Abstrakt“ wäre eine Weise, die Gegenstände ungegenständlich, also ohne Gegenstandserinnerung neu erscheinen zu lassen. Kellys Bilder sind immer auch Gegenstände an den Wänden, nicht bloß Ideenschatten, keine geometrischen Diagramme.

Sie bestehen auf ihrer Körperhaftigkeit, und wenn sie alle „Untitled“ oder schlicht nach ihrem Farbprogramm heißen, dann meint das gerade nicht, dass da nichts wäre außer Unbenennbarkeit und Programm. Diese Bilder wollen nicht Zeichen, sie wollen „etwas“ sein.

Bei Kelly verwachsen Farben mit Bildobjekten

Die Urszene zum zeichenlosen Etwas wird immer wieder erzählt. Es soll ein Doppelfenster im „Museum of Modern Art, Paris“ gewesen sein, aus dem Kelly Ende der Vierzigerjahre sein erstes weißgrauschwarzes Bildobjekt hergestellt hat: „Überall, wo ich hinschaute, alles, was ich sah, wurde zu etwas, das man als Bild machen konnte, und es sollte genauso gemacht werden, wie es war, ohne dass etwas hinzugefügt wurde.“

Nichts mehr sollte hinzugefügt werden. Auch keine Farbe. Farbe – blaue, gelbe, rote, grüne, schwarze, weiße – ist bei Kelly nie bloß Auftrag oder Layout. Sie ist mit den Bildobjekten verwachsen, wie die Haut mit dem Körper verwachsen ist. Und wenn die Bilder „gemacht“ sein wollen, dann ist das kein Widerspruch dazu, dass sie vor allem gemalt sind.

Man meint, wenn man sich eine Weile auf die Flächen eingelassen hat, leise pulsierende Wolken im Schwarz und im dunklen Grau zu entdecken, sanfte milchige Schlieren im opaken Weiß. Und man weiß nie so recht, ob es Malspuren sind oder doch Lichtreflexe, die beim Sehen geschehen, Erinnerungswolken, Erinnerungsschlieren. So wie die Herbstfarben noch eine Weile nachglühen, wenn die Blätter schon längst gefallen sind.

Zu beiden Ausstellungen sind herausragende Katalogbücher erschienen. Zur Ausstellung im Münchner Haus der Kunst (bis 22.1.2012): Ellsworth Kelly Schwarz & Weiß (Hg. von U. Wilmes) im Hatje Cantz-Verlag; zur Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München (bis 8.1.2012): Ellsworth Kelly Plant Drawings (Hg. von M. Prather und M. Semff) bei Schirmer/Mosel.