"Beckmann"

Alt-Liberale Hamm-Brücher geißelt Politik der FDP

Zwei Legenden zweifelten bei "Beckmann" an der Zukunft der FDP: Hildegard Hamm-Brücher und Margarete Mitscherlich. Und lobten das Durchhaltevermögen der Kanzlerin.

Foto: dapd / dapd/DAPD

"Drei außergewöhnliche Frauen, drei außergewöhnliche Lebensgeschichten“, jubelt Reinhold Beckmann in die Kamera. Er muss das tun, es ist sein Job. Fläzten drei gelangweilte Teenager in seiner Sendung, er müsste sie dennoch als außergewöhnliche Gäste ankündigen.

Aber Hildegard Hamm-Brücher, Margarete Mitscherlich und Vera Gräfin Lehndorff alias „Veruschka“ rechtfertigen den Pathos: 256 Jahre geballte Lebenserfahrung bei „Beckmann“ im Ersten, da hibbelt selbst der ausgebuffte Moderator wie ein Schuljunge.

Als Beckmann 1956 geboren wurde, saß die streitbare FDP-Politikerin Hamm-Brücher schon seit sechs Jahren im Bayerischen Landtag. Als er in die Pubertät kam, sorgte die Psychoanalytikerin Mitscherlich mit ihrer bahnbrechenden Verhaltensstudie „Die Unfähigkeit zu trauern“ für Furore – und „Veruschkas“ Modelkarriere neigte sich bereits dem Ende zu.

Alle drei Frauen verbrachten ihre Kindheit im Schatten der NS-Zeit, Beckmann blieb dieses dunkle Kapitel erspart. Zur reinen Geschichtsstunde geriet die Sendung trotzdem nicht – weil die FDP und eine gewisse Angela Merkel genügend Gesprächsstoff boten.

Alt-Liberale zweifelt an Daseinsberechtigung der FDP

Vor allem die Alt-Liberale Hamm-Brücher keilte gegen ihre ehemalige Partei. Ob die FDP in ihrer jetzigen Verfassung künftig noch gebraucht werde? Das sei „eine Frage mit fünf Fragezeichen“, denn sie stehe für „einen Liberalismus, der keinerlei Inhalt mehr hat“ und die Frage aufwerfe, ob das noch „eine Partei rechtfertigt“.

Harte Worte, schließlich ist die Frau nicht irgendwer: 90 Jahre alt, davon 54 in der Partei und vier als stellvertretende Bundesvorsitzende. Auch Mitscherlich findet keine Gnade: Politik und Außendarstellung der FDP seien „geradezu lächerlich“, spottet sie.

Was die Kanzlerin gelernt hat

Die beiden Damen gelten als streitbare Freigeister, unabhängig im Denken und Handeln, und das stellen sie an diesem Abend einmal mehr unter Beweis. Vor allem Mitscherlich trumpft mit ihren 94 Jahren auf, dass es eine wahre Freude ist. Geistig hellwach, stets präsent und blitzgescheit im Argumentieren stellt sie vor allem die egozentrische Gräfin Lehndorff mit ihrem befremdlichen Gesichtsvisier („ein psychologischer Schutz vor Fotografen“) in den Schatten.


Und verteilt seltenes Lob an die Bundeskanzlerin. Was Kritiker als Führungsschwäche in Krisenzeiten werten, findet Mitscherlich an Merkel höchst respektabel: „Ich sehe eine nachdenkliche Frau, die nicht so schnell handelt.“

Das Erfolgsrezept der CDU-Frau sei dabei simpel, sagt sie verschmitzt: „Dass sie gelernt hat, ihre Affekte zu durchschauen – was die Männer nie lernen werden.“ Auch Hamm-Brücher hat für die Kanzlerin nur warme Worte parat: „Sie ist fast immer gelassen, wo ich schon längst explodiert wäre.“

Mehr Demut und Bescheidenheit wünscht sich die frühere FDP-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten von den Deutschen, und lebt es gleich selbst vor. Ihre Teilnahme am nächsten Parteitag wolle sie bis zur letzten Minute offen lassen, weil sie schlichtweg nichts beizutragen habe.

Da war doch was!

„Soll ich brav auf der Tribüne sitzen und ein paar Leute klatschen? Also ich weiß nicht.“ Und Mitscherlich geißelt sich selbst für ihre Untätigkeit in der NS-Zeit, als andere Studenten Flugblätter in Uni-Treppenhäuser warfen.

Die moderne Fixierung auf „Geld und Äußeres“ sei ihr zuwider, sagt Mitscherlich noch. Und wird dann Zeuge, wie eine 72-Jährige minutenlang über ihre jugendliche Schönheit, das beschwerliche Modeldasein und sich selbst monologisiert.

Vielleicht hätte es der Sendung gut getan, aus dem Quartett ein Trio zu machen und die Querdenkerinnen Mitscherlich und Hamm-Brücher mit Beckmann allein zu lassen. Aber halt, da war doch was! Eine Biografie mit dem Titel „Veruschka – mein Leben“, jetzt pünktlich zum Weihnachtsgeschäft im Buchhandel erhältlich.