Von U2 bis zu den Sex Pistols

Im Schatten der Mauer gedieh die Popmusik

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Michael Pilz

Depeche Mode warfen Blumentöpfe über die Grenze, die Sex Pistols verbrachten neben ihr die Ferien. Die Mauer inspirierte manche Band mehr als die Bahamas.

Die Mauer und ihr Fall waren ein Segen für die Popmusik. Erbaut im Sommer 1961, rückte sie die Köthener Straße über Nacht aus der Berliner Mitte an den West-Berliner Rand. Die Immobilienpreise sanken. In den Meistersaal zog wieder die Kultur, die Hansa-Musik-Produktion, ein Schlagerstudio. 1976 reiste Nina Hagen aus der DDR aus, ein Geschöpf des Wahnsinns. Sie nahm „Nina Hagen Band“ bei Hansa auf, ihr Album schaffte es bis in die Hitparaden von Amerika und England.

David Bowie wurde auf die Köthener Straße 38 aufmerksam und ließ sich dort zur Arbeit nieder. In der „Big Hall by The Wall“ ließ ihn die Welt in Frieden, zwischen Räumen voller Taubendreck und Bandmaschinen. Andererseits befruchtete der Schauder der Geschichte an der Bruchstelle der Welt sein Schaffen. „Die Mauer im Rücken so kalt, so kalt. Schüsse reißen die Luft, doch wir küssen, als ob nichts geschieht“, sang er in „Helden“.

Mit dem Trabi durch die Straßen

Die Mauer spendete Schatten und Stille, und das Aufnehmen war trotzdem spannender bei Hansa als auf den Bahamas. Depeche Mode spielten „Some Great Reward“ ein, warfen Blumentöpfe auf die Grenze und brachten den Posten durch die offenen Fenster ihre frischen Stücke zu Gehör.

Jetzt, 22 Jahre nach dem Mauerfall, erinnern sich die Iren von U2 an ihre Wochen in Berlin mit einer „20th Anniversary Edition“ ihres Albums „Achtung Baby“. Sie hatten sich 1990 eingefunden, als die Mauer bereits abgetragen wurde. Nach ihrem rasanten Aufstieg in den 80er Jahren litten sie an einer Schaffenskrise. Und auch ihnen ging es weniger um die Akustik des Parketts im Meistersaal als um den Weltgeist und den unverstellten Blick vom Studiofenster auf die Wüste des Potsdamer Platzes.

„Achtung Baby“ war ein Filmzitat aus „Frühling für Hitler“ von Mel Brooks. Vom Cover grüßte später der Trabant, mit dem ihr Sänger Bono durch die Straßen kurvte, die wieder durch die Berliner Mitte führten. Er genoss die wilde Zeit, U2 fühlten sich wieder wie die Anarchisten, die sie mal gewesen waren. Raubpressungen der noch unfertigen Platte wurden in Berlin verteilt.

Lou Reed besang das "Brandenburg Gate"

Enttäuscht reisten U2 und Bono ab, um ihre Aufnahmen in Dublin zu vollenden. Für die Luxusausgabe zum Jubiläum hat die Band aus den Archiven zusätzliche Lieder ausgewählt, die damals angefallen waren, weil sie Bono mit Berlin verband. Wie „Paint It Black“ der Rolling Stones, die am 13. August 1990, 29 Jahre nach dem Mauerbau, auf einer Ost-Berliner Radrennbahn gastiert hatten. Oder wie Lou Reeds „Satellite Of Love“.

Lou Reed galt immer als Berliner im Geiste : Auch in diesem Herbst besingt er stimmungsvoll das „Brandenburg Gate“, begleitet von Metallica. Schon 1973 brachte er „Berlin“ heraus, ohne dass er die Stadt zuvor besucht hatte, ein ganzes Album. Er erklärte, dass Berlin für ihn eine Metapher für die „Mauer in den Köpfen“ sei. Lou Reed wurde zum Vater einer im Ost-West-Diskurs in Deutschland und bei Wolfgang Thierse heute noch gebräuchlichen rhetorischen Figur.

Politiker haben verschiedenen Musikern für ihre Mitwirkung am Mauerfall gedankt. Den Scorpions, weil sie pünktlich „Wind Of Change“ gepfiffen hatten. Marius Müller-Westernhagen für die Hymne „Freiheit“. Und auch Roger Waters, der im Frühjahr 1990, kaum waren die letzten Originaltrümmer als Andenken verkauft, auf dem Potsdamer Platz die Rockoper „The Wall“ aufführte - als hätten Pink Floyd es schon gewusst, als Helmut Kohl noch die Oppositionsbank drückte.

Die Sex Pistols verbrachten "Holydays In The Sun"

Mauerbau und –fall haben Berlin in einen Poptopos verwandelt. Songs wirken bereits historisch, anspruchsvoll und ewiggültig, wenn die Stadt in ihnen vorkommt. Mit und ohne Mauer. Oder wie es in „So Far Away“ von Stephen Duffy heißt: „The day the Berlin Wall came down and other days forgotten.“ Die Sex Pistols verbrachten ihre „Holydays In The Sun“ an der Mauer. Bloc Party reisten ihnen zuletzt in „Kreuzberg“ hinterher, zur East Side Galery in Friedrichshain.

Dann zogen R.E.M. ins Hansa-Studio ein und würdigten in „ÜBerlin“ die offene Metropole und die zuverlässige U-Bahn. Snow Patrol veröffentlichen in diesen Tagen einen Song namens „Berlin“. Der Aufenthalt muss sie so überwältigt haben, dass seine keine Worte für ihre Gesänge finden, sondern nur noch „Ahs“ und „Ohs“ im Chor.

Die Köthener Straße schützt sich heute mit einem begrünten Erdwall vor den Sünden der Vereinigungsarchitektur. Da kehrt selbst Nina Hagen heim von ihren Ausflügen mit Außerirdischen: Ihr aktuelles Album trägt den Titel „Volksbeat“, ein Lied heißt „Wir sind das Volk“.