Auf Tour

Traditionalismus hat einen Namen – Lenny Kravitz

Es war nicht alles schlecht: Lenny Kravitz, der Gründervater des Retrorocks, sorgt sich auch in der Berliner Columbiahalle um Nostalgie.

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Zuletzt lief Lenny Kravitz durch New York mit einem alten Telefonhörer aus Bakelit am Ohr. Die Zeitungsfotos zeigten das Spiralkabel, es endete in der Jackettasche, in seinem iPhone. Seither sieht man häufiger Geschäftsleute telefonieren wie Lenny Kravitz. Das war immer seine Aufgabe als Künstler: der Modernisierung trotzen, ohne sich dem Lauf der Zeiten zu verweigern.

Er betritt die Bühne der Berliner Columbiahalle in einer zu kleinen Lederweste. Lenny Kravitz trägt seine Pilotenbrille durch den Abend wie ein Körperteil, und hinter ihm ragen zwei dampfende Pyramiden auf, sie illustrieren ihn als musizierendes Kulturdenkmal. Er singt ein neues Lied, das „Come On Get It“ heißt aber so zeitlos klingt wie jeder Song von Lenny Kravitz.

Songs vom Ende der Geschichte

1989 war er plötzlich da, im Herbst, als alles anders wurde. Sein Debütalbum kam an dem Tag heraus, an dem Aserbaidschan aus der Sowjetunion austrat. Vom Ende der Geschichte war die Rede, Denker sprachen von der Postmoderne.

Lenny Kravitz wirkte wie ein wandelndes Zitat der sterbenden oder bereits verstorbenen Rockkultur: Zunächst trug er die Haare wie Bob Marley, dann wie Marvin Gaye. Er sang und führte Kunststücke auf der Gitarre vor wie Jimi Hendrix. Seine Brillen ließen Janis Joplin und John Lennon wiederauferstehen, seine Hüftschwünge erinnerten an Freddie Mercury und Elvis Presley. Seine Lieder hörten sich wie Medleys aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren an. In seinem Auftritt schoben sich die Heldenbilder der Gefallenen übereinander zu einem der attraktivsten Blickfänge der lebenden Musik.

Inzwischen ist er 47 Jahre alt. Aber weil Lenny Kravitz schon mit 24 gegen den Verlust der Tradition anspielte und die ewige Jugend im Revival fand, scheint ihn das Alter zu verschonen. Er spielt „Always On The Run“ von 1991 und lässt sich eine der kostbaren Gitarren reichen. Er befingert die Antiquität, er wirft den Kopf zurück, öffnet den Mund und tanzt behaglich auf und ab. Die Hallen waren früher größer, als er noch als Pionier der Nostalgie galt. Als es noch kein Ebay gab und staubige Verstärker mit Gebrauchsspuren noch nicht zum Bühneninventar von Nachwuchshoffnungen gehörten.

Lenny Kravitz war weder im Stadtghetto noch im Provinzkaff aufgewachsen wie die Riege seiner Vorbilder. Er stammte aus dem Medienadel von Manhattan. Seine Eltern unterhielten eine lückenlose Plattensammlung, sie führten ihn schon als Schulkind zu Konzerten von Duke Ellington, James Brown und Michael Jackons aus.

Daheim erlernte er die notwendigen Instrumente. Als das digitale Zeitalter anbrach, bäumte sich Kravitz analog und ansehnlich dagegen auf. Aber die Neunziger wurden nicht zum Jahrzehnt der Zukunft. Sogar Techno wurde als historische Musik gefeiert. Lenny Kravitz muss sich nun den Markt mit lebenden und toten Vintage-Stars wie Bruno Mars und Amy Winehouse teilen.

Immerhin ist die Columbiahalle, einst ein Tanzsaal für die Alliierten, ausverkauft. Vor allem Frauen, die um 1990 in die schwärmerischen Jahre kamen, freuen sich dass Lenny Kravitz wieder da ist. Er verschmilzt den fremden Klassiker „American Woman“ von 1970 mit dem eigenen 20 Jahre alten eigenen Stück „It Ain’t Over ’Til It’s Over“. Er sagt: „Danke, dass ihr alle hier seid, nur um mich zu sehen.“ Und dann kreischt der Saal zurück wie seinerzeit, als retro noch kein Attribut im Duden war.

Kinderwesten und fröhliche Tattoos

Dass Lenny Kravitz seines Schaffens zuletzt selber überdrüssig war, hat er in unzähligen Interviews erklärt. Er lebt heute auf den Bahamas, pflegt seine Gemüsebeete und die innere Mitte, und gelegentlich nimmt er im Heimstudio ein Album auf wie „Black And White America“, das im August 2011 erschien und klingt wie alle anderen zuvor.

Vom Cover schaut er einen an, von einem 40 Jahre alten Bild. Ein Kind, mit Friedensbotschaften bemalt, zufrieden mit sich selbst. Und so stolziert er singend durch die Welt, in Kinderwesten und mit fröhlichen Tattoos, spielt Rock’n’Roll und nennt es „Rock And Roll Is Dead“. Bevor er geht, singt Lenny Kravitz „Let Love Rule“. Weil damit 1989 alles angefangen hatte.

Weitere Termine: 18. November Wien, 23. München, 26. Zürich