Anosmie

Wenn mit dem Geruch die eigene Welt verloren geht

Wer nicht riechen kann, kann auch nicht schmecken. Ein Erfahrungsbericht über eine verkannte Behinderung, die ins Mark geht.

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Anosmie ist eine eher unspektakuläre, unsichtbare Behinderung. Doch der Verlust des Geruchssinns hinterlässt seine Spuren und kann sich im Laufe der Zeit zu einer handfesten Erkrankung auswachsen. Molly Birnbaum weiß, wovon sie spricht, wenn sie sagt, der fehlende Geruchssinn reiße ein "tiefes Loch in die Wahrnehmung der Welt". Infolge eines Autounfalls konnte sie über ein Jahr lang weder riechen noch schmecken.

Kopfverletzungen und schwere Viruserkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für den Verlust des Geruchssinns, der auch für das Schmecken verantwortlich ist. Manchmal kehrt er zurück, in den meisten Fällen aber verschwindet er für immer. In der Folge leiden vielen Patienten unter Depressionen, Ängsten und Essstörungen.

Zudem kommt es zu Problemen mit der eigenen Identität. Bestimmte Erinnerungen und vertraute Bilder stellen sich nicht mehr ein. "Mit dem Riechvermögen geht Wichtigeres verloren als der Duft eines Brathähnchens: eine Verbindung zur Kindheit, ein Auslöser für Appetit, ein Gefühl der Geborgenheit." Ohne den Geschmack der in den Tee getauchten Madeleine hätte Marcel Proust sich wohl kaum auf die Suche nach der verlorenen Zeit gemacht.

Dabei traf Birnbaum der Verlust des Geruchssinns besonders hart. Nach dem Studium der Kunstgeschichte wollte sie eine Ausbildung als Köchin beginnen und absolvierte gerade ein Praktikum in einem New Yorker Gourmettempel. Dort lernte sie, sich nicht allein auf Rezepte als vielmehr auf die eigenen Sinne zu verlassen, Kräuter mit geschlossenen Augen zu erkennen und Knoblauchsorten zu unterscheiden.

Doch der Unfall zerstörte nicht nur ihre Berufspläne, sondern ihre gesamte Wahrnehmung. Auf einmal roch der Herbst nicht mehr nach brennendem Holz, nasser Erde und welkem Laub. Der Bissen Steak in ihrem Mund hätte ebenso gut ein Stück aufgewärmte Pappe, der Kakaoduft im Schokoladengeschäft, der muffige Gestank einer Umkleidekabine sein können. Ihr war, als hätte sie zusammen mit den Gerüchen auch Gefühle und Vertrautheit verloren: "Ohne Geruch erschien mir meine Umwelt plötzlich fremd und schal."

Nicht weniger beunruhigen sie die Auswirkungen der olfaktorischen Beeinträchtigung auf ihr Liebesleben . Hat sie ihren neuen Freund verlassen, weil sie ihn buchstäblich nicht mehr riechen konnte? Wird sie je wieder eine feste Beziehung eingehen können? Der Geruchssinn – das weiß man nicht erst seit der Entdeckung der sogenannten Pheromone, also körpereigener Substanzen, die unter anderem als Sexuallockstoffe dienen – spielt eine große Rolle für die zwischenmenschliche Kommunikation.

"Jeder Duft brachte Farbe in meine Umgebung"

Unsere unbewussten Geruchsvorlieben bestimmen Partnerwahl und Bindungsverhalten entscheidend mit. Manche Frauen, so lesen wir, könnten angeblich bereits beim ersten Treffen mit einem Mann anhand seines Geruchs sagen, ob sie ihn mögen oder nicht.

Molly Birnbaum verbindet ihre eigene Krankengeschichte mit detaillierten wissenschaftlichen Recherchen über Vorgänge, die sich in Nase und Gehirn abspielen, wenn wir einen Geruch wahrnehmen. Sie spricht mit Neurologen, darunter dem berühmten Arzt und Bestsellerautor Oliver Sacks, mit Patienten, Spitzenköchen und bekannten Parfümeuren.

Entgegen aller medizinischen Prognosen erlangt sie allmählich ihren Geruchssinn zurück und entwickelt dabei eine neue Sensibilität: "Jeder Duft brachte Farbe in meine Umgebung. Jeder Duft erfreute mich." Die weitverbreitete Auffassung, Sehen und Hören seien wichtiger als das Riechen, wird durch Birnbaums ebenso lehrreiche wie sinnesfrohe Reportage auf eine harte Probe gestellt. Marion Lühe

Molly Birnbaum: Der Geruch der Erinnerung. Kein & Aber, Zürich. 352 S., 19,90 € .