Anonymus

Für Emmerich war Shakespeare ein Scharlatan

Hat Shakespeare seine Stücke wirklich selbst geschrieben? Roland Emmerich bezweifelt das. Mit "Anonymus" beweist er, dass er auch das ganz große Drama beherrscht.

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Keiner hat ihm das zugetraut. Der Mann war ein Garant für Blockbuster, für Popcornkino. Er hat Effektespektakel gezaubert, Filme für Teenies. Aber dann wagte er sich an ein Drama, ein Historiendrama, in dem alles drin war: Rassenfrage, Vergewaltigung, Emanzipation, Homosexualität. Und das ganze war auch noch die Verfilmung eines Pulitzerpreis-gekrönten Romans. Die Rede ist von Steven Spielberg. 1986 wurde seine „Farbe Lila“ für zwölf Oscars nominiert, aber nicht einen einzigen hat er erhalten. Schlicht und einfach, weil man Spielberg – noch – nicht in dieser Kategorie sehen wollte.

Zu jener Zeit drehte ein schwäbischer Regisseur in heimischen Gefilden Filme, die nicht fürs deutsche Kino allein bestimmt sein sollten. Er wurde verlacht als „Spielbergle von Sindelfingen“, zog daraus erstens die Konsequenz und zweitens nach Hollywood, um genau die Lücke zu füllen, die jener Spielberg hinterließ. Roland Emmerich war der neue Garant für Blockbuster und Effektespektakel. Nun muss er noch einmal den ihm immer ungeliebten Vergleich mit Spielberg ertragen. Weil er, wie dieser, ein großes Historiendrama entwirft, in dem alles drin ist: Verschwörung, Liebe, Verrat, Gemetzel, Inzest. Und damit beweisen will, dass auch er das ganz große Drama beherrscht.

Die abstruseste aller Theorien

In „Anonymus“, der diese Woche in unsere Kinos kommt, geht es um keinen Geringeren als William Shakespeare, den größten Dramatiker aller Zeiten. Wir müssen uns dabei gleich von zwei lieb gewordenen Klischees verabschieden. Das von Roland Emmerich, dessen Augen nur glänzen, wenn es gilt, aufwendige Sets effektvoll zu zerstören. Und das von Shakespeare, der mit der Feder am Schreibpult sitzt und dem die Muse, nein: die Liebe die zeitlosen Verse diktiert. So kennen wir das aus einem anderen Film, „Shakespeare in Love“, der nun auch schon wieder 13 Jahre her ist. Das Bild bleibt eigentlich das gleiche. Wieder ein Mann am Pult, mit Bart, schwarz umrandeten Augen und Kerzen um die kostbaren Manuskripte. Aber das ist nicht Shakespeare. Shakespeare ist nur ein Gaukler, ein Scharlatan, der sich als Autor dieser Stücke ausgibt, obwohl er nicht mal schreiben kann.

Seins oder nicht seins: Die These, dass Shakespeare, der Sohn eines Handschuhmachers aus Stratford-upon-Avon, nicht wirklich der Autor der ihm zugeschriebenen Werke ist, ist nicht neu. Seit langem schon zweifelt man an dessen Autorschaft, unter den Skeptikern finden sich Namen wie Mark Twain, Sigmund Freud, Orson Welles, Walt Whitman. Es gibt kaum Dokumente über Shakespeare, kaum Abbildungen von ihm, schon gar keine Manuskripte aus seiner Hand. In seinem Testament hat er sogar seine Betten vermacht, aber nicht ein einziges Buch. Weil er wohl keines besaß. So wie er auch nie auf Reisen war – obwohl er stark von der Commedia dell’arte beeinflusst war und viele seiner Stücke in Italien spielten. Viele der sogenannten Anti-Stratfordianer neigen deshalb dazu, Edward de Vere, den Earl of Oxford, als wahren Uhrheber anzusehen, der die Mittel und die Bildung dazu hatte und auch durch Europa gereist war.

Eine faszinierende Geschichte. Und doch reichte sie Emmerich nicht aus. Als er vor zehn Jahren erstmals das Drehbuch von John Orloff las, war er sofort elektrisiert – Shakespeare kannte er bis dahin nur aus dem Kino. Aber die bloße Frage um die Autorschaft war ihm nicht genug. Deshalb geht er in seinem Film noch bedeutend weiter. Und blättert eine riesige höfische Intrige auf, die das ganze Shake?spearesche Oeuvre in der Wirklichkeit spiegelt. Und in der jener Lord of Oxford nicht nur eine Liaison mit Königin Elisabeth I. hat, sondern auch noch deren illegitimer Sohn ist – mithin ein Anrecht auf den Thron besitzt. Was finstere Kreise tunlichst verhindern wollen.

Von den sogenannten Oxfordians, also jenen, die die These vertreten, der Earl of Oxford sei der wahre Shakespeare, glauben nur zehn Prozent auch an die königliche Mutter. Ähnlich wie Oliver Stone in „JFK“ scheint Emmerich damit die absurdeste aller Theorien zu kredenzen. Aber wie bei Kennedy keiner mehr an den Einzeltäter Lee Harvey Oswald glaubt, so wird man auch nach „Anonymus“ aus dem Kino gehen mit der festen Überzeugung, Shakespeare könne unmöglich der bedeutendste Literat der Weltgeschichte sein.

Vergessen wir all die Aliens und Desaster. Roland Emmerich lässt das elisabethanische Zeitalter mit einer Pracht und Stilsicherheit auferstehen, als hätte er nie etwas anderes getan. Er rekonstruiert ein altes London, wie wir es noch nicht kannten (und das doch nur am Rechner in Babelsberg entstand). Er stellt Gemälde von Vermeer und de la Tour nach; jede Einstellung ein Tableau. Sein 30-Millionen-Dollar-Projekt sieht so aus, als habe es mindestens 100 mehr gekostet. Und bis in kleinste Rollen ist es prominent besetzt. Dabei scheint einem das Personal aus diversen Elizabeth-Filmen seltsam vertraut. Und doch wird uns diese Ära noch einmal erfrischend anders präsentiert. Vanessa Redgrave etwa kratzt mit Lust am traditionellen Bild der Virgin Queen und gibt die greise Königin als launische Hexe mit faulen Zähnen und Krätze im Dekollete.

Seht her, so was kann ich auch!

Völlig neu ist dagegen die Person jenes Edward de Vere, der nie das Leben führen durfte, das er wollte. Rhys Ifans gibt ihn als wilde Mischung aus David Bowie und Karl Lagerfeld. Ifans kennen viele nur als kauzigen Mitbewohner aus „Notting Hill“, und diesen schrägen Schrat musste er seither in zahllosen Filmen zitieren. Es spricht für Emmerichs Risikobereitschaft, ihn so artfremd zu besetzen. Und Ifans scheint, wie sein Regisseur, in jeder Szene beweisen zu wollen: Seht her, so was kann ich auch. Eine Oscarnominierung sollte ihm sicher sein, Vanessa Redgrave übrigens auch. Nur einer kommt schlecht weg: Shake?speare. Unter all den Stars, das ist eine Degradierung, wird er von einem weithin unbekannten Mimen gespielt: Rafe Spall. Der wirkt wie eine dickliche Parodie auf Joseph Fiennes’ verliebten Sha?kespeare und gibt ihn als windigen Betrüger, der sich ein Leben in Saus und Braus erpresst und dreist vom Volk feiern lässt wie ein Rockstar, Stage-Diving inklusive.

De Vere, das lehren uns die Oxfordians, das lehrt uns „Anonymus“, war ein stets Verkannter. Emmerich, das lehrt uns sein Film, war es auch. Er kann, wie er uns hier eindringlich beweist, mehr als nur Popcorn-Kino. Und er sollte, wie Spielberg, nur noch ab und an dahin zurückkehren. „Anonymus“ ist mit Abstand sein bester Film. Mal sehen aber, ob man das anerkennt oder ob es ihm bei der nächsten Oscar-Verleihung auch so ergehen wird wie Spielberg bei „Farbe Lila“.