"Mord der Woche"

Waffeninspekteure hängen, die Jungen verbrennen

Alexandra und Alexander Ahndoril treiben als "Lars Kepler" Schwedens literarische Todesstatistik in die Höhe. In "Paganinis Fluch" geht es um ein mörderisches Foto.

Foto: Olivier Favre/Die Welt / Olivier Favre/Die Welt/Lübbe Verlag

Es gibt die schöne Geschichte von der Inspiration in der Nacht. Hochgeschreckt vom Spontan-Einfall sitzt ein Schriftsteller im Bett, glasklar sieht er die zuvor geträumte Plot-Lösung, den Roman-Fortgang oder die neue Figur vor sich. Schnell schreibt er alles auf einen Zettel und schläft im sicheren Wissen ein, bald am Schreibtisch einen guten Schritt voranzukommen. Am nächsten Morgen lässt sich das Gekritzel leider nicht mehr lesen. Oder in deutlichen Buchstaben steht da: „Boy meets girl“.

Alexandra und Alexander Ahndoril haben einen eigenen Weg gefunden, mit diesem Inspirationsglück umzugehen. „Manchmal wecken wir uns in der Nacht auf, um uns etwas zu sagen“, sagt Alexander. Vorteil eins: Jemand hört die Idee, versucht sie sich zu merken. Vorteil zwei: Wer etwas plausibel erklären will, merkt es sich selbst besser. Jedenfalls ist den beiden auf diese Weise noch nichts verloren gegangen. Da trifft es sich natürlich gut, dass die beiden lange verheiratet sind. Man möchte ja keinen Mitschläfer haben, nur damit flatterhafte Gedanken gespeichert werden.

Eheleute erzählen sich im Schlaf Geschichten

Wer bei alledem gut schlafen kann, ist Lars Kepler. Der Mann liegt mit im Bett des Ehepaars in Stockholm, schnarcht nicht, wird nie wach. Stört auch sonst eher selten. Die Ahndorils erzählen dies grinsend in einem Hotel in Stockholm – zu der Reise hatte der Lübbe Verlag eingeladen. Lars Kepler ist etwas älter als die Ahndorils, beide Mitte 40, er trägt Bart, war früher Lehrer und schreibt außerdem höchst erfolgreiche Kriminalromane. Lars Kepler ist der Grund, warum die Eheleute sich im Halbschlaf Geschichten erzählen.

Aber bevor es kompliziert wird, hören wir erst einmal, was das für Geschichten sind. „Paganinis Fluch“, Keplers zweites Buch, handelt von Selbstmorden und Morden, ein Waffeninspekteur wird in Stockholm erhängt aufgefunden, ein Junge verbrennt in einem Bauwagen, eine junge Frau und ihr Freund werden auf einer Segelfahrt durch den Schärengarten vor den Toren der Hauptstadt von einem Killer gejagt, sie fliehen durchs Wasser und über unbewohnte Inselflecken. Lange Zeit wissen sie nicht, wieso. Später ist wenigstens der Polizei und dem Leser klar, dass es um ein seltsames Foto geht und um den internationalen Waffenhandel.

Der Kommissar stammt aus Finnland

Der ermittelnde Kommissar Joona Linna stammt aus Finnland, manchmal flucht er leise in seiner Sprache, meistens verblüfft er seine Umwelt mit intuitiven Ideen, die wirken, als sei er gerade nachts aus einem Traum aufgewacht und hätte sie aufgeschrieben. Linna schläft meist alleine. Er leidet an Migräne, verweigert die Medikamente, weil er dann müde wird und die Inspiration nachlässt. Der Polizist ist nicht so klischeehaft, wie es womöglich klingt. Er schält sich gerade erst als Hauptfigur aus dem Buch heraus, noch ist da eine Distanz, ein Abtasten, ein Versprechen auf mehr.

Der Krimi ist straff erzählt, actionreich. Die vielen Fäden laufen fein ineinander, der Beschleunigungsmodus funktioniert. Mittendrin gibt es eine feine Szene, wo ein Mann im Boot auf einen See rudert, um Selbstmord zu begehen. Er hadert, er zaudert und überlegt. Dann steht da: „Wenn ihm klar gewesen wäre, dass es so lange dauern würde, sich zu erschießen, hätte er etwas zu trinken mitgenommen“.

Langsamkeit, Melancholie an der Grenze zur Depression, Sauferei: Alle wichtigen Bestandteile des Schwedenkrimis in einem witzigen Satz zu vereinen, das muss man erst mal hinkriegen. Weshalb sich hier eine Frage stellt: Wer ist Lars Kepler?

„Er hört nicht auf zu schreiben“, sagt Alexandra mit ernster Miene.

„Er ist scheu“, sagt Alexander. „Deshalb schickt er uns vor. Aber wie viele Autoren sind wir auch scheu.“

Es gibt diese Geschichte über Kepler. „Er war früher Lehrer“, sagt Alexander. „Dann passierte ihm etwas, was wir versprochen haben, nicht zu verraten. Seitdem arbeitet er nachts in einer Obdachlosenunterkunft, schreibt am Tag.“ „Eigentlich läuft es gut“, sagt Alexandra. „Wir fragen uns, warum er immer noch im Obdachlosenheim arbeiten muss. Aber er besteht darauf. Er hat sich kein bisschen verändert.“

Aber Kepler weiß von seinem Erfolg? Hm, schon, sagt Alexander. Und Alexandra lacht. Die zwei reden in Halbsätzen, sie ergänzen sich, wechseln sich ab. Beide sind Linkshänder. Sie kochen gemeinsam und haben bloß zuweilen unterschiedliche Musikgeschmäcker. Wenn Alexander sich ablenken will, hört er Heavy Metal.

Lars Kepler ist ein Name. Ein Pseudonym. Und das Ergebnis eines heiklen Versuchs , nämlich ob zwei miteinander verheiratete Schriftsteller zusammen ein Buch verfassen können. Alexander Ahndoril begann schon mit 18 Jahren, Romane zu schreiben, außerdem Theaterstücke. Zuletzt arbeitete er an einer Trilogie, drei Romane über drei Personen. Der erste handelte von Ingmar Bergman und spielte 1961.

"Du schreibst über tote Menschen"

Alexandra war Schauspielerin, als sie in Stockholm auf Alexander traf. Sie begann ebenfalls zu schreiben, vor allem historische Romane, einer erzählte vom dänischen Astonomen Tycho Brahe. „Du schreibst über tote Menschen, ich über lebende“, sagt Alexander.

Immer wollten sie zusammen schreiben, aber es endete nur im Streit. Sogar bei einem Kinderbuch. Es ging nicht. 2008 fingen sie an, über einen Kriminalroman nachzudenken. Sie wollten es schaffen. Eine dritte Person musste her. Ein Autor. Ein Fremder. „Kepler“ erinnert an den Astonomen Johannes Kepler. Zunächst war da „Lotta“ als Vorname, eine Frau. „Aber wir haben sie nicht gesehen“, sagt Alexander.

Der nächste Versuch war ein älterer Mann. Ein Bart erschien vor ihren Augen, mit Hilfe des Computers entstand sogar ein Foto. „Lars.“ Wegen Stieg Larsson und dessen Büchern. Die Figur passte. Von der Minute an, als sie darüber nachdachten, fingen sie an zu schreiben.

Auskunft über Hypnosebehandlung

Neun Monate dauerte die Arbeit an „Der Hypnotiseur“, einem ziemlich blutrünstigen Werk. Alexandra legte ihre fast fertige Dissertation über den Dichter Fernando Pessoa beiseite, Alexander den nächsten Roman. Alexanders Bruder, ein Psychologe, wurde zu Rate gezogen und gab ahnungslos Auskunft über Hypnosebehandlung und Hypnotiseure. Niemand wusste Bescheid, weder die Eltern der beiden, noch die drei jungen Töchter. „Unser geheimes Buch“, sagt Alexandra. „Wir wussten“, sagt Alexander“ „wenn wir scheitern würden?…“ „… wäre es unser Ruin“, sagt Alexandra.

Das Manuskript wurde von der Mailadresse larskepler@hotmail.com an ihren Verlag gesandt und gleich akzeptiert. Nur der Verleger selbst wurde eingeweiht. Das Buch kam heraus, Lars Kepler, hieß es, sei ein Pseudonym, der Autor wolle unerkannt bleiben. Schwedische Leser waren hingerissen, das Buch wurde schnell ins Ausland verkauft, bis jetzt in 36 Sprachen übersetzt. Es gab Email-Interviews mit Lars Kepler, es machte dem Paar Spaß, eine Geheimidentität zu haben. Dann begann die Jagd. Die Medien wollten das Rätsel lösen: „Wer ist Lars Kepler?“

Der erste Verfilmung beginnt 2012

Zunächst lachten sie oft. Viele der von Lesern eingesandten Lösungen waren albern. Alexandra und Alexander selbst schlugen öffentlich einen schwedischen Lyriker namens Stieg Larsson vor, der ja schwerlich unter seinem Namen veröffentlichen könne. Dann nahm der Druck zu. Textanalysen in den Zeitungen, Indizienbeweisführungen, auch eine Hotline, bei der Leser Beobachtungen aus ihrem Umfeld weitergeben konnten. Die Boulevardblätter sandten Reporter aus. Da war es mit dem Spaß vorbei. „Wir fühlten uns, als hätten wir ein Verbrechen begangen“, sagt Alexandra. „Es war uns klar, dass wir nicht entkommen konnten“, sagt Alexander.

Auch der Bruder kaufte das Buch. Aus Neugier – wegen des Hypnose-Themas. Er las. Stutzte. Viele Details kamen ihm sehr bekannt vor. Nach der Hälfte der Lektüre meldete er sich bei Alexander, verlangte Aufklärung. Ein paar Tage später flog die Sache ohnehin auf. Journalisten standen abends im Garten des Ahndorilschen Sommerhauses, klingelten und sagten: Ihr seid es.

„Ich hatte Angst, habe gezittert, mich versteckt“, sagt Alexandra. Ihre Töchter lasen es am nächsten Morgen in der Zeitung. Es gab ein großes Hallo, die Sache beruhigte sich etwas, mittlerweile haben die Ahndorils einen Vertrag über acht Lars-Kepler-Bücher, das dritte ist fertig. Im Frühjahr beginnt Regisseur Lasse Hallström („Chocolat“) damit, den „Hypnotiseur“ zu verfilmen.

Einer fängt mit Dialogen an, der andere beschreibt Räume

Die Erfindung von Lars Kepler hat den Alltag des Ehepaares komplett verändert. Morgens werden die Kinder zur Schule gebracht, dann bringen die beiden sich mit einer Tasse Tee in den Lars-Kepler-Mood. (Kepler trinkt Tee und isst Zitronenkekse.) Am Küchentisch wird mit Post-it-Zetteln am Plot gearbeitet, Alexander und Alexandra probieren Szenen aus. Zum Beispiel bei Kämpfen. Kann man ein Messer aus dieser Haltung mit erhobenem Arm bis in den Brustkorb bohren? Dann sitzen beide mit Laptops nebeneinander und schreiben.

Nach 20 Minuten tauschen sie den Text per Email aus, schreiben daran weiter. Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die Kirchenväter des schwedischen Kriminalromans, schrieben jeweils einzelne Kapitel, das ginge bei Lars Kepler nicht. „Wir haben total unterschiedliche Schreibstile“, sagt Alexandra. „Komplett verschieden“, sagt Alexander.

Sie putzen, polieren, überarbeiten, bis keiner mehr sagen kann, wer was geschrieben hat. Bis es Lars Keplers Text ist. Einer fängt mit Dialogen an, der andere beschreibt Räume, das Wetter, füllt die Leerstellen. Jeder so wie er gerade mag. „Wir können alles austauschen, wir richten uns nach Lust und Laune“, sagt Alexandra.

Sexszenen sollten natürlich sein

Wie ist das bei Sex-Szenen? „Zusammen“, sagt Alexandra. „Der beste Weg. Das sollte bei Sexszenen natürlich so sein“, sagt ihr Ehemann. Und jetzt streiten sie nicht mehr?

„Nein.“

„Nein.“ Lachen.

So wollen sie weitermachen. Familiengeheimnisse des Kommissars Joona Linna müssen gelüftet werden. Nach dem achten Buch kommt vielleicht noch eins. Oder ein neuer Autor, „Lotta“ zum Beispiel. Es fühlt sich so gut an, schwärmen die beiden. Die Lobpreisungen klingen nicht ganz glaubwürdig, die Erfahrung sagt einem, wenn man miteinander lebt und arbeitet, muss es doch einmal knirschen. Immerhin eine Hürde gibt es zu überspringen. „Wir haben noch keinen Weg gefunden, den Lars-Kepler-Mood zu verlassen“, sagt Alexandra. Lachen und Seufzen.

Der dritte Mann ist immer da.

Lars Kepler: Paganinis Fluch. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Lübbe, Köln. 624 S., 19,99 €.