"Welt"-Literaturpreis 2011

Das Gute an Bayern ist bei Ostermaier aufgehoben

Der diesjährige Preisträger kommt nicht von ungefähr aus dem Süden: Grußwort von Rachel Salamander, Herausgeberin der "Literarischen Welt".

Wann ist es Bayern je so gut gegangen? Die Wirtschaft boomt. Franz Josef Strauss’ Vision, Tradition und Modernität zusammenzuführen, ist durch Edmund Stoiber nach dem Motto „Laptop und Lederhose“ Wirklichkeit geworden. Als hochtechnologischer Industrie- und Wissenschaftsstandort ganz oben im Zeitalter des Ranking, richtet die Landeshauptstadt zugleich der Welt größtes Volksfest aus. Wie jedes Jahr war auch das diesjährige Oktoberfest eines der Rekorde. Rund sieben Millionen Menschen tranken 7,5 Millionen Maß Bier.

Junge Frauen aus allen Erdteilen tragen mittlerweile Dirndl. Die Arbeitslosenzahlen liegen bei traumhaften vier Prozent, Wirtschaftsfachleute sprechen von Vollbeschäftigung. In die bayerische Hauptstadt München drängen viele, zu viele. Investoren und Studenten, Jobsuchende und solche, die auf Lebensqualität Wert legen. Konzerte, Theater und Lesungen besuchen täglich ca. 10.000 Menschen. Und weil Bayern so glanzvoll dazustehen scheint, musste jüngst sogar die Kultband BiermöslBlasn nach dreißig Jahren aufgeben.

Die bayerische Politik hat von ihrer Satire ebenso gelernt, wie sie sich des Kernthemas der Grünen bemächtigt hat: der erneuerbaren Energie. Die weltanschaulichen Gräben scheinen überbrückt. Ach ja, um es nicht zu vergessen: Der FC Bayern ist wieder Number one, ein Faktum von hochrangiger Relevanz für unseren diesjährigen Preisträger. Seit seinem fünften Lebensjahr ist er Bayernfan.

Aber es gab einmal eine Zeit, da galt Bayern etwa im Vergleich zu Berlin als eine eher geniefreie Gegend. Willy Haas, zu dessen Ehren wir den "Welt"-Literaturpreis vergeben, konnte, als er 1925 in Berlin die "Literarische Welt" gründete, hier aus dem Vollen schöpfen. Es war die Ära Walther Rathenaus, Albert Einsteins, Alfred Döblins, Else Lasker-Schülers, Max Reinhardts, Elisabeth Bergners, Bertolt Brechts oder des gesellig ausschweifenden, hochbegabten Geschwisterpaares Eleonora und Francesco Mendelssohn. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

Als Berlin allenfalls mit Wien um die besseren Künstler und Intellektuellen wetteiferte, da scheiterten am restriktiven, engen München die Wenigen mit Namen: Erich Mühsam und Gustav Landauer oder einer der meistgespielten expressionistischen Dramatiker, Ernst Toller, der sogar einsaß – allesamt kompromisslose Antifaschisten und politische Schriftsteller. Vereinzelte machten von sich reden, etwa der aus Lübeck stammende Thomas Mann oder der nach Berlin übergesiedelte Lion Feuchtwanger, der mit seinem Roman „Erfolg“ in geradezu prophetischer Sicht der „Hauptstadt der Bewegung“ einen Spiegel vorhielt.

„Münchens lautestem Dichter“ und „Bilderbuch-Bajuwaren“ Oskar Maria Graf ist sein „Verbrennt mich!“ angesichts der Bücherverbrennung im Mai 1933 auch nicht gut bekommen. Er musste seine Heimat verlassen; nicht aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt, hat es lange gedauert, bis er im Freistaat wieder zu Ehren kam.

In Grafs Landstrich, er ist in Berg am Starnberger See geboren, hat sich dann in den 80er-Jahren, an seinem Ostufer, eine legendäre dichterische und künstlerische Kolonie etabliert. Im damals noch bäuerlichen Ambach bildete sich ein Kreis um Herbert Achternbusch und Sepp Bierbichler, ihre Ästhetik musste echten Gefühlen entsprechen, stark im Ausdruck sein und die Konfrontation mit der bürgerlichen Normalität suchen – veritable Wutbürger.

Eine lebendige und produktive Autoren- und Künstlerszene

Wenige Schritte weiter lebten und arbeiteten bis vor kurzem in einem angemieteten Haus die Autoren Tankred Dorst, Ursula Ehler, Michael Krüger, Tilman Spengler. Wenige Autominuten davon entfernt ist Patrick Süskind zu Hause. Einen Kilometer nordwärts im Dorf Ammerland lebte Vicco von Bülow, genannt Loriot, ein Preuße, der beste Parodist Nachkriegsdeutschlands.

Selbst der Philosoph Jürgen Habermas kann sich nicht von der bayerischen Idylle trennen, in die er einst zog, um zusammen mit Carl Friedrich von Weizsäcker das „Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“ in Starnberg zu leiten.

Sie sehen, im heutigen, weltoffenen Bayern ist was los. In München und Umgebung arbeitet eine lebendige und produktive Autoren- und Künstlerszene. Hans Magnus Enzensberger durchstreift noch immer das Schwabing am Englischen Garten. Was nicht unterschlagen werden soll: Es haben auch einige Begabte, vor allem Schauspieler und Filmleute, München via Berlin hinter sich gelassen. Es kommt jedenfalls nicht von ungefähr, wenn unser diesjähriger Preisträger aus dem Süden der Republik stammt.

Keine regionalistische Vereinnahmung

Jahrgang 1967, am Ammersee als Schüler des dortigen Benediktinerklosters St. Ottilien katholisch aufgewachsen und seit seinem Studium in München ansässig, ist das Gute an Bayern bei Albert Ostermaier aufgehoben. Das soll keine regionalistische Vereinnahmung sein, aber Albert Ostermaier kann man sich ohne seine Herkunft und die bayerische Literaturtradition nicht vorstellen. Vielmehr geben sie ihm den Halt, sich der Weite seiner Zeit zu öffnen.

In seinem jüngsten Roman „Schwarze Sonne scheine“ geht Ostermaier zwar ziemlich hart mit autobiografischen Romanen ins Gericht, aber Schlüsselroman hin oder her, seine Reminiszenz an die Region und ihre Menschen ist unverkennbar . Was für Ostermaier Bayern ist, offenbarte er jüngst in einem Interview anlässlich der Premiere seines neuen Theaterstücks „Halali“ über Franz Josef Strauß: „Bayern ist die Explosion der Barockkirche, das Anarchische, das Wilde, das Mäandernde, das Unkontrollierbare, das Ausschlagen zum Extrem. Das Schöne an Bayern … ist, dass es nie eindimensional ist. Bayern kann man nur in Widersprüchen denken. Bayern kann erzreaktionär und liberal, kunstliebend und anarchisch gleichermaßen sein. Das muss man als Bayer aushalten.“

Und all das muss man auch an Albert Ostermaier aushalten: sein Pathos, seinen vitalen Stil, seine expressive Sprache, das barock Ornamentale, das Ausladende, das Coole und Verletzte, das Urbane und das Urige. Mit seinem ausgeprägten Formbewusstsein kann er diese Gegensätze zusammenbinden, und zwar in allen drei Gattungen, Lyrik, Prosa und Drama, derer er sich bedient.

Ihm gelingt ein eigener, unverkennbarer Ton, mit dem er die Welt nicht ent-, sondern bezaubert, Eichendorff hätte gesagt „zum Klingen bringt“. Die Dinge erhalten so wieder ihren je eigenen Wert, und der Leser gerät in einen unwiderstehlichen Sog. Unvergessen bleiben seine Bilder.

Ein gebildeter Autor wie er ist, arbeitet Ostermaier intertextuell. Seine Texte verstehen sich durch ihren Bezug auf andere. Schon sein erstes Stück „Zwischen zwei Feuern“, mit dem er 1995 gleich einen „Traumstart“ hinlegte, widmete sich Ernst Toller mit der Frage nach der Beziehung zwischen Literatur und politischer Aktion. An Brecht interessiert ihn, wie er „Autorschaft konstruiert und sich selbst als Künstlerfigur erfindet“, er rekurriert auf Oskar Maria Graf ebenso, wie er spielend auf antike Stoffe zurückgreift.

Viel Leidensdruck und große Allüren

In seinem Roman „Schwarze Sonne scheine“, in dem es auch mit viel Leidensdruck und großen Allüren um das Werden eines Dichters geht, nimmt er sich die Künstlerexistenzen von Rimbaud, Kafka, Beckett, Heiner Müller oder Thomas Bernhard zum Vorbild. Obgleich noch recht jung – denken Sie nur an unsere letzten Preisträger, dann ist Ostermaier z. B. halb so alt wie Claude Lanzmann oder 60 Jahre jünger als der Preisträger von 2008, der damals fast hundertjährige Hans Keilson – also obgleich noch recht jung, sind Ostermaier bereits namhafte Preise wie der Brecht- oder Kleistpreis zuteil geworden. Die Kritik ist sich zwar nicht immer einig, aber gleichgültig bleibt sie bei Ostermaier nie.

Genug der Schwärmerei, jetzt folgt die Laudatio von Dominique Horwitz, dem aus unzähligen Rollen bekannten Schauspieler, Sänger und Produzenten. Als Peter Lilienthal 1978 ein unverbrauchtes Gesicht für seinen Film „David“ suchte, engagierte er den jungen Dominique Horwitz. Bei allen großen Regisseuren stand er auf der Bühne, im Wechsel zwischen Schauspielerei und Gesang. Er ist 1957 in Paris geboren, wo seine Eltern vor den Nationalsozialisten Zuflucht fanden. 1971 zog die Familie nach Berlin.

Beide, Horwitz und Ostermaier, verbindet die Liebe zur französischen Literatur und natürlich zum Film und Theater. Im nächsten Jahr, das darf ich schon jetzt verraten, wird Dominique Horwitz in Albert Ostermaiers neuem Theaterstück über Shakespeare in Hamburg spielen.