Deutschland-Tour

Du darfst dir kein Bild von Lenny Kravitz machen

Konzertfotografie war einmal: Lenny Kravitz will kontrollieren, welches Bild die Welt sich von ihm macht. Damit bringt er Berichterstatter seiner Tour gegen sich auf.

Foto: picture alliance / Photoshot

Der Amerikaner Lenny Kravitz reist als Musiker durch deutsche Mehrzweckhallen. Für gehässige Geister war er immer nur ein musizierendes Model aus den 90er-Jahren, das zwar postmodern aussah, aber die Postmoderne nie verstanden hatte.

Kravitz wirkte wie ein wandelndes Zitat am Ende der Geschichte: Erst trug er die Haare wie Bob Marley , dann wie Marvin Gaye. Er sang und führte Kunststücke auf der Gitarre vor wie Jimi Hendrix . Seine Brillen ließen Janis Joplin und John Lennon wiederauferstehen, seine Hüftschwünge erinnerten an Freddie Mercury und Elvis. Seine Lieder waren nicht der Rede wert. Aber in seinem Auftritt schoben sich die Heldenbilder der Gefallenen übereinander zu einem der fotogensten Blickfänge der lebenden Popmusik.

Fotos dürfen nur einmalig veröffentlicht werden

Jetzt möchte Lenny Kravitz kontrollieren, welches Bild die Welt sich von ihm macht. Den Pressefotografen legt er für die Gastspiele Verträge vor, in denen er die Rechte an den Aufnahmen verlangt. Ein einziges Foto wird dem Fotografen überlassen, der es einmalig veröffentlichen darf und dann nie wieder.

Der Deutsche Journalisten-Verband ruft bereits zum Boykott der Bildberichterstattung von seinen Konzerten auf. „Der Urheber und niemand sonst besitzt die Rechte an den Bildern“, sagt der Bundesvorsitzende Michael Konken. Lenny Kravitz wird zur Zahlung angemessener Honorare aufgefordert.

Solche seltsamen Verträge sind zu Ritualen der Konzertfotografie geworden. Robbie Williams sperrte Presseagenturen von seinen Konzerten aus, die Zeitungen bebilderten ihre Berichte anklagend mit weißen Feldern. Britney Spears ließ sich von eigenen Lichtkünstlern begleiten. Madonna gewährte zuletzt vier Minuten, um sich bei der Arbeit ablichten zu lassen. Mark Knopfler bot den Fotografen großzügig schriftlich einen Euro an für ihre Rechte. Veteranen wie Bob Dylan und Tom Jones verweigern gar jedes Bühnenfoto.

Es ist ein Diskurs entbrannt zwischen Musikgeschäft und Medien, wo Worte fallen wie Zensur und Bilderverbot. Juristen sagen: Musiker genießen auch das Recht am eigenen Bild (§ 22 KunstUrhG), allerdings eingeschränkt als „absolute Person der Zeitgeschichte“ (§ 23). Bei Konzerten gelte wiederum das Hausrecht des Veranstalters. Mit anderen Worten: Fotografen können die Verträge unterschreiben oder nicht und dann fotografieren oder nicht.

Die Fotografen landen im Bühnengraben

Konzertfotografie galt einmal als Königsdisziplin der Popkultur. Mit Kunstauktionen für Negative und Museen für die schönsten Abzüge. Heute kann man beobachten, wie vor Konzertbeginn die Fotografenherde in den Bühnengraben eskortiert wird. In der Regel für drei Lieder, ohne Blitz, bevor der Star auch nur anfängt zu schwitzen oder interessant zu wirken.

Anschließend werden die Fotografen aus dem Saal gescheucht, mit Bildern in der Kamera von Sonnenbrillen und Nasenlöchern. Ihren Lohn dafür erhalten sie von möglichst vielen, großzügigen Abnehmern für möglichst häufigen, bezahlten Nachdruck. Sie bekommen in der Pressekrise also immer weniger. Auch ihr Berufsstand wurde durch das Internet so nachhaltig erschüttert wie die Medienlandschaft selbst.

Lenny Kravitz geht es dabei wie den Fotografen: Die Musik, ohne die er kein Model wäre, hat an Wert verloren, weil sie überall zu finden ist, ohne dass er daran so ausreichend verdient wie früher. Seine Stücke sammeln sich in Suchmaschinen, Pools und Clouds. Im unerschöpflichen Gedächtnis einer digitalen Welt also, die ihn verwirrt als analogen Musiker.

Jetzt hätte er auch gern die Rechte an den Bildnissen, die fremde Leute von ihm angefertigt haben. Von ihm, wohlgemerkt, nicht für ihn. In seinen Konzerten werden Saalordner nun einen aussichtslosen Kampf gegen das Licht der Fotohandys führen müssen. Lenny Kravitz wird sich bald nur noch auf ungeschickten Leserfotos wiederfinden – und verblassen.

Termine: 4.11 Hamburg, 5. Mannheim, 7. Berlin, 23. München