"Welt"-Literaturpreis 2011

"Leben wird Spiel" – Albert Ostermaier sagt danke

In seiner Dankesrede zum "Welt"-Literaturpreis 2011 legt der Schriftsteller Albert Ostermaier dar, wie er wurde, was er ist.

Entstanden ist die Literatur“, schreibt Vladimir Nabokov in „Die Kunst des Lesens“, „nicht an jenem Tag, da ein Junge aus dem Neandertal gerannt kam, weil ihm ein Wolf auf den Fersen war; sie trat in jenem Augenblick ins Leben, als ein Junge gelaufen kam und schrie, ein Wolf verfolge ihn, ohne dass dem so war.“

Mich hat diese Definition Nabokovs immer berührt, die Idee, wonach die Literatur beginnt mit einem Jungen und der Angst, gefressen zu werden. Nabokov hält den Jungen für einen Lügner, den Wolf für eingebildet, den Schrei für die Sehnsucht nach den schreckgeweiteten Augen der Anderen. Die Literatur betritt die Bühne der Welt also mit einem, der behauptet, er sei mit dem Leben davongekommen, er sei dem Tod davongelaufen.

Das aber heißt: um ein Wolfshaar wäre die Literatur eine Totgeburt gewesen. Warum, frage ich mich, ist der Junge in den Wald gelaufen, ins Unbekannte, ins Dunkel hinein, zu den Schatten, den Geräuschen der knackenden Zweige, zu dem Atem der Tiere, dorthin, wo der Wind durch die Kronen fährt und Bäume fällt, wo Schlangen aus dem Gesträuch schnellen, wo die unerlösten Seelen im Nebel ihre Körper suchen, doch nur kalte Luft finden und den Herzschlag des Jungen, dessen Schnaufen laut und lauter wird, so laut, dass es ihn als Donner rührt an den Ohren. Alles, was er hört, ist hinter ihm, kommt näher.

Warum hat er sich in die Welt hinausgewagt? Um Literatur zu werden? Er wollte aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare, denke ich mir. Als er in den Wald ging, ging er zu sich selbst. Er hätte auch nur die Augen schließen müssen. Der Wald bedeutet nicht erst seit Shakespeare die Verwandlung. Der Junge wollte sich verwandeln, wie sein Körper sich verwandelte und ihm fremd wurde: ein Tier, das aus ihm wuchs, die Haare auf dem Kinn, im Hals das Fauchen des Kehlkopfs, unter der Stirn das Nachdunkeln der Pupillen, und überall die Haut, die zu eng wurde und sich zum Zerreißen straffte.

Der Wolf, den der Junge sah, er kam aus ihm. Und er erschrak, als er in ihm sich selbst entdeckte. Und so schrie er: „Ein Wolf verfolgt mich!“ Und brachte damit den Wolf zu den anderen, in das geschützte Dorf. Was blieb nach dem Schrecken? Die Angst blieb. Die Angst eines Jungen, der sie sich nicht eingestehen darf. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Wenn er aber kommt? Dann laufen wir davon. Irgendwann gibt es jedoch kein Davonlaufen mehr, wenn die Schatten von Jahr zu Jahr schneller und weiter sich vor die Füße und den eigenen Weg werfen.

War der Junge wirklich ein Lügner, wie Nabokov unterstellt? Ein erster Schauspieler? Schauspieler müssen ja die Lüge verteidigen. Warum glauben wir dem Autor mehr als dem Jungen? Warum ist nur real, was wir erlegen und ausgestopft an die Wand nageln können, sei es ein Wolf oder ein Schmetterling?

Hat nicht jeder von uns als Kind Dinge gesehen, die seine Furcht malten, Tiere gehört, die vor dem Fenster lauerten, Räuber gemutmaßt, die unter dem Bett darauf warteten, dass wir einschliefen? Haben nicht Gespenster ihre Gesichter gegen die Scheiben gepresst, und zwängte sich nicht der Wind durchs Schlüsselloch und strich über die vom Träumen heiße Stirn? Lauerte nicht überall der Schrecken? Im Schrank? Unter dem Teppich? Im vorbeifahrenden Auto? Im Läuten des Telefons?

Meine Großmutter kannte alle Balladen auswendig

Wann begann meine eigene Literatur ? Als ich ein kleiner Junge war, als die Literatur noch Kind war, war ich oft bei meiner Großmutter auf der anderen Seite des Sees. Dort durfte ich immer länger aufbleiben, Western schauen, Fußball im Wohnzimmer spielen, die Vasen aus den Regalen schießen, die Tanten beim Rommé beschummeln, und das Eisfach war voll gestopft mit Cornettos. Großmutter, das war das Schlaraffenland. Doch am liebsten war mir, wenn sie mir statt vorzulesen, während ich die dicke, violette Daunendecke bis zum Kinn hoch schob, Balladen rezitierte, wie es sonst nur Kinski konnte.

Meine Großmutter kannte alle Balladen auswendig, und setze sie sich zu mir ans Bett, fing sie fast an zu singen. Ich bekam Gänsehaut, fieberte mit jeder Zeile, jedem Vers mit, durchlebte alle Abenteuer und spielte sie in meiner Fantasie nach, so wie ich die Siege meiner Bayern nach der Sportschau nachspielte und dabei Sepp Maier oder Uli Hoeness war.

Meine Großmutter stammte aus Schlesien, sie kam vor dem Krieg nach Bayern, was für sie eine Art Kulturschock bedeutete, denn sie betonte immer, Schlesien sei das Land der 101 Dichter. Das war das erste Mal, dass ich dieses Wort überhaupt hörte: Dichter. Und ich dachte, Dichter seien wie Revolverhelden: Sie ziehen wie Lucky Luke schneller als ihr Schatten. Wenn sie nicht gerade wie Robert Mitchum schwankten, weil der Boden sich unter ihren Versfüßen bewegte und selbständig machte. So wollte ich auch Dichter werden.

Von was singt er, dieser Träumer?

Eine ihrer Balladen musste mir meine Großmutter immer wieder rezitieren, sie ließ mich nicht los, ließ mein kleines Herz heftig beben: Es war Ludwig Uhlands „Des Sängers Fluch“. „Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt ist Wuth,/ und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt, ist Blut.“ Der mit Blut schreibende, finstere König, der sich von dem Jüngling mit der Harfe und den holden Stimmen nicht rühren lässt, dessen Herz sich zu einem Stein zusammenpresst, mit dem er den Jüngling schon im ersten Augenblick am liebsten erschlagen hätte.

Von was singt er, dieser Träumer? Er singt von Lenz und Liebe, von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit, „von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt/und was ein Menschenherz erhebt“. Noch mehr als die Angst vor dem wölfischen König bannt die Menschen die Stimme des Sängers und seines Vaters, die Sonne, die aufgeht in ihrem Lied und in einem Land, in dem die Sehnsucht nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt, die Seele nicht eingemauert wird.

Das Lied nimmt das Leid. Es verdreht die Buchstaben und somit das Leben in die Möglichkeitsform des Glücks, ein Durchstrahlen, das schneller ist als der Verstand, der Vorsicht gebiert. Die Kunst öffnet den Menschen wie eine aufgehende Tür den Gefangenen ins Freie. Solang der Gesang anhält, singt die Welt. Als er endet, endet sie, und der König kehrt zurück als die einzige Wirklichkeit: „Ihr habt mein Volk verführet, verlockt ihr nun mein Weib?“ Er wirft dem Jüngling das Schwert in die Brust. Der Sänger ist tot, es lebe der König! Ein deutsches Lied.

Jedes Mal, wenn der Sänger starb, spürte ich ein Stechen in der Brust, und der hohe Baum vor dem Fenster lachte mit dem Wind in seiner Krone das Lachen des Königs. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Aber ich wusste: Obwohl die Ballade für den Jüngling schlecht endet, geht sie dem König an den Kragen. Es gibt etwas, das in der Ohnmacht stärker ist als die Macht und das die Niederlage in einen Sieg verwandelt. Des Sängers Vater verflucht den König, „Dein Name sei vergessen, in ew’ge Nacht getaucht,/sei wie ein letztes Röcheln, in leere Luft verhaucht!“ Ein Wort, ein Satz, ein Vers können ein Königreich zu einer Ödnis werden lassen: „Kein Baum verstreut Schatten, kein Quell durchdringt den Sand. (...) Versunken und Vergessen“. Wie aus der Apokalypse des Heiner Müller.

Literatur ist etwas, das man mit diesem Leben bezahlen muss

Der Dichter ist unsterblich, lernte ich damals. Selbst wenn er elendig verreckt. Da ist etwas, das ist stärker als er, unverwüstlicher, unbrechbarer als sein Körper: Das ist seine Sprache, sein Lied, das von Mund zu Mund, von Lippen zu Lippen weiterlebt.

Naturgemäß ist das idealisiert, der Fiebertraum aller Ohnmächtigen, aber für den jungen Menschen ist Idealisierung der Treibstoff des Lebens. Aber ich wusste auch: Literatur ist etwas, das man mit diesem Leben bezahlen muss. Die existenzialistische Ganz-in-Schwarz-mit-Gitanes-Phase war später die erste Konsequenz dieser Erkenntnis. Zum Glück haben Schriftsteller mindestens sieben Leben, die für die Katz sind. Mir war trotz allem wie dem Jungen aus dem Neandertal schon als Kind klar: Dort wo die Literatur sich verbirgt, da lauert auch der Tod. Bis ich ihm selbst begegnete.

Als meine andere Großmutter starb, war zum ersten Mal der Tod nicht nur ein Wort fern der eigenen Wahrnehmung. Bei ihr begann ich all die Morgen mit einer Kissenschlacht, und mit ihr teilte ich alle Indianergeheimnisse.

Sie stammelte, war nicht zu verstehen

Viele Jahre später starb die Balladengroßmutter. Ich hielt sie für unsterblich. Eigentlich war sie Zeit ihres Lebens von Krankheit verfolgt, aber sie wurde nicht im Herzen krank darüber, war nie verbittert, lebte und liebte jeden Augenblick. Schon als Kind spielte ich mit ihren Hunderten bunten Tabletten, die in meinen Händchen wie Smarties aussahen. Nichts wünschte meine Großmutter sich so sehnlichst, als mein Abitur noch zu erleben, vor allem die Abiturfeier, bei der sie sich mit durchgedrücktem Rücken und neuem Kleid in der erste Reihe sah.

Doch ihre Krankheiten häuften sich, verschlimmerten sich, sie brach öfter zusammen. Es lief stets gleich ab: Der Arzt rief an, ich solle sofort kommen, ihr Zustand sei sehr kritisch. Und jedes Mal, wenn ich dann zu ihr eilte und zitternd an der Tür läutete, das Schlimmste erwartend, öffnete sie mir, perfekt gekleidet, ein Lächeln in den Augen, für mich. Selbst als sie einen Schlaganfall hatte und keiner mehr an ihre Genesung glauben wollte und konnte, weil ihr Sprachzentrum zerstört schien, sie stammelte, war nicht zu verstehen.

Ihre Augen irrlichterten in einem unschuldigen Leuchten, sie erkannte niemanden. Mich erkannte sie, als ich ihre Hand berührte und festhielt. Die Worte kamen zurück, sie rang um jedes einzelne, jedes war ihr kostbar auf der Zunge. Und auch die Verse kamen zurück, fest gemauert in der Erden.

Wir philosophierten über Nietzsche

Da wurde mir bewusst, was Sprache heißt. Dass sie notwendig ist wie die Luft zum Atmen, dass man sie wie sein Leben hüten und verteidigen muss. Meine Großmutter lebte, als ich das Abitur bestand. Und es waren nur noch wenige Wochen bis zur ersehnten Feier. Eines Abends war ich mit unserer Band bei einem meiner besten Freunde, wir schauten uns einen unglaublich lächerlichen Film an: „Wo bitte geht’s nach Hollywood?“ Wir tranken Bier, stopften uns mit Paprikachips voll, philosophierten über Nietzsche.

Alle rauchten und kamen sich kaltblütig vor, aber ich litt den ganzen Abend unter einer Beklemmung, einem unerklärlichen Schuldgefühl, hatte Angstschübe und wusste nicht, warum. Dann läutete das Telefon. Meine Großmutter sei tot, sagte mein Freund, der abgenommen hatte. Ich war im selben Dorf, ich war in fünf Minuten an ihrer Tür, und ich erwartete, ja, ich war mir ganz sicher, dass sie selbst mir öffnete, in ihrem schönsten Kostüm, mit ihrem unvergleichlichen Augenlächeln. Aber statt ihrer öffnete der Arzt mir. Ich sah sie auf dem Bett liegen, berührte sie, hielt ihre Hand. Von diesem Moment an war der Tod in meine Wirklichkeit eingetreten und nicht mehr wegzudenken.

Alles, was ich für sicher hielt, schwankte

Alles, was bis dahin für mich als unsterblich galt, war jetzt sterblich. Alles, was ich für sicher hielt, schwankte. Ich war noch Wochen unter Schock: Alles flog an mir vorbei. Zwischen mir und der Welt war eine Scheibe, und auf dieser Scheibe verwischte ein Film. Die Beerdigung, die Reden, ich sah mich, als würde ich über mich in der dritten Person sprechen, erinnere nur noch: Die Sonne schien, und alle trugen schwarz.

Bis dahin war der Tod für mich jemand, den ich aus dem allerersten Theaterstück kannte, das ich je gesehen hatte, dem „Brandner Kasper“, der bayrischen Sisyphosvariante. Der Tod war einer, den man in Bayern mit Schnaps überlisten konnte. Der Liebe Gott sah aus wie Gustl Bayerhammer, und im Himmel achteten sie nur darauf, dass die Weißwürste das Zwölfeläuten nicht hörten. Trotz allem, was ich bislang gelesen hatte, wie reflektiert ich war oder mich glaubte: Dieses naive Seelenbayern war eingebrannt, der Herrgott eingeschnitzt im Herzwinkel und mit ihm das Welt- und Gottvertrauen wider besseres Wissen.

Selbst später, als Oskar Maria Graf und Achternbusch meinen Götterhimmel bevölkerten und begrantelten, als ich, wie Fassbinder, zu große schwarze Lederjacken trug und die Anarchie mir das Aufregendste an Bayern wurde, die Widerspenstigkeit gegen jede Hierarchie, gegen alles Fremdbestimmen, gegen jede selbsternannte Autorität, gegen diese selbstherrlichen Schweinshaxen-Wahlplakate „Wir in Bayern“, wusste ich: Wir sind anders in Bayern. Auch wenn die, die uns repräsentieren, uns schlimmer erfinden, als sich jemand am Niederrhein das ausdenken könnte.

Bayern ist der größte Theaterraum der Welt

Mein Bayernbild , ebenso wie mein Kirchenbild, war von einem unzerstörbaren Glauben an diesen Erzählraum Bayern geprägt. Nein, besser: Bayern ist der größte Theaterraum der Welt. Ich weiß, viele wollen Bayern überdachen, aber, seien Sie gewarnt: Wir machen auch unter Dächern Freilufttheater. Denken Sie nur an Achternbuschs geniales Stück „Gust“, in dem von der ersten bis zur letzten Sekunde gestorben wird.

Da ist er wieder, der Tod. Weil er die andere Hälfte ist? Weil er ein Spiegel ist? Weil Bayern eben Barock ist? Nein, der Tod ist hier zwar sichtbarer als andernorts, in den Kirchen, in den Kruzifixen, auf den Totenkopfdesignershirts. Aber, was hat das mit mir zu tun? Woher kommt meine Nähe zu ihm? Als ich für meinen Gedichtband „Für den Anfang der Nacht“ alles noch mal lesen musste, was ich bis dahin an Lyrik geschrieben hatte, erschrak ich, mir schauderte sogar ein wenig.

So viel Tod, Schwärze, Wut, Rebellion, so viel Muskelvortäuschung, so viel Coolness mit brennendem Herzen. Wer war dieser Mensch, fragte ich mich, der so schrieb? Wer war der junge Mann, von dem ich ihnen vorher erzählte? War das ich? Weil es autobiografisch klang? Oder war alles eine, wie es die Franzosen so schön in die Unschärfe bringen: Autofiktion? Eine, um es psychoanalytisch zu sagen, Selbstverkennung? Weil eine Selbsterkennung tödlich wäre?

Der Schmerz ist kein Schmerzpunkt mehr

Wäre das auszuhalten, zu erfahren und dann zu sagen, wie wir wirklich sind, wie unser Leben, und was wir erzählen, angeblich oder augenscheinlich wirklich war? Ich habe es versucht. Aber es war schlimmer, denn es hört nicht am Ende des letzten Satzes auf. Ich habe mich zuallererst an den Schmerz erinnert. Aber der Schmerz ist kein Schmerzpunkt mehr, wenn man ihn lokalisieren will. Der Schmerz strahlt aus. Er ist der größte Pointillist, er narrt einen wie die Erinnerung. Man muss ihn täuschen, ablenken, verführen, überwinden, vergessen machen durch Fantasie, ihn eingrenzen, ihn in seine Grenzen weisen und sie dann doch überschreiten.

Was passiert, wenn wir über uns schreiben? Heine schreibt in seinen Memoiren: „Die Hülle fällt ab von der Seele, und du kannst sie betrachten in ihrer schönen Nacktheit. Da sind keine Flecken, nur Wunden. Ach! und nur Wunden, welche die Hand der Freunde, nicht die Feinde geschlagen hat.“ Autobiografie, wenn man sie so liest, ist ein Wundbrand. Von Brecht wissen wir, dass die Narbe weiter schmerzt, wenn die Wunde sich schließt. Der Körper hat ein Elefantengedächtnis, aber das Vergessen eine Elefantenhaut.

Wenn wir zu dem vordringen wollen, was wir sind oder zu sein glauben, stehen wir vor einem Spiegel, so wie bei Büchner Danton vor Julie steht: „Wir wissen wenig voneinander“, gesteht er ihr. „Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab, ? wir sind sehr einsam.“ Auch Bücher vertreiben diese Einsamkeit nicht.

Es gibt keine Befreiung von der Erfahrung

Oder wie es Augustinus sagt: „Wenn wir Vergangenes wahrheitsgemäß erzählen, holen wir aus der Erinnerung nicht die Dinge selbst hervor, die vergangen sind, sondern nur Worte, die Bilder wiedergeben, die jene Dinge im Vorübergehen durch die Sinne dem Geiste wie Spuren eingeprägt haben. So liegt meine Jugend, die nicht mehr ist, in der Vergangenheit, die gleichfalls nicht mehr ist. Ihr Bild jedoch, wenn ich ihrer gedenke und von ihr erzähle, schaue ich in die Gegenwart, da es noch jetzt in meinem Gedächtnis ist.“

Es gibt keine Befreiung von der Erfahrung, dem Erfahrenen, dem Widerfahrenen. Es kann Teil einer Geschichte werden, aber es bleibt für immer Teil der eigenen Geschichte. Das Schreiben schlägt Brücken über ihre Brüche. Aber, so sehr man es auch hofft: Man kann mit einem Buch nichts begraben. Selbst wenn das Grab eine Sehnsucht sein mag wie für Büchners Danton: „Die Leute sagen, im Grab sei Ruhe, und Grab und Ruhe seien eins. Wenn das ist, lieg ich in deinem Schoss schon unter der Erde. Du süßes Grab, deine Lippen sind Totenglocken, deine Stimme ist mein Grabgeläute, deine Brust mein Grabhügel und dein Herz mein Sarg.“

Es mag affektiert klingen: Diese Zeilen haben mein Leben verändert. Ich hatte als Kind, als Schüler nie gelesen, nur Musik gemacht. Bücher haben mich vor Büchner nie interessiert. Und dann kam in der zehnten Klasse eine Deutschlehrerin, Schwester Ilsetraud, eine ehemalige Nonne, und las mit uns „Dantons Tod“. Und alles, was bislang als unbestimmtes Sehnen in mir war, fand einen Ort, ein Ziel.

Lesen ist eine Selbstschärfung

Meine Wahrnehmung veränderte sich, meine Sprache veränderte sich, ich veränderte mich. Mir gingen die Augen auf, das Herz, die Seele, die Faust. Ich war berauscht, bedroht, berührt. Ich lernte, dass Literatur Leben ist und Leben Literatur. Und dass man beides lesen lernen muss, und dass Lesen Arbeit ist. Arbeit an sich selbst und der Literatur. Lesen ist eine Selbstschärfung, eine mentale Selbstschussanlage, man trifft sich selbst und wird von sich getroffen.

Auch im Theater musste ich erst lesen lernen. Ich habe es von Andrea Breth gelernt. Ja, das Leben ist Theater und macht uns Szenen. Wenn ich ein Theater betrete, verwandle ich mich, ich komme nachhause und bin zugleich in einem Roadmovie. All die Gänge, Katakomben, Hinterbühnen, Labyrinthe, Kantinen. Das Theater ist für mich das Gelobte Land, bis nach der Premiere die ersten Kritiken erscheinen. Das eigentliche Theater findet ohne Publikum statt, es tut mir leid, das zu sagen.

Aber wer noch nie Andrea Breth bei der Proben-Kritik erlebt hat, der hat noch nie das erlebt, was für mich zum Faszinierendsten gehört, was ich je am Theater und durch das Theater erfahren habe. Es sind jene Momente, die einen für all das entschädigen, was man sonst dort mitunter an Wahnsinn, Verschwörungstheorien, Gruppenkoller und Hospitalismus, überhaupt an Psychodramen mitmachen muss.

Die Rede geht, sie springt, überschlägt sich

Auf dem Theater darf einem nichts fremd sein. Und natürlich ist alles Verfremdung, denn nur wenn wir uns als fremd erfahren, verändern wir das Vertraute. Wie dichtet Heiner Müller: „Soll ich von mir reden Ich wer/von wem ist die Rede wenn/ von mir die Rede geht Ich wer ist das.“ Die Rede geht, sie springt, überschlägt sich, stammelt, schluchzt, brüllt, schmeichelt, spricht aus. Als ich zuerst ans Theater kam, dachte ich, ich hätte Freunde fürs Leben gefunden. Habe ich auch. Aber viele Theaterfreunde sind meistens nur Lebensabschnittsfreunde, und das Leben ist die Probe und die Probe das Leben. Am Theater darf sich jeder erfinden, solange er etwas findet.

Das Theater verwandelt das Leben in Spiel, deshalb erfährt man sich dort ganz als Mensch, der ja mit Schiller nur dann ganz Mensch ist, wenn er spielt.

„Alles auf der Welt spielt“, schreibt Nabokov, „das Blut in den Adern der Verliebten, die Sonne auf dem Wasser, der Musiker auf der Geige. Alles Gute im Leben ist Spiel: Liebe, Natur, Kunst, vertraute Wortspiele“. Aber da hatte Nabokov gar nicht das Theater oder die Literatur, sondern das Boxen gemeint. Nabokov, der übrigens von sich meinte, er gebe „einen launenhaften, aber ziemlich spektakulären Torwart“. Keine Angst, ich rede jetzt nicht von Fußball oder von Torhütern, Camus war übrigens auch einer, denn dann wären wir noch Stunden hier. Ich möchte vielmehr über Boxen reden. Das Boxen und das Lesen, das mir so existenziell ist.

Lesen ist die Vorbedingung des Schreibens

Ich war immer davon begeistert, dass man beim Boxen seinen Gegner liest. Und ich habe das gnadenlos als Metapher in Gedichten, Stücken gebraucht und gerade so, als wüsste ich, wovon ich spreche, als wäre meine Nase deshalb schief. Jetzt, ich lasse keine Dichterklischee aus, jetzt, wo ich selbst angefangen habe zu boxen, weiß ich, dass, bevor man den Gegner lesen kann, erst einmal seilhüpfen muss. Nicht nur das, man muss sich dehnen, sich mit Medizinbällen und Gewichten quälen, auf Brettern balancieren, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.

Es geht um Schnell- und Schlagkraft. Es geht darum, dass alles automatisiert sein muss, der Körper wie von alleine funktioniert, sich dreht, die Fäuste fliegen. Erst dann kann man anfangen, den anderen zu lesen. Vorher ist man damit beschäftigt, nicht schon nach einer Minute zusammenzubrechen und die Deckung zu verlieren, weil alles schmerzt und einem die Niagarafälle aus der Stirn schießen, und man mit dem eigenen Schweiß auf den Boden fällt und angezählt wird von Selbstvorwürfen. Aber, ganz ehrlich, es tut auch mal gut, als Autor nicht nur eins aufs Glaskinn oder unter die Gürtelzeile zu bekommen, sondern zurückschlagen zu dürfen, rein sportlich natürlich.

Autobiografie ist Gewissensprüfung

Was ich damit sagen will: Lesen ist für mich die Vorbedingung des Schreibens. Lesen ist ein Teil meines Körpers und seines Gedächtnisses. Was ich lese, wird Teil meiner Biografie. Lesen heißt auch Respekt zeigen. Und nicht zuletzt: Lesen hat mich ans Theater gebracht.

Die besagte Deutschlehrerin gab mir, quasi klandestin unter der Klosterschulbank, Ernst Tollers „Eine Jugend in Deutschland“ zum Inhalieren. Ein Buch, das ich zur Pflichtlektüre an Schulen machen würde. Dann würde, so ganz nebenbei, jeder endlich wissen, warum Bayern ein Freistaat ist. „Eine Jugend in Deutschland“ ist eine radikale Selbstsezierung am offenen Leib, es ist eine politische Biografie, aber das Politischste daran ist die schonungslose Selbstkritik.

Autobiografie ist Gewissensprüfung. Sie sucht Absolution, Erlösung. Autobiografie ist Kannibalismus, weil sie nach Menschen mit Fleisch hungert. Autobiografie ist Selbstverstümmelung, Häutung. Oder auch von allem das Gegenteil. Autoren verletzten permanent und notorisch ihre eigenen Persönlichkeitsrechte. Glauben wir statt an uns selbst an Lacan, konstruieren wir uns entlang einer „Linie der Fiktion“. Wir täuschen uns bewusst selbst, weil alles andere unseren Narzissmus kränken würde.

Narziss war ein armer Junge!

Aber Narziss war ein armer Junge! Er ist an seinem Spiegelbild verhungert, verdurstet an seinem Durst, sich selbst zu lieben. Narziss hätte sich nie selbst als hässlich wahrnehmen können. Vielleicht hätte er dann auf sein Spiegelbild spucken und sich mit einem Schlag ins Wasser befreien können. Oder er wäre einfach in sich hineingesprungen, abgetaucht, bis er keine Luft mehr bekommen hätte, hochgeschossen wäre in die Selbsterkenntnis.

Denn natürlich will, wer über sich schreibt, sich von sich befreien. Um diese Freiheit geht es ja beim Schreiben, dass man Ich schreibt, um nicht mehr ich sein zu müssen. Das gelingt aber nur beim Schreiben, beim Schreibakt selbst. Schreiben heißt, sich davon zu befreien, dass immer die anderen sagen, was und wer „Ich“ oder „man“ ist. Oder um es mit Kinski als Fitzcarraldo zu sagen: „Ich bin in der Überzahl!“

Doch an all das habe ich nicht gedacht, als ich Toller las. Er war für mich ein Mensch, der sich für seine Liebe zum Menschen verausgabte, sich an ihr und für sie verbrannte. „Denn Menschsein ist ein Luxus, dem man bezahlen muss“, schrieb ich über ihn. Toller war einer, der gegen jede Ideologie kämpfte, der selbst sein Schreiben dem Drang opferte, unmittelbar für eine würdigere Welt zu wirken.

Der legendäre Fragebogen von Willy Haas

Er hat Zeilen geschrieben, die hätten nie Brechts Schreibtisch verlassen, und wären die Mörder und Nazischergen vor der Tür gestanden. Toller schrieb mit seinem Leben, sein Leben war seine Literatur. Und das spürt man in seinem besten Buch, seiner Autobiografie. Er hätte nicht für die Literatur sein Leben geändert, das dem Kampf gegen die Faschisten, gegen die Ideologen und Menschenentwürdiger gewidmet war.

In einer Umfrage der „Literarischen Welt“ über das Schreiben antwortete er auf einen dieser legendären Fragenbogen von Willy Haas: „Ob ich Lust habe, fertige Bücher noch einmal zu schreiben? Man könnte mich ebenso gut fragen, ob ich ein Stück gelebtes Leben noch einmal von vorne beginnen würde.“

Er stand zu jeder Zeile, selbst als er am Abgrund stand und sein letzter Doppelpunkt die Schleife war, in der er sich erhängte. Viele erinnern ihn nur als einen Pathetiker, den O-Mensch-Prediger. Aber er traute sich etwas, das all die Pathosvermeider sich nie trauen würden. Seine Bücher sind ohne Schutzumschlag geschrieben. Man muss ihn wiederentdecken. Wiederdrucken.

Manchmal muss man quer über die Gleise gehen

Allein, was er 1929 in der „Literarischen Welt“ über neue Dramatik schrieb: „Die jungen Dramatiker glaubten, die Idee habe im Kunstwerk überhaupt nichts zu suchen. Sie wollten ,das Leben’ gestalten, nichts als das ,reine Leben’. Sie übersahen, dass auch Ideenkämpfe Elemente des Lebens sind. ,Das Leben’ war für sie hemmungsloses Miteinander und Gegeneinander sexueller Triebe. Das chaotisch Sexuale wurde zum Mittelpunkt neuer Dramatik. Die Sprache wurde wieder naturalistisch, aber vom alten Naturalismus unterschied sie ein dynamisches Moment, das ihr einen eigentümlichen Rhythmus gab.“ 1929!

Ich wollte, bevor ich das Stück über ihn verfasste, immer eine Biografie Tollers schreiben. Den zweiten Teil, den er nie vollenden konnte. Aber ich hätte dafür die Ichform verwenden müssen, weil ich nur so das hätte finden können, was ich sonst nirgends finden konnte. Natürlich wäre es eine Anmaßung und auch ein Mutmaßung gewesen. Aber manchmal muss man quer über die Gleise gehen, um ans Ziel zu kommen.

„Reine Autobiografien“, schreibt Friedrich Schlegel, „werden geschrieben: entweder von Nervenkranken, die immer an ihr Ich gebannt sind (...); oder von einer derben künstlerischen oder abenteuerlichen Eigenliebe (...); oder von Frauen, die auch mit der Nachwelt kokettieren; oder von sorglichen Gemütern, die vor ihrem Tode noch das kleinste Stäubchen in Ordnung bringen möchten.“

Habe ich eine Autobiografie geschrieben?

Man kann, möchte ich ihm antworten, ein Leben nicht ins Reine schreiben, es bleibt offen wie seine Fragen, die beantworteten und die ungestellten.

Habe ich eine Autobiografie geschrieben? Ich habe einen Roman geschrieben. Ich wollte nichts so sehr wie einen Roman schreiben. Als könnte mein Leben ein Roman sein. Ich habe immer dafür gelebt zu schreiben. Ohne schreiben hätte ich kaum leben können, überleben können, so pathetisch und angreifbar das jetzt wieder tönen mag.

Dass Sie mir heute diesen wundervollen Preis verleihen, der so welthaltig ist, ist in diesem Sinne die schönste Ermutigung, auch wenn mir in der Reihe der Preisträger etwas schwindelt. Aber ich verstehe es gerne als Ansporn.

Bevor ich zum Schluss komme, liegen mir noch zwei Dinge am Herzen. Zum einen möchte ich meiner Frau Katrin, meinen Eltern meinen Freunden und meinem Lektor Raimund Fellinger danken. Ich wäre nichts ohne sie, ohne ihre Liebe, ohne ihre Kritik. Mit einem, der über sein Leben schreibt, lebt es sich mitunter alles andere als einfach. Immer dann, als ich alles nicht mehr und nicht wieder glauben konnte und wollte, haben sie an mich geglaubt. Das war unglaublich, und dafür möchte ich Euch nochmals Danke sagen!

Alles um diesen Preis ist mit Liebe und Aufmerksamkeit gestaltet

Zum anderen möchte ich Rachel Salamander und Tilman Krause, stellvertretend für "Die Welt", danken. Alles um diesen Preis ist mit so viel Liebe und Aufmerksamkeit gestaltet, mit einem solchen wohltuenden Interesse, mit so viel Stil begleitet, dass ich noch immer ganz gerührt bin und mich zutiefst freue. Danke!

Ach ja, Sie werden sich sicher noch fragen, was mit dem Jungen aus Nabokovs Neandertal passiert ist. Sie erinnern sich, der mit dem eingebildeten Wolf.

„Den armen Kerl“, schreibt Nabokov, „fraß später ein wirkliches Untier, weil er zu oft log, doch das ist ganz unerheblich.“ Ich glaube das nicht, sondern ich denke: Das ist nur wieder einer seiner alten Zaubertricks. Er wurde gefressen, der Junge, das kann ja sein. Wahrscheinlich sogar schon beim allerersten Mal, als er in den Wald ging. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ihn Nabokov, als er seine Faust langsam öffnete, wiedergeboren hat, und zwar als Schmetterling. Und so flattert er dort durch das offene Fenster vor seinem Schreibtisch aus der Schwärze hinaus der Sonne zu, so scheint es mir.