Gegenstandskunst

Am Berliner Hauptbahnhof blühen zarte Blumen

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Frédéric Schwilden

Foto: Foto: Bernd Zöllner / Bernd Zöllner/www.dinter-pr.de

Fast wie ein Blumenmädchen inszeniert die Künstlerin Amely Spötzl – auch in der Hauptstadt. An zwei Tagen stellt sie Spender mit frischen Blüten auf, an sechzehn Orten im Berliner Hauptbahnhof. Der Titel ihrer sogenannten Intervention: "Just A Moment".

Wenn einem das die Künstlerin so sagt, dann darf man das auch so schreiben: „Schwabenländle“. Genau da ist Amely Spötzl, Mitte der 70er Jahre geboren, zwischen Hund, Katze, Wald und Wiesen, Einfamilienhaus mit Garten. Mittlerweile lebt die gelernte Bildhauerin in Bonn. Mit ihrer organischen Gegenstandskunst schaut sie durch Brillen aus Weidenkätzchen, sticht sich die Hände an Brombeeren blutig. Am Freitag eröffnet ihre Ausstellung Phytomagnetik in der Galerie E 105. An zwei Tagen zuvor ist der Berliner Hauptbahnhof ihr Labor; mit der Intervention „Just A Moment“.

Die Pop-Art machte künstlich, was einst natürlich war. Das gipfelte dann in Warhols zweitbekanntester Aussage „I want to be plastic“. Bunt, grell, alles andere als ruhig. Die grässlich hässlichen Kunststoff-Lehnen, die noch in so vielen Bars heute herumstehen und als retro-schick gelten, sind die Überbleibsel dieser Zeit. Mit der neuen Volkspartei, den Grünen, sitzen wir wieder gern an Buchentischen. Spötzl, die beim Sprechen so ruhig verhuschte Pausen macht, als ob sie gerade zum Mittelpunkt der Welt vordringt, nur indem sie Weidenkätzchen erntet, ist fasziniert von der Natur. Das ist keine Esoterik, kein Wunderheilen, einfach Faszination von „Formen, Raum und Zeit.“ Im Frühling sammelt sie die flauschigen, männlichen Blütenstände, aus denen die Künstlerin Brillen, Taufbecken, Zuckerdöschen arrangiert. Der Spiegel wird ad absurdum geführt, wenn die Oberfläche nur aus Pflanzen ist. Dem weißen Schmuse-Kitsch stellt sie geometrische Figuren aus Brombeerranken entgegen: Kugeln geformt aus hunderten Metern dornigen Gestrüpps, aufgezogen auf Draht. Hart, kantig, gefährlich. Am Ende kann sie sich nur noch vorstellen, wie weich die Welt sein kann, so verhornt sind ihre Finger.

Beim Studium der Bildhauerei wurden ihre Erwartungen gedämpft. Ein Professor sagte ihr: „Materialien haben wir längst hinter uns“, es ginge nur noch um Geräusch und Video.

Bilder zärtlichen Innehaltens

In ihrer Intervention „Just A Moment“ stellt die Künstlerin am Mittwoch und Donnerstag Spender mit frischen Blüten auf, an sechzehn Orten im Hauptbahnhof. Auf der ganzen Welt verteilt standen diese Spender schon. In Taipei auf einer Treppe, in Los Angeles vor eine Dusche am Strand, in Brüssel neben einer Schlange Hungriger an einer Frittenbude. An einem Bahnsteig leuchten dutzend Gerbera. Dabei entstehen Bilder zärtlichen Innehaltens, die so kitschig sind, dass man sie einfach nur schön finden kann.

Die Ausstellung Phytomagnetik, ein Kunstwort aus Blumen und Anziehungskraft, zeigt auf 200 Quadratmetern das gesammelte Werk einer Künstlerin, der man mit Blumenmädchen unrecht täte. Zu fein und ausgeklügelt sind die Objekte und Bilder. Natürlich ist das schon, aber zugleich stylisch wie ein iPod.

Galerie E 105, Heidestraße 50. Di-Sa 14-18 Uhr. 4. Nov. bis 17. Dezember 2011.