Griechischer Stier

Der Mythos Europa braucht einen neuen Plot

Grieche entführt phönizische Prinzessin und entjungfert sie: Damit kann man im Europa der Gegenwart nicht mehr punkten. Ein Gegenvorschlag.

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Der Ruf nach einer literarischen Lösung der Eurokrise wird lauter. Ein "Narrativ" müsse jetzt her, das Europa zusammenhalte, so heißt es in Talkshows und Leitartikeln. Zuletzt war es Peer Steinbrück, der sagte, man habe es versäumt, den Leuten eine neue Erzählung über Europa zu liefern. Die alte war bekanntlich eine Sage. Sie handelte von einer Jungfrau namens Europa, die von einem als Stier verkleideten Griechen verschleppt und entjungfert wird. Man kann diese Erzählung unterschiedlich interpretieren, aber sie gefällt in Europa niemandem mehr, außer den Griechen.

Leider ist überhaupt nicht klar, wie die neue Erzählung über Europa aussehen könnte. Angesichts der sich stetig verschärfenden Krise ist sogar umstritten, ob eine Erzählung ausreicht oder ob man sie nicht lieber zum Roman ausweiten sollte. Und mit jedem Tag, der vergeht, schwindet die Hoffnung auf den großen Wurf. Dabei ist es nicht zu spät. Die erzählerische Lösung wäre noch machbar, man müsste sich bloß auf die moderne Erzähltheorie besinnen.

Der Begründer der Erzähltheorie war ein Russe, er hieß Vladimir Propp. In seiner „Morphologie des Märchens“ hat er nachgewiesen, dass man alle Erzählungen auf 31 beliebig kombinierbare „Erzählfunktionen“ reduzieren kann. Damit hat Propp eine Art Baukasten geschaffen, in dem sich die Politik frei bedienen könnte. Der Aufwand ist überschaubar.

Die „Morphologie des Märchens“ stammt aus den 1920ern und bezieht sich auf das russische Zaubermärchen. Doch die Methodik ist allgemeingültig und lässt sich auch auf die Eurokrise übertragen – so bei den Erzählfunktionen, die Propp mit den Nummern 2) und 3) versehen hat: „Dem Helden wird ein Verbot erteilt“ und „Das Verbot wird verletzt“.

Als Beispiel für Dinge, die in Erzählungen typischerweise verboten werden, nennt Propp: „Die Äpfel abpflücken“, „die goldene Feder aufheben“ und „die Schwester küssen“. Ebenso gut hätte er schreiben können: „Die im Europäischen Stabilitäts- und Währungspakt definierten Defizitgrenzen überschreiten“.

"Der Held gelangt in den Besitz des Zaubermittels“

Ähnlich sieht es bei Propps vierter Erzählfunktion aus: „Der Gegenspieler versucht, Erkundigungen einzuziehen.“ Propp beschreibt den Gegenspieler als jemand, der gewöhnlich die Aufgabe habe, „die friedliche Atmosphäre der glücklichen Familie zu stören und ihr irgendeinen Schaden zuzufügen“. Als mögliche Gegenspieler benennt er den Drachen, den Teufel, die Hexe und die Stiefmutter. Aber auch die „globalen Finanzmärkte, die das friedliche Gefüge der europäischen Familie stören“, wären hier nicht fehl am Platz gewesen.

Eine entscheidende Wendung nimmt die Erzählung mit Propps vierzehnter Erzählfunktion: „Der Held gelangt in den Besitz des Zaubermittels“, wobei die verschiedensten Dinge als Zaubermittel dienen können, ein Knüppel, ein goldener Apfel oder ein milliardenschwerer Stabilisierungsmechanismus.

Das Zaubermittel ebnet den Weg zum Happy End – das Problem wird gelöst, der Feind bestraft, und der Held heiratet die Zarentochter. Propp schreibt dazu: „Manchmal bekommt der Held statt der Zarentochter eine geldliche Belohnung oder eine Entschädigung in anderer Form.“ Hier wäre das verschuldete Europa gut beraten, auf die Zarentochter zu verzichten und das Geld zu nehmen. Die globalen Finanzmärkte wiederum könnten vertrieben, erschossen oder an den Schweif eines Pferdes gebunden werden. Sie könnten aber auch – und das wäre vielleicht das schönste Ende – „bei dem Versuch, das Meer auszutrinken, platzen“.