Late Night "Plasberg"

Wallraff lobt Bosbach als Ideal-Politiker

Sein "Nein" zum Euro-Rettungsschirm macht Bosbach für viele zum aufrechtesten Politiker in Deutschland. Sogar Enthüllungsreporter Wallraff preist den Politiker.

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Machen, was man für richtig hält, auch gegen Widerstand. „Immer geradeaus, immer aufrecht stehen“ – so definierte Frank Plasberg Geradlinigkeit, dafür sollten seine Gäste bei „Hart aber fair“ stehen. Und als Zuschauer konnte man sich fragen: „Warum reicht das fürs Fernsehen?“ Es war offenbar der Versuch, den Reformationstag und das Gedenken an Martin Luthers Thesenanschlag mit einem aktuellen Bezug zu verbinden. Was bedeutet für Politiker heute noch Luthers berühmtes Zitat: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders"?

Anscheinend ist Geradlinigkeit heute etwas Besonderes, so die Botschaft der Sendung, zumindest alles andere als die Regel. Doch man kann beunruhigt sein – gerade im Fall der Abgeordneten im Bundestag, die Wolfgang Bosbach (CDU) repräsentierte. Ein Abgeordneter ist „nur seinem Gewissen unterworfen“, so lautet das Grundgesetz im Artikel 38. Auch das könnte man als Aufforderung verstehen, geradlinig zu sein. Nur wird das wohl nicht immer umgesetzt.

Bosbach und der Sympathie-Effekt der Ehrlichkeit

Weil Bosbach kürzlich im Vorfeld der Abstimmung zum Euro-Rettungsschirm seinem Gewissen folgend ein „Nein“ ankündigte , wurde er von Kanzleramtschef Roland Pofalla (CDU) übel angegangen („Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“). Als Bosbach sich auf das Grundgesetz berief, sagte Pofalla wohl, diese „Scheiße“ könne er nicht mehr hören. Auch das war gerade heraus. Und brachte Bosbach so viel Sympathie ein, von der Angela Merkel oder Guido Westerwelle zurzeit nur träumen können.

So zeigte ein Einspieler Menschen auf der Kölner Domplatte, die ein lebensgroßer Bosbach aus Pappe zu ungeteilter Zustimmung brachte: „Der Aufrichtigste, den wir haben“, sagte einer, „der Mann hat Rückgrat“, ein anderer.

Bosbach dagegen ist offenbar sehr skeptisch geworden. Auf die Frage, ob er bei der kommenden Wahl 2013 wieder CDU-Direktkandidat sein werde, sagte er: „Müsste ich mich heute entscheiden, würde ich nicht noch einmal antreten“ sagte er und verwies erneut auf Artikel 38: „Es gibt nur ein Problem, wenn man sich darauf beruft.“ Und meinte damit offenbar den Fraktionszwang, der sich gelegentlich nicht mit dem Gewissen zu decken scheint. Damit, so Bosbach, wolle er „auf Dauer nicht leben“.

Er betonte zwar auch die Aussprache mit Pofalla und die noch immer währende Freundschaft zu Angela Merkel – trotzdem, der Satz blieb hängen.

Käßmann und die Frage nach der Selbstkritik

Neben Wolfgang Bosbach stand Margot Käßmann im Fokus der Sendung. Sie erntete einst heftige Kritik für ihre Aussage, „nichts ist gut in Afghanistan“. Als sie dann mit viel Alkohol im Blut von der Polizei am Steuer erwischt wurde, trat Käßmann zurück – nur vier Monate war sie damals Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewesen. Der Vorfall hätte das Ende ihrer Karriere sein können, sorgte aber vor allem für viel Sympathie und Schulterklopfen.

Nur gegenüber Käßmann nahm Gastgeber Plasberg den Namen seiner Sendung an diesem Abend ernst und hakte (einigermaßen hart) nach: Ob sie denn auch zurückgetreten wäre, wenn die Öffentlichkeit nicht von dem Vorfall erfahren hätte, wollte Plasberg wissen. Und Käßmann gestand ein, sie habe „erst wirklich nachgedacht, als es öffentlich wurde“. Der Gedanke sei aber schon in der Nacht der Alkoholfahrt da gewesen.

Das Beispiel Käßmann zeigte, wie schwierig fassbar ist, was Geradlinigkeit und Ehrlichkeit heute noch genau bedeuten und unter welchen Bedingungen man sie lebt und leben kann. Wie ist die Alkoholfahrt selbst zu beurteilen? Was wäre gewesen, wenn die Polizei nicht an jener Ampel gestanden hätte, die Käßmann bei Rot überfuhr? Fragen, die nicht gestellt wurden.

Ehrlichkeit muss man sich leisten können

Zitiert wurde aber ein Zuschauer: „Geradlinigkeit muss man sich leisten können.“ Margot Käßmann, sagte dazu, über materielle Sicherheit oder Ähnliches im Zuge ihres Rücktritts „gar nicht nachgedacht zu haben“. Sie sei auch nicht weich gefallen, schließlich habe sie ein Amt aufgegeben, das ihr „sehr am Herzen lag“.

Wolfgang Bosbach gestand für sich dagegen ein, dass Geradlinigkeit leichter falle, wenn die Konsequenzen weniger drastisch sind. Er sei schließlich direkt gewählt, nicht auf einen Listenplatz angewiesen und deshalb weniger von der Partei abhängig. Überhaupt hätten in der Euro-Frage nur Abgeordnete mit „Nein“ gestimmt, die direkt gewählt worden seien. So etwas gibt einem Zuschauer schon zu denken.

Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hob Bosbach daraufhin in den Stand eines Ideal-Politikers: „Wenn es mehr Bosbachs gäbe, würden auch mehr wählen.“ Die Frage nach der Geradlinigkeit bei Wallraff war schnell beantwortet: Als Kämpfer für die Entrechteten galt er ohne Nachfrage als Beispiel fürs Geradeaus. Der Weg seines Schaffens als Reporter weise Linearität auf, somit gewissermaßen auch Geradlinigkeit, schien die Botschaft. Vielleicht versucht er selbst bald einmal, mit Ehrlichkeit auf Stimmenfang bei den Wählern zu gehen?

Bosbach sprach schließlich selbst das fehlende Vertrauen in seine Kaste an: Man traue Politikern „entweder alles oder nichts“ zu, so seine Analyse zur Politikverdrossenheit. Dabei sei Vertrauen das wichtigste Kapital, Basis dafür die Übereinstimmung von Wort und Tat. Er wisse noch genau, was man den Menschen bei der Einführung des Euro versprochen habe, sagte Bosbach: keine Schuldenunion. Deshalb habe er auch nicht zustimmen können.

Sollte das nicht selbstverständlich sein? Dass Bosbach mit einer solchen Äußerung von Geradlinigkeit viel Zustimmung in der Bevölkerung erntet, ist leicht verständlich und ebenso erfreulich. Dass dies nur möglich ist, weil er damit aus der Masse herauszustechen scheint, eher nicht.