100 Jahre Umsturz

China nutzt Revolutionsgedenken für Patriotismus

Am 10. Oktober 1911 fand in China die bürgerliche Revolution statt. Von den chinesischen Funktionären wird der Umsturz allerdings umgedeutet.

Hundert Jahre nach der Xinhai-Revolution, dem Startschuss für die im Januar 1912 ausgerufene kurzlebige Republik China, hat die Kommunistische Partei ihren Anspruch angemeldet, Erbin und Interpretin von Republikgründer Sun Yat-sen zu sein. Sun war der Erste, dem es gelang, mit seiner demokratischen Revolution 2000 Jahre Kaisertum zu beenden.

Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao vereinnahmte den bürgerlichen Revolutionär: "Die Kommunisten waren die entschiedensten Unterstützer der revolutionären Sache Suns, wurden seine engsten Partner und seine loyalsten Nachfolger. Nach seinem Tod (1925) hat die Partei seine unerfüllten Wünsche als Erbe fortgesetzt“, sagte Hu zum Auftakt landesweiter Jubiläumsfeiern aus Anlass der Xinhai-Revolution.

Stillschweigen über Reformen

Mit dem Wort "Xinhai“ wird nach dem chinesischen Kalender das Jahr 1911 bezeichnet, an dessen 10. Oktober bei einem Aufstand in Wuchang der Startschuss fiel, der drei Monate später zur Gründung der Republik China führte.

Hu vermied in seiner Laudatio auf Sun vor 3000 Teilnehmern in der Großen Halle des Volkes allerdings, auf dessen demokratische Vorstellungen oder auf die von Sun verlangte Gewaltenteilung im Verfassungsstaat einzugehen. Hu sprach auch keine neuen politischen oder kulturellen Reformen für das heutige China an.

Das Erbe Suns erschöpft sich für Pekings Partei offenbar in ihrer Absicht, den Patriotismus unter Chinesen im In- und Ausland zu wecken, die Einheit und die Wiedererneuerung Chinas zu fördern. "Der Patriotismus ist das geistige Herzstück der chinesischen Nation, die starke, beseelende Kraft, um sie für das Werk ihrer Erneuerung zu mobilisieren und zu konzentrieren.“ Chinas KP-Führer weichen der Debatte über Sun aus. Äußerungen von kritischen Reformern wie dem ehemaligen Vizechefredakteur der "Volkszeitung“, Zhou Ruijin oder dem bekannten Parteioppositionellen Xin Zi-ling haben sie alarmiert.

In den vergangenen Wochen hatten die Parteiintellektuellen in Zeitschriftenartikeln oder auf Veteranentreffen, die Pekings Polizei wie Dissidentenzusammenkünfte überwachte, in Brandreden davor gewarnt, dass es heute in Chinas Gesellschaft mit ihren inneren gewaltsamen Widersprüchen und ihrer Korruption genau so heftig brodele wie zu Zeiten Sun Yat-sens, wenn auch aus anderen Ursachen. Mit lokalen Aufständen sei zu rechnen, wenn sich die Partei nicht endlich politisch reformiere und Ventile schaffe.

Debatten werden unterbunden

Philosophen wie Li Zehou oder Xu You-yu von der Akademie für Sozialwissenschaften und Historiker reihen sich ein. Sie fordern eine Neu-Aufarbeitung der von der Parteigeschichtsschreibung verfälschten historischen Ereignisse und ihrer Akteure bis zurück zur Kaiserinwitwe Cixi. Fragen, warum China nicht den Weg in eine konstitutionelle Monarchie oder Verfassungsdemokratie fand und dem Land die KP-Diktatur mit ihren Revolutionen erspart geblieben wären, müssten heute neu überlegt werden.

Im November 2010 hatten Pekinger Propagandastellen verlangt, solche Debatten über 1911 zu unterbinden. Ebenfalls sollten keine Festakte zur Erinnerung an 100 Jahre Revolution erlaubt werden, die größer als die Neunzig-Jahr-Feiern zur Gründung der KP im Juli 2011 ausfallen könnten. Die Revolutionsstadt Wuhan musste darauf ihre Pläne für einen hindert Meter hohen Gedenkturm einstampfen. Städte wie Peking stoppten Debattierwettbewerbe zur Xinhai-Revolution an den Universitäten.

Taiwan feiert den 10. Oktober

Mit ihrem nichtssagenden Festakt am Sonntag signalisiert Chinas Partei ein Jahr vor ihrem großen Stühlerücken im Oktober 2012 ihre Unsicherheit, solche Debatten führen zu müssen. Im Präsidium saßen als Zeichen der Geschlossenheit der Führer auch eine Reihe ihrer Vorgänger, vom als schwer krank vermuteten 85 Jahre alten Ex-Parteichef Jiang Zemin über Li Peng bis zu orthodoxen Altfunktionären wie Song Ping.

Erwartungen vor noch zwei Jahren, dass China und Taiwan sich angesichts des Tauwetters zwischen ihren Regierungen auf gemeinsame Festveranstaltungen zur Xinhai-Revolution verabreden könnten, haben sich zerschlagen. Taiwan feiert nun den 10. Oktober als seinen Nationalfeiertag und Sun Yat-sen als "Vater der Republik“.

Ein Riesen-Anzug für Sun Yat-sen

Peking hängte auf dem Tiananmen-Platz und in der Großen Halle riesige Porträts von Sun auf. Es beschränkte sich aber darauf, ihn zum "Nationalhelden und großartigen Patrioten“ zu machen, dessen demokratische Revolution als "Meilenstein“ den Kommunisten den Weg bereitete.

Die Verehrung Suns sitzt allerdings tief im Volk. Zehn Studenten vom Textil- und Modeinstitut der ostchinesischen Stadt Ningbo nähten als Hommage an den Republikgründer einen 4,30 Meter hohen, 40 Kilo schweren Anzug, den größten Sun-Yat-sen-Anzug der Welt.

Der Anzug steckt voller Symbole

Neue Veröffentlichungen schreiben, dass das Design der Tracht, in das Elemente deutscher Uniformen und japanischer Schulanzüge eingingen, einst von Sun entworfen wurde und ab 1929 zur Beamten-Pflichttracht wurde. Sun wollte, dass sich auch in der Kleidung seine Vision von einem neuen China widerspiegele. Selbst Mao Tse-tung trug ihn bei der Ausrufung der Volksrepublik 1949. Von da an wurde die Tracht weltweit unter dem Namen Mao-Anzug bekannt.

Chinas Parteichef Hu trug den Sun-Anzug 2009 bei den 60-Jahr-Feiern der Volksrepublik. Zur Feier am 9. Oktober kam er in dem Anzug. Vielleicht, so witzelte ein Blogger, habe Hu inzwischen erfahren, dass Sun beim Entwurf seines Anzugs eine Reihe symbolischer Bedeutungen mitplante.

Mit den vier aufgenähten Außentaschen, einer Brusttasche und fünf zentrierten Knöpfen wollte er alle Amtsträger an Gewaltenteilung, Kontrolle vor Machtmissbrauch und der Einhaltung der vier konfuzianischen Prinzipien moralischen Handelns erinnern. Die drei Manschettenknöpfe an den Ärmeln standen für sein Programm der drei Volksprinzipien, für Volkswohl, nationalen Volksstaat und Demokratie.