Migranten

Wir müssen uns Slums als Hoffnungsorte vorstellen

In seinen Reportagen deutet Doug Saunders Favelas als Startblock für eine bessere Zukunft. Eine Ausnahme gibt es allerdings: die Türken in Berlin-Kreuzberg.

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Warum nur ziehen Millionen von Menschen freiwillig in Slums? Wieso verlassen sie überhaupt ihr Dorf? Der kanadisch-britische Journalist Doug Saunders gibt auf diese Fragen eine einfache Antwort: Sie hoffen auf ein besseres Leben. Die Favelas, Gecekondular und Bidonvilles am Rand der Megastädte sind nämlich alles andere als hoffnungslose Endstationen für gescheiterte Existenzen. Sie sind im Gegenteil der Startpunkt für den sozialen Aufstieg.

Das ist eine gewagte These – und stellt das weltumspannende Phänomen der Migration in ein neues Licht. Für Saunders ist die Zuwanderung von Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen eben nicht einfach nur Ursache lästiger Probleme wie Bandenkriminalität, Islamismus, Parallelgesellschaften und Überfremdung. Er sieht in der Migration vielmehr enorme Chancen.

Millionen Menschen ziehen Jahr für Jahr vom Dorf in die Stadt. Dieser Übergang vom Landbewohner zum Stadtbürger vollzieht sich in der "Arrival City", wie Saunders sie nennt, der Ankunftsstadt – was eine freundlich-optimistische Umschreibung für ein ungeplantes Viertel am Rande der Großstadt ist.

Saunders erklärt, wie ein solches Viertel funktionieren muss, damit Menschen der Sprung in ein besseres Leben gelingt. Wo auf den ersten Blick nur bittere Armut herrscht, sieht Saunders wirtschaftliches Engagement, soziale Netzwerke und einen unbändigen Willen weiterzukommen. Drei Jahre ist er um die Welt gereist und hat Bewohner von mehr als zwanzig Ankunftsstädten getroffen. Natürlich scheitern auch viele Menschen, aber ein Großteil schafft den Aufstieg in die Mittelschicht.

Dieser Weg vom Land in die Stadt ist ein langer Prozess: Er beginnt mit dem ersten Dorfbewohner, der in die Ankunftsstadt zieht, um Arbeit zu finden. Einen Teil seines Verdienstes schickt er nach Hause. Dann ziehen erste Verwandte nach: Ehepartner, Kinder, Geschwister. Viele machen sich selbstständig, eröffnen kleine Restaurants oder Geschäfte. Netzwerke entstehen, immer mehr Dorfbewohner kommen nach. Schätzungen zufolge stammen etwa 95 Prozent aller in Großbritannien lebenden Bangladescher aus nur einem Bezirk im Nordosten des Landes.

Es ist oft die pure Not, die Menschen zum Aufbruch treibt. Denn das Leben auf dem Lande ist alles andere als romantisch. Drei Viertel der weltweit eine Milliarde Menschen, die hungern, leben auf dem Land. In abgeschiedenen Regionen Indiens müssen die Menschen heute noch Hungersnöte fürchten, die ganze Familien dahinrafft.

Armut in der Stadt ist da immer noch besser als Armut auf dem Land, zeigt Saunders mit seinen Reportagen. Eindrucksvoll, wenn auch zuweilen zu detailliert, beschreibt er einzelne Schicksale in der Ankunftsstadt. Mit Analysen allerdings hält er sich zurück. Er konzentriert sich darauf, dem Leser vor Augen zu führen, wie Migration erfolgreich sein kann .

Die Ankunftsstadt fungiert demnach als "Integrationsmaschine". Sie braucht keine Sozialarbeiter und keine von Stadtplanern entworfene Sozialwohnungen, stellt Saunders klar. Wichtig sind vor allem eindeutige Besitzverhältnisse. Die Menschen brauchen Wohnraum mit wirtschaftlich nutzbaren Flächen, damit sie sich selbstständig machen können.

In ungeplanten Vierteln entwickelt sich Dynamik

Und: Die Ankunftsstadt muss möglichst dicht besiedelt sein, damit nachbarschaftliche Hilfe möglich wird. In den ungeplanten Vierteln entwickelt sich so im Idealfall eine wirtschaftliche Dynamik, die langfristigen Wohlstand bringt. Städte profitieren von diesen florierenden Ankunftsstädten. Das war schon so während der ersten großen Migrationswelle vor mehr als hundert Jahren, als hunderttausende Menschen nach London, Chicago oder Barcelona strömten.

Wo die Ankunft aber scheitert, stagniert die Wirtschaft und es entwickeln sich "Wellen des religiös motivierten Konservatismus, der sexuellen Unterdrückung und des organisierten Verbrechens". Viele französische Banlieues sind solche gescheiterten Ankunftsstädte. Die Siedlung "Les Pyramides" bei Paris etwa gilt als architektonisch gelungen, sie ist aber so weitläufig, dass die Menschen den Kontakt zueinander verlieren. Es fehlt der improvisierte Zusammenhalt, der für den Erfolg einer Ankunftsstadt entscheidend ist.

Ohne Zuwanderung verlieren Städte ihre Lebendigkeit

Als Beispiel für eine unglückliche Umgebung führt Saunders auch Berlin-Kreuzberg an und kritisiert die deutsche Zuwanderungspolitik . Die Türken würden geradezu in ein Leben hineingezwungen, das auf "primitive Traditionen" gründet, die in großen Teilen der Türkei gar nicht mehr existierten. Den Grund dafür sieht er in der restriktiven Vergabe der deutschen Staatsbürgerschaft. Viele Türken würden so von der Gründung eines Unternehmens nach deutschem Recht abgehalten und in die Schattenwirtschaft gedrängt. Berlins Türken, konstatiert Saunders, sitzen in einer "Zeitschleife" fest.

Saunders großes Verdienst liegt in dem Perspektivwechsel, der Migration zu einem positiven Zukunftsthema macht. Sein Buch ist ein Appell an Politik und Gesellschaft, "die lästigen Ansiedlungen am Stadtrand" nicht länger zu ignorieren. Ohne Zuwanderung, so seine aufrüttelnde Warnung, verlieren Städte in aller Welt ihre Lebendigkeit.

Doug Saunders: Arrival City. Aus dem Englischen von Werner Roller. Blessing, München. 572 S., 22,95 €.