Berliner Festival

JazzFest-Leiter will mehr Kontakt zum Publikum

Nils Landgren verantwortet das diesjährige JazzFest in Berlin zum letzten Mal. Mit Morgenpost Online sprach der Posaunist über seinen Nachfolger, die Kritiker und seine Zeit in Berlin.

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Der schwedische Posaunist Nils Landgren (55) verantwortet in diesem Jahr zum letzten Mal das Berliner JazzFest, dem er zunächst 2001, dann kontinuierlich seit 2008 als künstlerischer Leiter vorstand. Mit Morgenpost Online sprach Landgren über den polnischen Schwerpunkt der aktuellen Festivalausgabe, seinen Nachfolger, die Kritiker und sein schönstes Erlebnis als JazzFest-Chef.

Morgenpost Online: Soll das diesjährige Plakat ein Kommentar zu Ihrer Amtszeit sein? Man sieht ein Raumschiff, das furios auf der Stelle stehen zu bleiben scheint…

Nils Landgren: Ich denke, es fährt in zwei Richtungen gleichzeitig. Jedenfalls ist das Plakat sehr bunt und farbig, es hat viel Humor. Der Gestalter Henning Wagenbreth hat etwas ganz Neues ins JazzFest hineingebracht. Das ist übrigens jetzt auch sein letztes JazzFest. Zum Abschied gestaltet er die Bühne beim Auftritt des Andromeda Mega Express Orchestra beim Festival-Auftakt am 2. November im Haus der Festspiele.

Morgenpost Online: Ist das sinnbildlich für Ihre Ära gewesen, das Humorvolle und Bunte?

Nils Landgren: Ich mag Vielfalt und Buntheit und stehe für ein breites Spektrum von Geographie, Alter und Stilen.

Morgenpost Online: Wie lautet Ihre persönliche Bilanz nach vier Jahren JazzFest?

Nils Landgren: Mir hat es eigentlich nur Spaß gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass ich die ganze Zeit hundertprozentige Unterstützung bekomme, von den Leuten hier im Haus und auch von der Intendanz. Meinem Nachfolger Bert Noglik wünsche ich alles Gute. Ich weiß, dass er den Staffelstab gut übernehmen wird. Er hat sicherlich einen anderen Ansatz. Ich meine aber, die Zeit ist reif für einen Wechsel. Ein Festival braucht neues Blut und neue Ideen. Der Zeitpunkt ist jetzt genau richtig.

Morgenpost Online: Polen ist der Schwerpunkt in diesem Jahr. Kann man den polnischen Jazz, der sehr früh eine große Eigenständigkeit entwickelte als Vorbild für die skandinavischen Jazzszene sehen?

Nils Landgren: Vielleicht sind die Polen unsere Vorbilder, ohne dass wir uns dessen richtig bewusst sind. Vielleicht gibt es auch Parallelen bezüglich der Folklore. Polnische Volksmusik hat viel Ähnlichkeit mit skandinavischer Volksmusik. Woran das liegt, weiß ich allerdings nicht, aber man fühlt sich in der Musik sofort zu Hause. Es ist eine wunderbare, tiefe, sehr eigenständige, aber gleichzeitig auch eigenartige Musik. Mit viel Freiheit, aber eben Freiheit mit Verantwortung.

Morgenpost Online: Es treten auffallend viele junge Musiker beim diesjährigen JazzFest auf. Wie kann man dem jungen Publikum Jazz schmackhaft machen?

Nils Landgren: Es gibt wirklich viele junge Musiker diesmal: Das BuJazzO, das Andromeda Mega Express Orchestra und das Lisbeth Quartett aus Berlin, Josef och Erika aus Schweden, Adam Baldych und Ola Tomaszewska, sie ist sozusagen die Maria Schneider Polens. Ich finde, es ist Aufgabe der jungen Musiker, Gleichaltrige für ihre Musik zu gewinnen. Wenn die Musiker kein Interesse daran haben, mit dem Publikum zu kommunizieren, dann bekommen sie keines. Das Publikum fühlt sich ja sonst vor den Kopf gestoßen. Egal in welchem Alter, wir Musiker müssen unser Publikum einladen, egal in welcher Musikform, ob Freejazz, Bebop oder Swing. Das Problem ist nicht die mangelnde Zugänglichkeit der Musik, vielmehr ist es die Verständigung zwischen Musiker und Zuhörer, die fehlt. Man sollte an Jazz-Unis vielleicht Kommunikation als Fach einführen.

Morgenpost Online: Was sagen Sie zu dem Vorwurf der Kritiker, Sie seien zu harmoniebedürftig und zu kompromissbereit?

Nils Landgren: Das ist auch eine Sache der Kommunikation. Ich bin eben mehr für Konsens als für Streit. Ich will die Musik nicht intellektueller machen, als sie schon ist. Das überlasse ich dem Publikum. Erst mal muss man die Türen öffnen und dann kann jeder selber entscheiden. Ein Jazzfestival muss zugänglich sein, alle beklagen sich über zu wenig Publikum, aber wenn es dann kommt, dann ist es auch schlecht. Ich mache ein Jazzfestival nach meinem Sinne, eines, das ein Publikum anspricht. Denn ohne Publikum sterben wir. Ich bin ein zugänglicher Mensch, manchem missfällt das und manchem nicht. Ich bin aber nicht bereit, meine Persönlichkeit zu verändern. Sind die Kritiker ja auch nicht.

Morgenpost Online: Bei Ihrem Abschieds-JazzFest treten Sie jetzt auch offiziell auf…

Nils Landgren: Ja, mit Joe Sample, der seine Sklavengeschichte in zehn Kompositionen für die NDR Big Band verarbeitet hat, die zum Besten gehören, was er in seiner Karriere gemacht hat. Joe und ich, wir beide kennen uns schon sehr lange, er wollte mich als Musiker und Teil seines Projektes dabei haben. Ich dachte, beim letzten Mal kann ich mir es erlauben, aufzutreten. Sonst hielt ich mich ja immer im Hintergrund.

Morgenpost Online: Wie froh sind Sie, jetzt wieder ein freier Musiker zu sein?

Nils Landgren: Freier Musiker bin ich immer gewesen und werde es auch immer sein. Ich habe es auch nicht als Druck gesehen, das JazzFest zu leiten. Sicher, es ist eine große Verantwortung. In Stockholm habe ich übrigens eine Veranstaltungsreihe gegründet, in der ich deutsche Musiker vorstelle. Ich wollte damit dem Land, dem ich so viel zu verdanken habe, etwas zurückgeben.

Morgenpost Online: Was war das schönste Erlebnis in Ihrer Zeit als JazzFest-Leiter?

Nils Landgren: Ich hoffe, dass mein schönstes Erlebnis dieses Jahr kommt.