"Maischberger"

Wenn Mobbing zur billigen Art der Kündigung wird

Ist die heutige Arbeitswelt unmenschlich und Mobbing institutionalisiert? Bei Sandra Maischberger traf Norbert Blüm auf einen Spezialisten für reibungslose Kündigungen.

Foto: ARD/WDR/Markus Tedeskino / ARD/WDR/Markus Tedeskino/ARD-Programmdirektion

Was Sandra Maischberger und ihre Redaktion unter dem Titel "Ich hasse meinen Boss! Überleben in der Arbeitswelt" zusammenfassen, weist schon am Anfang ein großes Problem auf: Man erkennt nicht so recht, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Geht es um Mobbing? Geht es um verschärfte prekäre Arbeitsverhältnisse? Oder geht es um unfähiges Führungspersonal?

Die Sendung beginnt mit einem Fragenkatalog an den Experten für Arbeitsrecht, Wolfgang Büser. Darf mein Chef verlangen, dass ich das Büro putze? "Wenn ich die Putzfrau bin, dann schon", sagt der süffisant. Ansonsten wohl aber eher nicht. Darf mein Chef kontrollieren, ob ich wirklich krank bin?

Beat Bolzhauser, Schweizer Unternehmer, der mit der Aussage "Ich bin autoritär" zitiert wird, macht durchaus Krankenbesuche bei seinen Mitarbeitern und ist dabei rechtlich wohl auf der sicheren Seite.

"Zigaretten und Kaffeepausen gibt es bei uns nicht", sagt der Unternehmer mit Berufserfahrung bei der schweizerischen Armee. Kontrolle und Stechuhr sind Eckpunkte seines Führungsstils, so scheint es.

Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm sieht das traditionell anders. Ohne Vertrauen zwischen Chef und Mitarbeiter könne keine Firma gut arbeiten, da helfe dann auch keine Kontrolle mehr. Überhaupt sei ein Grundproblem, dass die Unternehmen heute ihr Führungspersonal ständig wechselten, eine wirkliche Bindung, eine Identifizierung des Arbeitnehmers mit seinem Betrieb, könne so nicht mehr entstehen.

Das ist Wasser auf die Mühlen von Martin Wehrle, der einen Bestseller unter dem Titel "Ich arbeite in einem Irrenhaus" geschrieben hat und als Coach Arbeitnehmer berät: "Führungskräfte sind heute oft Durchreisende. Da kann kein Vertrauen entstehen." Wer Mitarbeiter kontrolliere, der demotiviere sie zudem, beraube sie der Chance, selber ihre Kräfte für die Firma zu entfalten. Den Chefs ginge es heute nur noch um "Profitdenken".

Die dunkle Aura des Kündigungs-Anwalts

Für Rüdiger Knaup, einen Rechtsanwalt, den Firmen meist dann buchen, wenn Kündigungen anstehen und man jemanden braucht, der das professionell organisiert, sind Chefs "heute auch nicht anders" als früher. 30.000 Mitarbeitern soll Knaup schon im Namen von Unternehmen gekündigt haben. Das gibt ihm irgendwie eine dunkle Aura.

Knaup kündigt gern am Freitag, weil der Geschasste dann wenigstens die Möglichkeit habe, sich zu verkriechen. Bei seiner Arbeit gehe es im Übrigen "nicht um Gewinnmaximierung, da geht es um Existenzsicherung."

Das sieht Martin Wehle ganz anders: "Aus Profitdenken heraus riskieren es die Unternehmen, dass die Menschen sich umbringen". Man denkt unwillkürlich an den Skandal um die Mitarbeiter des taiwanischen Zulieferers für Apples iPhone. Bei "Foxconn" stürzten sich im letzen Jahr reihenweise Mitarbeiter aufgrund unwürdiger Arbeitsbedingungen in den Tod .

Sylvia Pleuger, ehemalige Leiterin eines Pflegedienstes, hätte das beinahe auch getan. In Deutschland. Über Jahre wurde sie von ihrem Chef gemobbt, bis sie so zermürbt und verzweifelt war, dass sie selber die Kündigung einreichte. Bei ihren Schilderungen spürt man, wie traumatisch dieses Erlebnis immer noch für sie ist.

"Auf keinen Fall zum Selbstkündigen bringen lassen"

Dass sie am Ende selbst aufgab, wie es ihr Chef durch das Mobbing beabsichtige, sieht sie heute als großen Fehler. "Arbeitnehmer, die gemobbt werden, sollten sich auf keinen Fall zum Selbstkündigen bringen lassen, dann geben sie die Karten aus der Hand", meint denn auch Rechtsanwalt Rüdiger Knaup.

"Mobbing ist also billiger als kündigen", resümiert Sandra Maischberger. Und das klingt dann doch arg zynisch angesichts des Martyriums, dass Sylvia Pleuger durchleiden musste.

Ständig schwankt die Diskussion hin und her zwischen dem Thema Mobbing und der Frage, ob nicht viele Arbeitsverhältnisse von heute per se als institutionalisiertes Mobbing zu sehen sind. Gerecht wird sie dabei beiden Feldern nicht.

Am Ende ist es "ARD-Rechtsexperte" Wolfgang Büser, der mit einem ganz praktischen Tipp überrascht: "Ich wünsche mir, dass mehr Arbeitnehmer irgendwann die Courage haben, sich einer Gewerkschaft anzuschließen. Auch wenn das dem Arbeitgeber nicht immer passt."

Und das klingt dann angesichts der aktuellen Lage in der "Arbeitswelt" plötzlich wirklich wie ein guter Ratschlag.