Castingshow

Ruhrpott-Kommissar als sexy Sänger mit "X Factor"

Keine DSDS-Klassenclowns, keine Bohlen-Hammersprüche: "X Factor" will echte Talente fördern. In der zweiten Live-Show wurde ein Duisburger Cop zum Favoriten.

Irgendetwas machen die Verantwortlichen dieser Casting-Show anders als etwa Branchen-Primus „Deutschland sucht den Superstar“. Wenn Vox mit „X Factor“ nach Sängerinnen und Sängern mit dem gewissen Etwas sucht, dann geht es dem Sender natürlich auch nur um das Eine, und zwar um Einnahmen.

Und trotzdem kann man glatt glauben, dass es der Jury – Sängerin Sarah Connor, Star-Trompeter und Produzent Till Brönner und Deutsch-Rapper Das Bo – auch ein persönliches Anliegen ist, musikalische Talente zu fördern.

Mit reichlichen Emotionen auf allen Seiten sorgte jetzt die zweite Live-Show der aktuellen Staffel wieder für diesen Eindruck, den man bei DSDS kaum hat. Unter dem Motto „Die größten Radiohits" trat diesmal eine verbliebene Top 10 aus ursprünglich über 25.000 Bewerbern gegeneinander an. Klassenclowns der Marke „Checker“ oder „Küblbock“ sind erfreulicherweise nicht Teil des Konzepts.

Bei „X Factor“ sind die Kandidaten in drei Kategorien eingeteilt. Für jede von ihnen ist ein Jury-Mitglied zuständig. Till Brönner berät die Solo-Sängerinnen und Sänger ab 25 Jahren, Das Bo die jüngeren Einzelkämpfer ab 16 Jahren.

Sarah Connor hat die unter ihre Fittiche genommen, die als Duos oder Gruppen angetreten sind. Das schafft ganz offenbar ein allgemeines Verantwortungsgefühl. Für Sammlungen markiger „Hammersprüche“ gegenüber Teilnehmern, wie man sie von Superstar-Sucher Bohlen kennt, taugt diese Sendung nicht.

Connor, Brönner und Bo legen sich für ihre eigenen Schützlinge ins Zeug, sparen aber auch nicht mit Lob gegenüber den anderen Kandidaten, wenn sie es für angebracht halten.

"Was für ein tolles Lächeln, was für ein Typ!"

Ein Bewerber, auf den sich alle einigen können, ist ausgerechnet Polizist. Der Duisburger David Pfeffer sieht nicht nur gut aus, sondern klingt auch so. „Sergeant Pepper“, so sein neuer Spitzname, nahm samt Gitarre auf einem Barhocker Platz und brachte eine Akustik-Version des Kings-of-Leon-Songs „Use Somebody“.

„Was für ein tolles Lächeln, was für ein Typ! Du machst mich jede Woche ein bisschen neugieriger!“, urteilte Sarah Connor über den 29-Jährigen.

Das weibliche Pendant zum schönen Ruhrpott-Kommissar in Sachen „Star-Qualitäten“ ist Raffaela Wais. Die 22 Jahre alte brünette Studentin überzeugte in einem langen fliederfarbenen Kleid und vor allem mit dem Song „Soulmate" von Natasha Bedingfield. Mentor Bo war stolz auf die Berlinerin und fand, dass sie für „den bisher besten Auftritt der gesamten Staffel“ gesorgt hatte.

Aber auch mit Ecken und Kanten kann man in diesem Format allgemeine Sympathiebekundungen ernten. Das zeigte Volker Schlag mit seiner kraftvollen Interpretation der „Ich + Ich“-Nummer „Pflaster“.

Nach dem Auftritt des kernigen 44-Jährigen, der sich in Fantasie-Uniform und rotem Hut als Direktor in der Manege inszeniert hatte, begeisterte sich Sarah Connor: „Was für ein Zirkus!“ Und das, obwohl ihr etwas nicht entgangen war: „Du warst nicht immer auf dem Ton.“ Auch Till Brönner hatte „Texthänger“ gehört, „aber das ist nicht die Strichliste, die das hier entscheidet“.

Entscheidend war – zunächst jedenfalls –, wer nach den zehn Auftritten die meisten Zuschauer dazu bewegen konnte, für ihn anzurufen. Als es um 22.43 Uhr hieß „Die Leitungen sind geschlossen“, hatten sich alle auf der Bühne versammelt.

"Und jetzt habe ich die Arschkarte“

Hand in Hand standen sie da, die Drei aus der Jury und ihre Schützlinge. Mit extrem angespannten Gesichtern warteten sie auf das Ergebnis der Telefonabstimmung. Besonders Sarah Connor wirkte ehrlich nervös und schickte flehende Blicke gen Himmel. Denn die beiden Kandidaten, die in der Woche zuvor den Wettbewerb verlassen verlassen müssen, stammten aus ihrem Lager.

Diesmal musste sich nur eine verabschieden. Die Fraktion der Pop-Queen aus Delmenhorst traf es nicht, was diese mit einem Erleichterungsschrei aufnahm. Die wenigsten Anrufer hatten die 25-jährige Gladys Mwachiti und das Nesthäkchen Monique Simon (16) erhalten. Die beiden traten schließlich „im gefürchteten Gesangsduell“ gegeneinander an.

Und danach entschieden diesmal nicht die Zuschauer, sondern die Jury. Da Brönner und Bo sich natürlich jeweils für ihre Kandidatin aussprachen, stellte Connor fest: „Und jetzt habe ich die Arschkarte“. Ihre Entscheidung, dass die eigentlich stärkere Gladys gehen musste, könnte Kalkül gehabt haben: Vielleicht ist Monique nächste Woche eine schwächere Konkurrenz für die Connor-Kandidaten.

Ganz ohne Ego-Trips geht es offenbar auch in dieser Bohlen-freien Casting-Zone nicht. Die drei, die bei „X Factor“ hinter dem Pult sitzen, sind schließlich alle gestandene Größen im deutschen Showgeschäft. Sie wollen sicher auch sich selbst vermarkten. Aber das machen sie verhältnismäßig dezent.

Dass es ernsthaft darum geht, Gesangstalenten eine Chance auf eine Karriere im Musikgeschäft einzuräumen, soll offenbar die Zusammenarbeit mit diversen deutschen Radiosendern unterstreichen.

Vertreter einiger Wellen wurden in den Vorstellungsfilmchen der Kandidaten immer wieder als Musikexperten zitiert, wohl um die Marktauglichkeit zu bezeugen. Im Falle der ersten deutschen Staffel von „X Factor“ fruchtete keine Strategie. Die damalige Siegerin Edita Abdieski hat den Durchbruch nicht geschafft.

Wer auch immer die aktuelle Staffel gewinnen wird: Die Verantwortlichen dieser Casting-Show sollen ruhig weiterhin einiges „irgendwie anders“ machen.