Frankfurt-Resümee

Stocknüchtern auf der Buchmesse – Ein Selbstversuch

Hey, du siehst ja erholt aus: Die Frankfurter Buchmesse einmal ohne Alkohol erleben. Die finale Ernüchterung eines Literaturkritikers.

Es begann mit der SMS eines Kritikerkollegen, Montagabend, 23.03 Uhr: „Hey richard, hier buchpreis, alle betrunken. Bist du in frankfurt oder gar im clubkeller?“ Bereits da empfand ich schon ein kleines, stilles, aber rückblickend etwas voreiliges Triumphgefühl. Ich war nicht nur nicht betrunken, sondern noch gar nicht in der Stadt und also nicht bedroht von Absackerexzessen in dunklen Spelunken oder der berüchtigt überteuerten Hotelbar des „Frankfurter Hofs“. Wie alle anderen. Wie normalerweise. Wie immer.

Die Buchmesse hatte noch gar nicht begonnen, und doch konnte ich mich bereits als Außenseiter fühlen. Lektoren, Kritiker, Presse-„Damen“, Shortgelistete und Zukurzgekommene, sie alle würden, so stellte ich mir am Dienstagmorgen keuchend auf dem Ergotrainer vor, bereits in diesem Moment mit einem verfluchten Kater ums Frühstücksbuffet schleichen und auf den Räucherlachs schielen, während ich, frisch und ausgeschlafen, im ICE gen Frankfurt gleite.

Diesmal würde alles anders sein. Diese Buchmesse, meine dreißigste, Leipzig miteingerechnet, würde ich ohne einen Tropfen Alkohol verbringen. Ich würde ungewöhnlich tiefe Gespräche führen, viele neue interessante Menschen kennenlernen und mich hinterher an alles und alle erinnern können. Ich würde viel schlafen, vielleicht sogar mal am Mainufer joggen gehen. Die Sportschuhe hatte ich eingepackt, auch das neue „Merkur“-Sonderheft über „Nonkonformismus“, vielleicht hat man ja mal ein Stündchen Luft, vor dem Frühstück.

Man muss dazu wissen: Eine Buchmesse ist ein einziges großes Alkoholereignis. Das ist zwar jeder Branchentreff, aber wahrscheinlich wird selbst auf einer Ausstellung für Brauereitechnik nicht so viel gebechert wie bei der Buchmesse. Schließlich ist Alkohol ja selbst schon so gut wie Literatur. Es gibt Hemingway und F. Scott Fitzgerald, es gibt die russischen Trinkerromane oder Harry-Rowohlt-Lesungen. Überhaupt Drogen und Rausch – Gottfried Benn, Ernst Jünger, Henri Michaux, die ganze Truppe. Eine Buchmesse ohne Alkohol, das ist wie eine Alkoholmesse ohne Messe, also ziemlich sinnlos.

Um zwölf bin ich im Bett, herrlich

Erster Termin ist das Klett-Cotta-Verlagsessen. Das schaffe ich ganz locker, einfach immer den Kellner abwimmeln, der das Glas füllen will und großen, ja riesengroßen Durst auf Mineralwasser vortäuschen. Und die anderen sind auch gar nicht sooo betrunken, eher ein bisschen fertig vom Vorabend. Ich werde schnell müde, zu wenig Kohlenhydrate. Um zwölf bin ich im Bett, herrlich.

Die Messe beginnt ja erst richtig am nächsten Tag, am Mittwoch. Hier gibt es die schöne Institution der Happy Hour, die wird rituell um 17 Uhr eingeläutet, wo dann wahlweise umsonst „Wine and specialties“ oder auch „Sekt und isländische Häppchen“ serviert werden, manche Verlage machen das jeden Tag, das sorgt für großes Hallo und gute Presse. Der Suhrkamp Verlag nennt seine Happy Hour „Kritikerempfang“ und lädt dazu in die Unseld-Villa in die Klettenbergstraße. Für Abstinenzler ist das schon ein echter Härtetest, denn erfahrungsgemäß wird die erste Stunde meist eher unhappy.

Diesmal spricht der in Taiwan lebende chinesische Lyriker, Übersetzer und Regimekritiker Bei Ling über Vaterland und „mother tongue“. Als Vortragssprache hat er eine Art Englisch gewählt, für dessen Lektorat sich Suhrkamp offenbar nicht zuständig fühlte. Immer wieder erwähnt er ein Land namens „Igilo“, in dem er wohl viel herumkommt. Oder ist es eine Stadt, „Eggilow“, vielleicht hat er da mal ein Stipendium gehabt?

Im "exile" lebt der Dichter, logisch

Jedenfalls bin ich hier sehr froh, den Silvaner aus dem Elsass ausgeschlagen zu haben. Denn sonst müsste ich vielleicht noch losprusten, und das wäre dem bitteren Schicksal der chinesischen Opposition wirklich nicht angemessen. Erst fast am Ende der Rede, der alle gebannt und verständnislos lauschen, fällt der Groschen: Im „exile“ lebt der Dichter, logisch!

Dann geht die Party los. In der Enge des Alt-Unseldschen Gedächtnis-Wohnzimmers mache ich Bekanntschaft mit den unterschätzten Gefahren des Passivsaufens, der direkten Alkoholübertragung durch die Atemwege, auch Trinkerhusten genannt. Bevor ich vom Geruch blau werde, setze ich mich aufs Sofa neben Sibylle Lewitscharoff, die auch nur Saft trinkt, aber wie immer beschwingt wirkt und erklärt, dass sie vollkommen happy mit den erhaltenen Preisen ist, der Buchpreis auch noch, das wäre wirklich zu viel des Guten gewesen. Wenn sie mehr Leser wollte, könne sie ja einfachere Bücher schreiben. Will sie aber nicht.

Dieser Mittwoch ist der härteste Tag, das sagen alle, weil nach Suhrkamp Rowohlt folgt, in der Rotunde des ehemaligen Schirn-Cafés. Einige nehmen sich richtiggehend vor, hier komplett abzuschmieren, damit sie sich für den Rest der Messe aus Scham am Riemen reißen müssen. Wer seit fünf ununterbrochen trinkt, ohne zwischendurch mal was Ordentliches zu essen, der ist spätestens um zehn nur noch sehr eingeschränkt kritikfähig. Ein Freund steht neben mir und kriegt gar kein Wort mehr heraus, blöd auf einer Literaturparty, wo nicht getanzt wird. Am nächsten Tag hat er eine Beule und weiß nicht mehr woher.

Ich gehe mit meiner Nüchternheit auf die Nerven

Für mich wird es jetzt langsam brenzlig. Nicht nur, dass ich den anderen zunehmend mit meiner Nüchternheit auf die Nerven gehe, weil sie vermuten, ich würde wie eine Stasi-Wanze jedes Partygespräch mitschneiden und bei Facebook posten. Irgendwie mache ich auch manchem ein schlechtes Gewissen, daher variiere ich meine Begründungen. Nachgeholte Fastenzeit, Schlankheitswahn, kleiner „Selbstversuch“, Unverträglichkeit mit schweren Medikamenten, da fragt dann keiner mehr nach.

Als man um mich herum mit Anfassen und Knutschen anfängt, wünsche ich mir für eine Sekunde, ich hätte nur mal mit dem Fleischessen kürzergetreten, aber gut.

Im „Frankfurter Hof“ , Endhaltestelle und Sackbahnhof des Messetrubels, fühle ich mich dagegen wie ein Cyborg mit Superkräften, hellwach und doppelt so fix wie alle anderen. Ich habe Mühe, meine Kommunikationsfähigkeit mit den Wanke- und Grinsemenschen aufrechtzuerhalten. Dialog: „Hi, ich bin die Katharina.“ – „Ah, so heißt meine Mutter auch.“ – „Irre, so ein Zufall.“ – „Käthe ist heute wieder ein schöner Name für ein Mädchen.“ Und so weiter. Trotzdem wird es vier. Hey, was ist mit Joggen? Gibt ja auch Room Service.

Der ultimative Stresstest für Anti-Alkoholiker

Dann ist schon um 13 Uhr wieder Empfang mit Wein; einige kommen offenbar direkt aus dem Bett. Was ich langsam nicht mehr hören kann, ist die Begrüßung: „Hey, du siehst ja erholt aus.“ Erstens, weil ich die nicht zurückgeben kann, die anderen sehen nach drei Messetagen völlig zerschossen aus. Und zweitens, weil ich denke, dass ich vor meinem Gelübde bei solchen Anlässen auch brutal fertig gewirkt haben muss.

Donnerstagabend dann der ultimative Stresstest für Anti-Alkoholiker: Der berüchtigte FVA-Empfang bei Joachim Unseld daheim. Überraschenderweise gibt es hier eine harte Tür, sogar die Namen der Begleitpersonen werden notiert, angeblich gab es in den letzten Jahren Fälle von Vandalismus. Doch solange ich da bin, geht nur ein Rotweinkelch zu Bruch. Es soll ein Autor da sein, den ich verrissen habe, daher bin ich etwas auf der Hut, vielleicht wird der ja im Suff aggressiv. Andere wollen sich ja eher mit einem versöhnen, auch komisch, als ginge es in der Literatur eigentlich doch um nichts Ernstes.

Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Tanzen geht immer, deswegen noch schnell zur Piper-Party im sehr frankfurtmäßig prolligen „Velvet Club“, wo alle heimlich Charlotte Roche auf der Tanzfläche beobachten und dabei – vergebens – auf eine kleine Sauerei warten. Hier hantiert der feinmotorisch nicht mehr ganz perfekt eingestellte Verleger Marcel Hartges selbst an den Turntables. Aber die Übergänge kann bestimmt kein Kritiker mehr rezensieren. Um drei Uhr morgens wird sowieso auf alles getanzt: Jan Delays „Wir machen das klar“ ist das Gebot der Stunde, während ich alkoholfreie Bierchen vernasche, als käme kein morgen. Kam dann auch nicht.

Der Tag schlich eher heimtückisch heran und brachte mir schlagartig – kaum Schlaf, zwei Texte vor der Brust – die revolutionäre Erkenntnis, dass kein Alkohol auch keine Lösung ist. Was lernen und was erleben, das kann man stocknüchtern selbst auf der Frankfurter Buchmesse, aber übers Nichttrinken und Trinkergucken schreiben – das geht nur, ich sach mal, leicht angeheitert. Zum Glück kam Freitagnachmittag beim Isländerfest eine personifizierte Verführung mit einer Flasche Brennivin des Weges, und dann dachte ich – müde, bewusst, selbstzufrieden und fremdgeschämt: Beim Thor, was soll’s, der Text ist im Kasten, lassen wir’s krachen.