Occupy-Wall-Street

Obama redet der Facebook-Generation zu viel

Die Banken-Kritiker in New York setzen auf elektronikferne Kommunikation und zeigen damit, dass Barack Obama längst zum Sprechaktpräsidenten geworden ist.

Foto: Reuters/AFP

Der Zuccotti Park in Lower Manhattan ist das Zentrum der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Hunderte von Schlafsäcken und kleinen Zelten, Bands mit Schlagzeugen und Blechblasinstrumenten, Organic-Food-Picknicks, Freiluft-Buchläden, junge Leute, die das professionell redigierte "Occupy Wall Street"-Journal verteilen. Das Selbstbewusstsein der Teilnehmer ist groß: Sie vergleichen ihre Besetzung mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre. Die Rezession, in welche die USA steuern, macht die Gründe für den Aufruhr verständlich: Arbeitslosigkeit und Armut nehmen zu.

Die Besetzer praktizieren Gewaltlosigkeit. Auf dem Marsch zum Washington Square in Greenwich Village bleiben sie brav auf dem Bürgersteig, um den Verkehr nicht zu stören. Die meisten Plakate sind handgemalt, oft so winzig, dass der Träger des Protests einem in die Augen sieht, wenn man versucht, seine Botschaft zu entziffern. Ein diffuses, dem Beobachter unmittelbar sympathisches Gemeinschaftsgefühl wirkt stärker als die Parolen. Eine General Assembly, zu der jeder Zutritt hat, beschließt über das weitere Vorgehen. Hier protestiert nicht Marx, sondern Rousseau.

Dies ist die Facebook-und-Twitter-Generation – und doch fällt auf dem Washington Square eine elektronikferne Form der Kommunikation auf. Die Redner dürfen keine Mikrofone benutzen. Mit zwei Händen formen sie eine Art natürliches Megafon, kleine Gruppen geben die Botschaft einander weiter: stille Post. Beifall und Ablehnung erfolgen durch Handzeichen. Dies ist auch die Obama-Generation, aber der Adressat ihres Protestes sind nicht nur die Reichen im Lande und die Banker der Wall Street, sondern auch die Regierung – und damit Präsident Obama.

Obamas Popularität schwindet

Es genügt, Auftritte des Präsidenten im Fernsehen zu verfolgen, um zu verstehen, warum Obamas Popularität bei seinen früheren Anhängern schwindet. Er kündigt vor dem Mikrofon eine Gesetzesvorlage an – und wendet sich danach ab, als ob das Gesetz bereits in Kraft getreten sei. Die Rhetorikfalle ist für den Präsidenten zum Verhängnis geworden. Er redet zu gut und tut zu wenig.

1955 hielt der Philosoph John Austin in Harvard Vorlesungen mit dem Titel "How to Do Things with Words". Es war die Geburtsstunde der sogenannten Sprechakt-Theorie. Ihr Gegenstand waren Äußerungen wie Versprechen, Warnungen und Anordnungen, die bereits Handlungen sind: Gesagt, getan. Obama ist zum Sprechaktpräsidenten geworden: Seinen Anhängern vermittelt er den Eindruck, zufrieden zu sein mit dem, was er sagt – und sich nicht energisch genug darum zu mühen, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Die Wall-Street-Besetzer werden einen Präsidenten nicht wiederwählen, der seinen Worten keine Taten folgen lässt.